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Duderstadt Herr und Meister über tausend wollene Rasenmäher
Die Region Duderstadt Herr und Meister über tausend wollene Rasenmäher
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19:02 17.11.2011
Auf einem Acker bei Hilkerode: Berufsschäfer Bernd Bodmann wacht über seine 570 Tiere starke Herde. Quelle: Thiele
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Eichsfeld

Ob sein Beruf eine Zukunft hat, da ist der Mann mit der rosig-gesunden Gesichtsfarbe und dem festen Händedruck nicht sicher. Doch für solche Gedanken hat Schäfer Bernd Bodmann an diesem Herbstmorgen keine Zeit. Jetzt wird der Hund aus dem Kofferraum gelassen, während Vater Willi den Pferch abbaut, in dem die Herde die Nacht am Rande von Hilkerode verbracht hat, am Rande der buckligen Welt, wie man die hügelige Gegend nennt. Bodmann richtet seine Gummistiefel, kontrolliert den Sitz seines Hutes und stapft mit einem Schwarzdorn-Stab in der Hand in Richtung der ersten Wiese. Jetzt ist er erst einmal das Alpha-Schaf – und das Alpha-Schaf zeigt der Herde, wo es langgeht. Als der 45-Jährige seine „Komm-Komm-Komm“-Rufe zwischen Bitte und Imperativ anstimmt, setzen sich 570 Schafe und 50 Ziegen in Bewegung.

Bodmann mag seine Paarhufer. Klar, ganz helle sind die Schafe nicht, typische Wiederkäuer, setzen einen Fuß vor den anderen und kauen, kauen, kauen, was das Zeug hält. „Hauptsache, sie haben Gras vor der Schnauze.“ Der Seeburger ist hauptberuflicher Hüteschäfer – einer von zweien im gesamten Landkreis Göttingen.

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Das Alpha-Schaf hat keinen einfachen Job – aber einen, den es liebt. Deshalb hat der Schäfer aus Leidenschaft binnen eineinhalb Jahren den Meisterlehrgang absolviert – ein Kraftakt. „Tierwirtschaftsmeister im Fachbereich Schafhaltung“ lautet der bürokratische Titel, mit dem er in Südniedersachsen allein ist. In ganz Niedersachsen gibt es nur rund 15 weitere Meisterschäfer. Die Statistik spricht gegen den Job. Die Zahl der Berufsschäfer befindet sich seit Jahren im Sinkflug: Deutschlandweit sind es noch 2000. Bei einem Netto-Stundenlohn von knapp über drei Euro ist das kein Wunder. „Man muss Spaß dran haben. Andere sitzen gern im Büro. Wir können davon leben, weil die ganze Familie mitmacht.“

Die wenigen Ausreißer unter den Leine-, Schwarzkopf- und Merino-Schafen an diesem Morgen hält die altdeutsche Hütehündin Lady in Windhundgeschwindigkeit in Schach. Zweieinhalb Jahre ist sie alt – und somit noch in der Ausbildung.

Gegebenenfalls verschafft sich die Hündin etwas Respekt, in dem sie die Schafe zwickt. Je nachdem welches Körperteil sie als Ziel dabei bevorzugen, tituliert man die Hütehunde als „Rippen-“, „Nacken-“ oder „Schenkelbeißer“. Lady ist – gar nicht damenhaft – eine Schenkelbeißerin.

Als die Schafe ihren Futterplatz erreicht haben, ist die erste Etappe geschafft. Hier verweilen die Tiere, bis sie das Gras abgefressen haben. Zeit für ein kurzes Pläuschchen. Für gewöhnlich hat der Schäfer besseres zu tun. Da muss mit dem am Stab befestigten Fanghaken ein Schaf aus der Herde herausgeholt werden, wenn es lahmt oder die Klauen zu lang sind. Oder die Tiere werden mit Medikamenten behandelt – sonst drohen Krankheiten wie die schmerzhafte Moderhinke. Es gibt immer etwas zu tun: „Die Herde ist wie ein kleines Dorf“ – und der Schäfer ist Bürgermeister, Arzt, Geburtshelfer und Polizist in Personalunion.

Neben dem Stab ist der Filzhut sein zweites unverzichtbares Werkzeug. „Im Sommer gibt er Schatten, er wärmt und weist Wasser ab“, erklärt Bodmann. „Meiner ist so speckig, der hält bei Regen den ganzen Tag durch“, sagt sein knorriger Vater Willi und pafft an der Pfeife, die ihm im Mundwinkel hängt.

In einem Umkreis von 35 Kilometern sind Bodmann, sein Vater und auch die beiden Brüder mit 1000 Mutterschafen in zwei Herden unterwegs: Von Göttingen bis zum Harz, von Duderstadt bis Northeim. „Alles zu Fuß – das kann sich ja heute kaum noch jemand vorstellen.“ Wöchentlich wechseln sie die Standorte. Die Vierbeiner sind so gut wie das ganze Jahr draußen, nur im Winter, wenn der Schnee hoch liegt, bleiben sie im Stall.

