Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Junger Syrer vertraut auf stabile Demokratie
Die Region Duderstadt Junger Syrer vertraut auf stabile Demokratie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 12.10.2018
Will nach dem Abitur Wirtschaft oder Politik studieren: Mahmoud Albalkhi. Quelle: Christina Hinzmann / GT
Anzeige
Rhumspringe

Der Start in ein neues Leben in einem neuen Land ist Mahmoud Albalkhi geglückt –und jetzt mit einem Stipendium belohnt worden. Der 19-jährige Syrer ist einer von zehn talentierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Niedersachsen, die von der Start-Stiftung gefördert werden.

Als Bootsflüchtling hat Albalkhi die Ägäis gequert, über die Balkanroute ist er am 24. August 2015 als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ in Deutschland angekommen. „Das Datum vergesse ich nie“, sagt der junge Mann aus Damaskus, der nach nur drei Jahren so perfekt Deutsch spricht, als wäre es seine Muttersprache. Dabei sind seine Lieblingsfächer nicht etwa Sprachen, sondern Mathe, Physik, Geschichte und Politik. Der 19-Jährige besucht das Eichsfeldgymnasium in Duderstadt, gehört zum ersten Oberstufenjahrgang nach Abschaffung des Turbo-Abis, will in zwei Jahren Abitur machen, anschließend Wirtschaft oder Politik studieren.

Anzeige

Suche nach Wohnung

Am EGD sei er sehr freundlich aufgenommen worden, erzählt Albalkhi: „Anfangs war es aber sehr schwer, Kontakte außerhalb der Schule zu knüpfen – zumal meine Klassenkameraden einige Jahre jünger waren.“ Bei einer gemeinsamen Wanderung sei das Eis dann gebrochen. Inzwischen feiert er mit seinen Mitschülern, übernachtet auch mal bei Freunden oder lädt sie zum arabischen Essen ein. Albalkhi wird nach wie vor von der Jugendhilfe Südniedersachsen betreut, wohnt in einem Reihenhaus der Eichsfelder Wohnungsbaugesellschaft in Rhumspringe, freut sich über „nette Nachbarn und den ruhigen Wohnort“. Manchmal ist es ihm aber auch etwas zu ruhig, die Mobilität zu eingeschränkt. Deshalb setzt der 19-Jährige, der in Gieboldehausen Volleyball spielt, auf den Führerschein oder einen Umzug. In Duderstadt besucht er zurzeit eine Fahrschule und schaut sich nach einer Wohnung um.

Von seinen sechs Geschwistern haben ihn ein Bruder und eine Schwester auf der Flucht begleitet. Beide leben zurzeit in Göttingen, der Bruder bald in Osnabrück, wo er ein Informatik-Studium beginnt. Kontakt zu seiner Familie in Damaskus hält Albalkhi, dessen Vater pensionierter Geologe ist, via Smartphone. In Syrien wäre er zur Armee eingezogen worden, nennt er als einen Fluchtgrund: „Die Situation ist eskaliert, Syrien zum Spielball fremder Mächte und Milizen geworden. Inzwischen gibt es dort kein Richtig und kein Falsch mehr.“ Vor dem Krieg hätten konfessionelle Unterschiede keine Rolle gespielt, sagt der Sunnit, der gemeinsam mit Christen aufgewachsen, für alle Religionen und Weltanschauungen offen ist. Am EGD hat er sich für den katholischen Religionsunterricht statt Werte und Normen entschieden.

Wiederaufbau als Hoffnung

„Ich versuche mein Bestes, mich zu integrieren“, sagt der ehrgeizige Gymnasiast. Er wolle viel erreichen, vergleiche sich stets mit seinen Mitschülern. Im vergangenen Jahr hat er ein Feriensprachcamp besucht und ein Praktikum bei der Sparkasse Duderstadt absolviert, das ihm sehr gut gefallen hat, vor kurzem am EGD-Polenaustausch teilgenommen, nach den Herbstferien macht er mit zwei Mitschülern ein Praktikum bei der Bundespolizei in Duderstadt.

Besonders interessiert den 19-Jährigen die deutsche Geschichte, der Wiederaufbau nach dem Krieg macht ihm Hoffnung für sein Heimatland. In seiner neuen Heimat sei er bislang noch nie angefeindet worden. Große Sorgen über Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus macht er sich nicht, vertraut auf „das stabile demokratische System“ in Deutschland: „Es gibt überall gute und schlechte Menschen. Leider neigen viele Menschen zu Verallgemeinerungen.

Förderprogramm soll Entwicklung stärken

Seit mehr als 15 Jahren fördert das von der Hertie-Stiftung initiierte und von rund 120 Kooperationspartnern unterstützte Start-Programm talentierte Schüler mit Migrationsgeschichte, hoher Sozialkompetenz und Motivation zur schulischen und persönlichen Weiterentwicklung. Drei Jahre lang werden die Stipendiaten auf ihrem persönlichen und schulischen Weg mit materieller und ideeller Förderung unterstützt, sollen in ihrem gesellschaftlichem und demokratischem Engagement gestärkt werden. Zum Programm gehören individuelle Beratung, Seminare, Workshops, Unternehmensbesuche und Netzwerkgruppen. Bislang haben rund 1800 Stipendiaten in Deutschland und mehr als 2000 in Österreich das Programm erfolgreich durchlaufen.

Von Kuno Mahnkopf

Duderstadt Verkehrsberuhigung in Desingerode - Schilder sollen für mehr Sicherheit sorgen
12.10.2018
Duderstadt Aktionswoche der Turm-Apotheke Duderstadt - Fünf Mal rund in der Turmapotheke
11.10.2018
11.10.2018