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Duderstadt Kälte, Müdigkeit und Dosimeter
Die Region Duderstadt Kälte, Müdigkeit und Dosimeter
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20:17 12.11.2010
Freischneiden: Aktivisten haben sich angekettet.
Freischneiden: Aktivisten haben sich angekettet. Quelle: Bundespolizei
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„Der Dienst“, schildert Wille, „hat für uns am Sonnabend kurz nach 22 Uhr begonnen. In drei unterschiedlichen Hundertschaften wurden die Polizisten eingesetzt: Von Kehl über Göttingen bis in das Wendland, mit einem Zwischenstopp in Duderstadt. Aber nicht für alle Beamten verlief der weitere Einsatz wie geplant. Aufgrund einer Blockade am Gleis wurden knapp 150 von ihnen mit zehn Hubschraubern am Sonntagabend Richtung Dannenberg „luftverlastet“.

Eigentlich, da sind sich die Polizisten einig, die seit Dienstagabend 22 Uhr wieder in ihrer Heimat sind, war es ein erfolgreicher Einsatz. „Wir waren als Eingreifreserve an der Strecke“, erklärt Marschall. „Es waren mehr Menschen unterwegs als in der Vergangenheit, aber sie waren nicht unbedingt gewalttätig.“ „Es gab sogar eine gute Zusammenarbeit“, beschreibt Wille. „Man ist vernünftig miteinander umgegangen.“ Marschall nickt. „Dass es friedlich war, macht uns die Arbeit natürlich leichter.“ Außer einer kurzen Aktion, bei der sich Greenpeace-Aktivisten von einer Brücke abgeseilt hätten, sei es in ihren Einsatzabschnitten kaum zu Zwischenfällen gekommen. „Es waren Demoteilnehmer, wie wir sie uns wünschen. Besser als alkoholisierte, aggressive Fußballfans“, denen sie häufig gegenüber stünden.

Keine Spur von Stuttgart 21. Wie bei der Berichterstattung zu den Stuttgarter Protesten zweifelt Wille auch für den Castor-Transport die Berichterstattung der Medien an. Es würden nur kleine Ausschnitte gezeigt, der Wasserwerfereinsatz, die Schlagstöcke. Die vorhergehenden Aufforderungen, die Gespräche, sehe man nie.
Wille: „Jeder von uns hat seine eigene Meinung zur Atomkraft, aber professionelle Arbeit heißt, getroffenen Entscheidungen durchzusetzen. Da muss man die eigenen Meinung hintanstellen.“ Ihnen sei jedoch wichtig, dass sie als Menschen wahrgenommen würden, nicht als mechanischer Teil eines Staatsapparates. Als Prellbock für die Politik, wie es Dietmar Schilff von der Polizeigewerkschaft GdP formuliert hatte, fühlen sich die Beamten weniger. „Es ist immer so, dass wir Entscheidungen durchsetzen“, antwortet Wille.

Nur die Strahlung der Behälter, von denen jeder soviel radioaktives Material enthält, wie bei dem Reaktorunglück von Tschernobyl freigesetzt wurde, scheint auch den Polizisten nicht geheuer. „Klar macht man sich Gedanken“, sagt Wille. Sie tragen Dosimeter, die Belastung wird ausgewertet, wer den Containern zu nahe kommt, wird zur Überwachung in eine Liste eingetragen.

Im Einsatz spielen andere Dinge eine größere Rolle, gerade auch für junge, unerfahrene Kollegen: Kälte, Müdigkeit, das stundenlange Beobachten, das Starren in den dunklen Wald, der durcheinander gebrachte biologische Rhythmus, die Eintönigkeit. Im Dunkeln könne es schon auch einmal vorkommen, dass man am Gleisbett umknicke, sagt Wille. So ließen sich einige der insgesamt 131 verletzten Polizisten erklären. Aus Duderstadt habe jedoch niemand nennenswerte Blessuren erlitten.

Zwar hätten auch sie von Kollegen gehört, die unter 23-Stunden-Schichten und fehlender Versorgung gelitten hätten. „Das lässt sich nicht vorplanen“, meint Marschall. Übermäßig ungewöhnlich scheint das nicht: „Wir haben fast an jedem Wochenende Einsätze, die bis zu 18, 19 Stunden gehen können“, meint Wille. Der logistische Aufwand für den Castor-Einsatz sei nur etwas größer, die Planungen intensiver. Letztlich „war es nichts besonderes“. Sykosch, deren Mann ebenfalls bei der Bundespolizei ist, begleitete den Castor zum dritten Mal. „Den Respekt vor dem Einsatz habe ich mir erhalten“, sagt die Rhumspringerin.

Von Erik Westermann