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Duderstadt Kein weichgespültes Training für agile Rentner
Die Region Duderstadt Kein weichgespültes Training für agile Rentner
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18:26 01.11.2011
Fitte Runde: Die Teilnehmer der Senioren-Gymnastik in Rhumspringe werden nicht nur körperlich auf Trab gehalten, sondern auch geistig angeregt. Quelle: Pförtner
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Die Arbeitsbefehle klingen aus der Turnhalle am Ortsrand bis auf die Straße: „Linke Seite, rechte Seite, nicht schlapp machen.“ Reinhild Müller ist Fitnesstrainerin beim Sportverein Rhumspringe und leitet den wöchentlichen Seniorensportkurs. „Wir sind nicht zum Spaß hier“, scherzt die Frau im neongrünen T-Shirt, mit Mikrofon-Headset und den sichtlich strammen Waden. Die Kursmitglieder lachen. Sie wissen, dass es genau andersherum ist. Zum ersten Termin nach den Sommerferien sind sie fast vollzählig erschienen, denn alle genießen die 60 Minuten Gymnastik und Bewegung unter der professionellen Anleitung von Müller.

Die Turnhalle ist lichtdurchflutet. Auf dem Boden liegen bunte Matten, Stepper und Gummiseile bereit. Aus einer kleinen Anlage tönt Musik. Nichts aufdringliches, nichts anstrengendes, Gute-Laune-Musik soll es sein. „Der Takt ist hier etwas langsamer“, erklärt die Trainerin, „manchmal sind es Schlager, manchmal Marschmusik, aber manchmal auch Lady Gaga. Was den Senioren halt so gefällt.“

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Zum Beginn der Stunde werde eine kleine „Ausquatsch-Runde“ gedreht, sagt Müller. Sie kennt ihre Sportler und weiß, dass man sich beim wöchentlichen Treffen erstmal Einiges zu erzählen hat. „Der soziale Aspekt des Training ist nicht zu verachten“, weiß sie. Ein besonderes Ereignis sei daher auch einmal die Zusammenführung einer Senioren- und Kindergruppe gewesen. „Beide Seiten haben am gemeinsamen Sport viel Spaß gehabt.“

Aber nicht nur für den Geist soll die Senioren-Gymnastik anregend sein, auch der Körper wird altersgerecht auf Trab gehalten. Der Kurs ist eine Mischung aus Koordinations-, Ausdauer- und Kräftetraining. Das hat seinen Sinn. Die Übungen sorgen dafür, dass das Gehirn schneller reagiert und fit bleibt. So dient das wöchentliche Trimm-Dich-Treffen auch als Sturzprophylaxe. „Für Sport ist es nie zu spät“, meint Müller und lächelt überzeugend.

Der Erfolg gibt ihr Recht. Die 45 bis 75 Jahre alten Kursmitglieder kommen für das Workout nicht nur aus Rhumspringe, sondern auch aus Pöhlde, Wollershausen und Rüdershausen. Niemand fühlt sich hier überfordert, denn jeder darf in seinem individuellen Tempo mitmachen. Wenn einmal die Puste ausbleibt, zeigt sich die Trainerin gnädig und gewährt Verschnaufpausen. Die Herrengymnastik in Westerode besuche sogar ein 88-Jähriger, sagt Müller stolz. „Und der ist topfit.“
Auch die 74-jährige Elisabeth Jakobi ist gekommen, um den Sommerpausen-Rückstand schnell wieder aufzuholen. „Wenn man länger keinen Sport gemacht hat, ist es erstmal etwas schwieriger“, weiß sie. „Heute komme ich ganz schön ins Schwitzen.“ Die Rhumspringerin sei schon von klein auf äußerst sportlich gewesen. „In der Schule habe ich Leichtathletik immer sehr gerne gemacht. Aber später mit meinen fünf Kindern hatte ich dafür nicht mehr so viel Zeit.“ Letztere hat die agile Rentnerin jetzt umso mehr und genießt sie zusammen mit ihren Freunden und Bekannten im Kurs. Wenn es nicht unbedingt sein muss, verpasst sie keine Stunde.

Obwohl das Programm von Reinhild Müller die speziellen Bedürfnisse von Senioren berücksichtigt, ist es kein „weichgespültes“ Training. Zwar hat die erfahrene Übungsleiterin noch elf andere Gruppen, in denen es auch mal „richtig“ zur Sache geht, wie beim Aquafitness-Power-Kurs oder beim Lauftreff, aber die Senioren werden nicht geschont. Es werden „echte“ Liegestützen gemacht, „echte“ Stretching-Übungen und es wird auch mal eine Jogging-Runde eingelegt. Auch wenn alle Teilnehmer immer enthusiastischen Einsatz zeigen, achtet Müller darauf, dass sich keiner überhitzt: „Manchmal traut sich jemand auch etwas zu viel zu.“

Und ehe auch nur ein Teilnehmer auf die Uhr gesehen hat, ist die Stunde schon wieder vorüber. Die Senioren finden sich in der „Ohrwurm“- oder auch „Rausschmeißer“-Runde wieder. Zu Henry Valentinos „Im Wagen vor mir“ wird im Takt geklatscht, gewunken, mal mit einem, mal mit beiden Armen, und eine Runde im Kreis gelaufen, mal vorwärts und mal rückwärts.

Die Möglichkeiten des motorischen Bewegungsapparates sollen voll ausgeschöpft werden. Reinhild Müller erntet den finalen Applaus. Ein bisschen gilt der aber auch jedem einzelnen Teilnehmer.

Von Anna Kleimann