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Duderstadt Katz und Mensch: Ein zwiespältiges Verhältnis
Die Region Duderstadt Katz und Mensch: Ein zwiespältiges Verhältnis
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15:01 08.08.2011
Angepasste Raubtiere suchen die Nähe des Menschen: Jungkatze übt das Klettern und Balancieren auf dem Zaun.
Angepasste Raubtiere suchen die Nähe des Menschen: Jungkatze übt das Klettern und Balancieren auf dem Zaun. Quelle: Pförtner
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Duderstadt

Mancherorts wird schon von einer Katzenplage gesprochen. Eine Zwangskastration wird – wie vor Kurzem in Göttingen – immer wieder thematisiert, um die Zahl verwilderter Katzen einzuschränken. Auch im Duderstädter Tierheim ist man an die Grenzen der Katzen-Kapazität gekommen. Die Mitarbeiter des Heims appellieren an die Katzenhalter, ihre Tiere kastrieren zu lassen, denn die Nachkommen einer Katze potenzieren sich statistisch in zehn Jahren auf etwa 80 Millionen. „Zurzeit kommen täglich Anrufe wegen abzugebender Jungkatzen“, sagt Rolf Adler, der hier seine Ehefrau, Tierschutzvereinsvorsitzende Regine Adler, vertritt. Deshalb sei nun der Ausbau des Katzenbereichs im Tierheim geplant.

Das Verhältnis zwischen Homo sapiens sapiens und Felidae – so die zoologische Bezeichnung – ist zwiespältig, und das seit etwa 10 000 Jahren. So lange schon gelten die einstigen Wildtiere als Kulturfolger, die mit den menschlichen Nomaden zogen und sich unter anderem von deren Abfällen ernährten. Mit zunehmender Sesshaftigkeit erkannten die Menschen den großen Nutzen der kleinen Raubtiere, die Nager und Ungeziefer vertilgten und aus den Behausungen fernhielten. Dass auch heute auf allen Bauernhöfen Katzen willkommen sind, bestätigt Kreislandwirt Hubert Kellner: „Wo Getreide und Tierfutter gelagert wird, gibt es immer Mäuse und Ratten. Da sind Katzen nützlich.“ Aber um deren Geburtenkontrolle und Population würden sich die wenigsten Bauern kümmern.

Im alten Ägypten wurden Katzen so verehrt, dass deren Tötung als Todsünde galt. In China beschützten sie als Mäusejäger die Kokons der Seidenraupen und erlangten Anerkennung als Statussymbol und Glücksbringer. Und im England des 10. Jahrhunderts waren sie so rar und wertvoll, dass ihre Haltung das Privileg adeliger Damen war.

Andererseits wurden Katzen im Mittelalter Heilkräfte nachgesagt – und heilen war magisch. Die Tiere gerieten als Begleiter von „Hexen“ in Verruf und galten fortan als Unglücksbringer. Der Zwiespalt in der Beziehung Mensch-Katze scheint sich bis heute erhalten zu haben. Die Tiere werden gezüchtet, gefüttert und verwöhnt, aber auch vernachlässigt, ausgesetzt, gequält und gejagt.

„Heute sind die meisten Jäger Katzen gegenüber tolerant“, sagt Hans-Georg Kracht als erster Vorsitzender der Jägerschaft Duderstadt. Zwar gelte die Regel: 200 Meter hinter der letzten Ortsbebauung dürften Katzen geschossen werden, „aber das macht eigentlich keiner meiner Kollegen“, beteuert der Waidmann, der sich freut, dass seine eigene Katze immer den Weg nach Hause findet. Von einer Katzenplage könne in der Eichsfelder Landschaft keine Rede sein. Dennoch appelliert Kracht: „Bitte keine Katzen aussetzen!“ Die Tiere seien dann im Überlebenskampf darauf angewiesen, den jagenden Wildtieren Konkurrenz zu machen. Hauskatzen jagen wie die meisten ihrer wilden Verwandten allein, sind aber vom Wesen her keine Einzelgänger. Im Tierheim verweist Rolf Adler auf innige Katzenfreundschaften: „Die schmusen miteinander und putzen sich gegenseitig das Fell.“ Und auch den Kontakt zu ihren Menschen suchten die Katzen selbst. „Mit Katzen braucht man nicht jeden Tag rausgehen wie mit einem Hund, aber sie genießen Freilauf und kommen wieder, um Futter und ihre Streicheleinheiten zu kriegen“, sagt Adler, der zu Hause 13 eigene und sieben Pflegekatzen hat. Was einen Katzenfreund auszeichnet? „Das sind gute Menschen“, sagt er lachend. Ein Katzenfreund tue alles für seine Katze. Der Komiker Ralf Schmitz habe es erkannt: „Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal.“

Von Claudia Nachtwey

Perfekte RäuberIn der Evolutionsgeschichte haben Katzen einen monophyletischen Ursprung, das heißt, alle heutigen Katzen sind auf eine gemeinsame Stammform zurückzuführen. Die ältesten Fossilien einer Katze sind 30 Millionen Jahre alt. Heute sind fast alle wildlebenden Katzenarten in ihrem Bestand gefährdet, allerdings breitet sich die europäische Wildkatze wieder vermehrt auch in Deutschland aus. Katzen sind hochspezialisierte Raubtiere. Ihre Krallen dienen nicht nur als Waffe, sondern auch als Steighaken beim Klettern. Die weichen Pfoten sind ideal beim Anschleichen an die Beute, und stark veränderbare Pupillen und Tasthaare helfen bei der nächtlichen Orientierung.