Der Altersschnitt bei Berufsschäfern ist hoch. Nicht, dass es an Interessenten mangeln würde. Doch nach spätestens drei Wochen suchten Praktikanten meist entsetzt das Weite. „Zu hart, die Arbeit. Das romantische Bild zerschlägt sich schnell“, sagt Bodmann. Ein Bild, das auch in der Bevölkerung vorherrscht. Manche Menschen werden beim Anblick des pittoresken Schäferdaseins ganz naturselig. „Es gab eine Dame, die fragte, ob sie sich in die Mitte der Herde setzen darf“, schildert Vater Willi, lächelt milde und stopft die Pfeife nach. Da habe sie dann stundenlang gehockt und dem rhythmischen Kauen der Vierbeiner zugeschaut.

Der Schäferalltag ist wenig poetisch: Hofarbeit ab 6 Uhr, Lämmer und verletzte Tiere versorgen. Ab neun Uhr geht es per Auto zu den Pferchen. Dann drei Stunden lang fressen lassen, Mittagspause, und nochmal drei Stunden Nahrungsaufnahme. Ab 18 Uhr ruhen die Tiere, für Bodmann beginnt dann die Zeit, die er weniger schätzt: die der Büroarbeit. „Es ist unglaublich, was alles dokumentiert werden muss.“ EU-Vorschriften wie die Einzeltier-Kennzeichnungspflicht mit elektronischen Marken erschwerten die Arbeit, denn die Schafe verlören die Ohrmarken, und hunderte Herdentiere seien kaum täglich zu kontrollieren – hohe Strafen drohen.

Bis zu den 1950er-Jahren, als sich Kunstdünger verbreitete, gab es eine Symbiose zwischen Landwirten und Schäfern: Schafskot war ein begehrtes Gut. „Da wurde abends in der Kneipe noch per Handschlag ausgemacht, auf wessen Land man seine Tiere weiden lässt“, erinnert sich Vater Willi.

Heute finanzieren sich Schäfer über Landschaftspflege und Vertragsnaturschutz, aber auch den Verkauf von Lämmern sowie Agrarbeihilfen. Die Erträge für die Wolle decken gerade die Kosten für das Scheren, sagt Bodmann. „Keine Wertschätzung mehr für das Naturprodukt“, grummelt er.

Der Landschaftspflegeverband Landkreis Göttingen fördert gemeinsam mit Partnern wie der Heinz-Sielmann-Stiftung den Beruf in der Region. Bodmanns Herden grasen beispielsweise am Grünen Band. In solchen Schutzgebieten dürfen keine Rasenmäher eingesetzt werden: Hier erledigen seine „Fressmaschinen“ diesen Job. Zusätzlich transportieren sie Samen und kleine Tiere in ihrem Fell von einer Weidefläche zur nächsten, seltene Arten können sich so ausbreiten. „Wenn es die Schäfer nicht mehr gäbe“, sagt Ute Grothey vom Landschaftspflegeverband, „dann wäre nicht nur ein altes Handwerk tot, sondern auch die Natur würde darunter leiden.“ Besonders Flächen wie Magerrasen und Streuobstwiesen, die teils durch jahrhundertelange Beweidung entstanden sind und zu den artenreichsten Mitteleuropas zählten, würden verkümmern. Durch ihren Tritt und das gezielte Abfressen bestimmter Pflanzen erhalten Schafe diese Biotope.

Der Meisterlehrgang bedeutete für den gelernten Tischler eineinhalb Jahre mit Blockunterricht im rheinland-pfälzischen Hofgut Neumühle. Eine Zeit, in der er im Betrieb oft fehlte. Neumühle ist einer von vier Orten in Deutschland, an denen man das Hüten lernen kann. „Es kam schon einmal vor, dass die Schafe auf der Wiese dem Schäfer beim Büffeln mit dem Laptop zugeschaut haben“, beschreibt Bodmann. Nicht ganz einfach für ihn, der mit Schreibarbeit wenig am Filzhut hat. Doch er wollte „neue Impulse“ für seinen Betrieb.

Seit seiner Kindheit begeistern Bodmann die Tiere. Am Anfang standen vier Flaschenlämmer, da war er selbst noch ein Kind. Mit 15 Jahren kam das erste eigene Schafsdutzend, schildert sein Vater, schmaucht und lässt kleine Rauchschwaden aufsteigen. Vor einigen Jahren hat Bodmann das Hobby zum Beruf gemacht und die Tischlerei an den Nagel gehängt. Was er nun mit seiner Freizeit macht? „Leistungshüten.“

So lange es geht, will Bodmann den Beruf ausüben. „Vielleicht wird es besser, vielleicht auch nicht.“ Er wird es hinnehmen wie das Wetter. „Manchmal regnet es, manchmal scheint die Sonne.“

Von Erik Westermann