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Duderstadt Handyvertrag für Enkel - hohe Rechnung für Oma
Die Region Duderstadt Handyvertrag für Enkel - hohe Rechnung für Oma
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21:13 15.08.2013
Glück nach dem Schrecken: Die 460 Euro, für die ihre Enkel Internet-Dienste bestellte, muss Angelika Wenig-Gerstler nicht bezahlen. Quelle: Thiele
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Duderstadt

Durch sogenannten Mehrwertdienste von Drittanbietern – zum Beispiel Abos oder Apps – können hohe monatliche Kosten entstehen. Die Drittanbieter lassen ihre Forderung über die Handyrechnung der Mobilfunkunternehmen eintreiben. Um es gar nicht erst zu einer Kostenexplosion kommen zu lassen, können Verbraucher Mehrwertdienste sperren lassen. Wenig-Gerstler hatte bei Vertragsunterzeichnung um eine solche „Drittanbietersperre“ gebeten, worauf der Verkäufer diese umgehend telefonisch beim Mobilfunkanbieter veranlasste. Ohne Erfolg. Der Schrecken kam mit der hohen Rechnung.

Mit dieser bewaffnet ging die Rollshäuserin in den Duderstädter Telefonladen, um zu erfahren, dass beim Mobilfunkanbieter zwar ein Anruf  eingegangen war, über dessen Inhalt allerdings nichts bekannt sei. „Die Beweislast über die Vereinbarung der Drittanbietersperre liegt in diesem Fall bei Frau Wenig-Gerstler“, sagt Sascha John von der Göttinger Rechtsanwaltskanzlei VSM. John erklärt: „Grundsätzlich dürfen Zusatzvereinbarungen zu Mobilfunkverträgen zwar auch mündlich geschlossen werden. Im vorliegenden Fall hat die Kundin jedoch Schwierigkeiten, das auch nachweisen zu können.“ John empfiehlt, gleich bei Vertragsschluss um eine schriftliche Bestätigung der Drittanbietersperre zu bitten.

Ohne Drittanbietersperre schwierige Sache

Das rät auch Kathrin Körber von der Verbraucherzentrale Niedersachsen in Göttingen. „Ein Smartphone ist ein Computer und kein Handy“, sagt Körber. „Ohne eine Drittanbietersperre sind die angelaufenen Kosten eine schwierige Sache.“ Problematisch sei vor allem, wem das Verhalten des Kindes zugerechnet werden kann. Da Minderjährige geschützt sein sollten, kann ein Kind oder Jugendlicher keinen Handyvertrag vor dem 18. Lebensjahr abschließen. Darum machten dies die Eltern oder Großeltern. Schwierig sei also festzustellen, ob das Kind aus Versehen in eine Abofalle getappt sei oder ob tatsächlich der Wille zum Kauf einer Sache bestanden habe.

„Es lohnt sich in jedem Fall, gegen die Forderungen vorzugehen“, rät Anwalt John. Mobilfunkanbieter ließen oftmals aus Kulanz ihre Ansprüche fallen. So auch im Fall Wenig-Gerstler: Nach mehreren Telefonaten mit dem PR- und Serviceteam der Deutschen Telekom im Zuge der Recherchen des Eichsfelder Tageblatts sagt Telekom-Mitarbeiter Michael Koerstgen: „Wir erstatten Frau Wenig-Gerstler den Betrag einmalig – aus Kulanz.“ Auch einen weiteren hohen Betrag, der erst mit der nächsten Rechnung abgebucht werden sollte, braucht die Rollshäuserin nicht bezahlen.

Tipps, um Kostenfallen zu vermeiden:

  • Handy gegen Mehrwertdienste durch „Drittanbietersperre“ mit einen Anruf beim Kundenservice schützen lassen und um schriftliche Bestätigung bitten.
  • Wer das Internet übers Handy nicht nutzen will, kann die Datenfunktion am Gerät auch ganz ausschalten. Auf test.de/datenverkehr-ausschalten wird an einigen Handys gezeigt, wie das geht.
  • Auch bei Prepaidtarifen kann man bei zeitlich verzögerter Abrechnung ins Minus rutschen. Im Vertrag nachschauen – darauf muss im Kleingedruckten zu den Tarifen hingewiesen werden.
  • Pauschaltarif für Internetverbindungen übers Handy (Datenflat-rate) abschließen. Nur so können die Kosten kontrolliert werden.

► Kommentar: Volle Kontrolle?

Nina Winter

Kostenkontrolle per Vertrag ist super, zumal gerade Kinder und Jugendliche leicht in von Marketingexperten eigens für sie ausgelegte Abofallen tappen. Was aber, wenn der Sprössling bewusst Dienste in Anspruch nimmt?

Ein Smartphone ist ein Computer, nicht bloß ein Handy. Wie kontrolliert man, was Junior online treibt? Die Lösung kann nicht sein, den Nachwuchs mit rückschrittlicher Technik auszustatten. Auch das Herunterspielen der Problematik durch Vergleiche zur eigenen Jugend hinken: Das heimliche Durchstöbern von Opas Playboysammlung im Kellerversteck ist nicht annähernd mit dem millionenfachen Angebot sexueller und aggressiver Inhalte online vergleichbar. Facebook & Co geben Jugendlichen die Möglichkeit, Freundschaften zu pflegen – eine Art Fortsetzung der früheren Dauertelefonate mit nur einem Freund. Teenager nutzen das Internet als virtuellen Pausenhof. Auch wenn hier Gefahren lauern, Stichwort Mobbing.

Das Internet ist Teil unseres Lebens, unserer Gesellschaft und Alltags. Den Umgang damit zu erlernen, das richtige Maß zu finden und ein Bauchgefühl für „richtig“ und „falsch“, „gefährlich“ und „vertraulich“ zu entwickeln, ist ein Prozess – den Erwachsene genau so lernen müssen wie Kinder.

Also: Keine Angst vor neuer Technik! Den Nachwuchs fragen, wenn man etwas nicht versteht und sich helfen lassen. Gemeinsam handyfreie Zeiten nutzen. Alle Medien ins Wohnzimmer schaffen, als Teil des Familienlebens. Aushalten, dass eine Horde Kumpels das Sofa belegt und spielt. Nur so bekommt man mit, was die Kinder machen. Und die Jugendlichen haben abseits des Netzes einen Raum, um sich zu treffen.

Von Nina Winter