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Duderstadt „Ich gehe mit der Vegetation durchs Jahr“
Die Region Duderstadt „Ich gehe mit der Vegetation durchs Jahr“
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18:53 06.01.2011
Noch nichts zu holen: die Forsythie vor Hans-Georg Gödeckes Haus ist eine „Zeigerpflanze“, sie weist auf den Frühlingsbeginn hin. Der liegt derzeit jedoch noch in weiter Ferne.
Noch nichts zu holen: die Forsythie vor Hans-Georg Gödeckes Haus ist eine „Zeigerpflanze“, sie weist auf den Frühlingsbeginn hin. Der liegt derzeit jedoch noch in weiter Ferne. Quelle: Pförtner
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Angefangen hat er im Herbst 1984. Er, der „Wald-und-Wiesen-Mensch“, wie ihn seine Frau Helga nennt, war unterwegs in der Feldflur um seinen Heimatort Gieboldehausen. Da hockte ein Mann vor einem Feld mit Weizen und beugte sich über eine der Pflanzen. Die Augen von Gödeckes Vorgänger als phänologischer Beobachter waren nicht mehr die besten, ob der Weizenkeim bereits aufgeht, konnte er nicht mehr erkennen.

Gödecke half ihm und wurde sogleich sein Nachfolger. Seitdem liefert der heute 60-Jährige seine Naturbeobachtungen an den Deutschen Wetterdienst. Täglich durchwandert er mit seinem Hund Carlo die Feldmark und registriert Änderungen in Flora und Fauna. Er notiert die Entwicklungsphasen von Pflanzen, ihre Blattentfaltung, Blüte, Fruchtbildung. Die Beobachtungen trägt er dann fein säuberlich in ein weißes Tagebüchlein ein, das immer bereit liegt, wie seine Frau weiß. „Ich gehe mit der Vegetation durchs Jahr“, sagt der Bundespolizist, den „eine tiefe Liebe zur Natur“ antreibt.
Für dieses ehrenamtliches Engagement zeichnete ihn der Wetterdienst jetzt mit einer Plakette des Ministeriums für Verkehr und Bau aus, die ihm der Leiter der regionalen Messnetzgruppe Joachim Horn übergab. Horn, eigens aus Hamburg angereist, betonte die Rolle der ehrenamtlichen Helfer. „Solche Leute sind Perlen, die findet man heute gar nicht mehr.“ Man brauche ein breites Wissen über die Natur, und Geld könne auch kein Antrieb sein.

Dem Wetterdienst dienen die Informationen weniger zur Vorhersage des kurzfristigen Wetters, sondern geben vielmehr bei langjähriger Betrachtung Hinweise auf Veränderungen im Klima und dienen dem Pflanzenschutz, indem sie vor Schädlingen warnen. Dass es Änderungen im Klima gibt, sei nicht von der Hand zu weisen, meint Gödecke: „Die Blüte der Forsythie hat sich seit 1985 immer weiter nach vorne verschoben.“ Diese Zeigerpflanze weist gegen Anfang April auf den Frühlingsbeginn hin. „Der Klimawandel lässt sich daran deutlich sehen“, sagt Horn. Nur über den Verursacher – ob Mensch, ob natürliches Phänomen – gebe es noch Diskussionen. Damit die Wege zu den relevanten Pflanzen nicht mehr ganz so weit sind, hat Gödecke gleich eine Forsythie vor und eine Kornelkirsche hinter dem Haus platziert. „Obwohl die Kirsche optisch kein Leckerbissen ist“, wie seine Frau kritisch anmerkt.

In der ganzen Republik gibt es mehr als 3000 ehrenamtliche Helfer des Deutschen Wetterdienstes, erklärt Horn: Darunter sind 1800 Wetterstationen und 1200 phänologische Helfer wie Gödecke. Ob er je ans Aufhören gedacht habe? „Nie“, sagt der resolute Gieboldehäuser. Und für die Frage, welcher Teil der Naturbeobachtung ihm am Meisten gefällt, braucht er immerhin zwei Worte. „Einfach alles.“

Von Erik Westermann