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Duderstadt Kartoffeln und Kälberblase als Arzthonorar
Die Region Duderstadt Kartoffeln und Kälberblase als Arzthonorar
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19:10 13.07.2009
Gespannte Zuhörer im Erzählcafé: Hausarzt Sigbert Leibecke berichtet von der Medizin im Wandel der Zeit.
Gespannte Zuhörer im Erzählcafé: Hausarzt Sigbert Leibecke berichtet von der Medizin im Wandel der Zeit. Quelle: EF
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120 Teilnehmer hatten sich zum Erzählcafé eingefunden, viele, um ihren langjährigen Hausarzt wieder zu sehen. Sigbert Leibecke ist rund um Lindau und Bilshausen Generationen als Arzt bekannt. Seine Familie wirkt seit 1810 ärztlich in Lindau, Leibecke selbst in fünfter Generation, über einen Zeitraum von 40 Jahren. 1953 begann er in einer Praxis, die damals noch kein Labor hatte.

Zu dieser Zeit hatten die Menschen in der Regel noch kein Auto, öffentliche Verkehrsmittel waren kaum in Betrieb. So musste der Arzt zum Patienten kommen. Doch wie rief man den Arzt? Die wenigen Telefone, die es im Dorf gab, mussten von den Angehörigen der Kranken aufgesucht werden. Außerdem hatten die Mediziner in jedem Dorf eine Art Annahmestelle. Dort konnten Rezepte abgeholt oder auch nach dem Arzt gerufen werden.

Warte am Arzt-Auto

„Wir waren sechs Kinder, da war immer eines krank und ich musste oft im Dorf umherlaufen und herauskriegen, wo sich Doktor Leibecke gerade aufhielt. Dann habe ich am Auto auf ihn gewartet und gehofft, dass er anschließend noch zu uns kommt“, erinnerte sich eine Bilshäuserin.

„In einer Nacht wurden wir achtmal gerufen“, erinnerte sich Leibecke an die Zeit, als es noch keinen Notdienst gab, „und sonntags haben wir die Klingel manchmal abgestellt, um durchatmen zu können.“ Belastend waren Unfälle, zu denen er gerufen wurde. „Ich erinnere mich an einen schrecklichen Motorradunfall bei Außentemperaturen von minus 20 Grad, mir gefror die Infusion in den Schläuchen. Helfer haben Türen ausgehängt, um Verletzte zu transportieren und in ein Haus zu bringen“, so Leibecke. Krankenwagen – geschweige denn Hubschrauber – seien nicht verfügbar gewesen.

Bei unzähligen Geburten half der Landarzt Kindern auf die Welt. Schwangerschaftsvorsorge gab es nicht, Ultraschall ebensowenig. Selbstverständlich wurde zuhause entbunden.

Geburtshilfe auf Küchentisch

Die Hebammen überwachten die Geburt, wenn etwas genäht werden musste, kam der Arzt. Das musste häufig auf dem Küchentisch geschehen, ein Familienmitglied hielt die Lampe. „Bei einer gefährlichen Steißlage habe ich eine ganze Nacht auf dem Sofa bei einer Patientin verbracht, alle halbe Stunde hat mich die Familie wecken sollen damit ich den Geburtsfortschritt überwachen konnte. Einer Patientin, die ihr zehntes Kind entbunden hatte, riet ich, die Pille zu nehmen. Die gab es ja seit Ende der 60-er Jahre. Die Frau entgegnete, der Pfarrer habe das verboten. Ich übernehme die Verantwortung vor Gott, bot ich an“, erzählt Leibecke aus seinem Erinnerungsschatz.

Viele Krankheiten, die heute mit dem Kernspintomographen diagnostiziert werden können, mussten früher ertastet oder aus den Symptomen erkannt werden. Magen- oder Darmspiegelungen waren nur mit starren Geräten möglich.

Naturalien als Honorar

„Viele Patienten waren nicht krankenversichert. Manchmal erhielt ich mein Honorar in Naturalien, einem Kalbsbraten, Kartoffeln oder einer Kälberblase“, berichtete Leibecke, der für sein abschließendes Bekenntnis „Arzt zu sein, war mein Hobby“, großen Applaus der Gäste im Erzählcafé erntete.

red

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