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Duderstadt Kinderarzt über Spahn-Gesetz: “Kapazitäten werden geraubt“
Die Region Duderstadt Kinderarzt über Spahn-Gesetz: “Kapazitäten werden geraubt“
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00:19 30.12.2018
Ein Stethoskop liegt in der Praxis vor einem als Arzt verkleideten Teddy auf einer Liege. Quelle: dpa
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Duderstadt

 Ein von der Bundesregierung entworfenes Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sorgt derzeit bei den Kinder- und Jugendärzten für Aufregung. Der Berufsverband Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) befürchtet, dass sich durch die gesetzlichen Neuregelungen weniger Ärzte in ländlichen Regionen niederlassen werden. Er hat eine Petition gestartet und plant einen Aktionstag im Januar.

Auch Dr. Sven Mönkemeyer beteiligt sich an den Aktionen des BVKJ. Er ist Kinderarzt auf dem Land: In Duderstadt arbeitet er mit seinen zwei Kollegen Dr. Christopher Kunze und Dr. Peter Lauerer in einer Gemeinschaftspraxis im Bahnhof. „Wir sind hier die einzige Kinderarztpraxis“, sagt Mönkemeyer. Er sitzt „an Gleis 6“, einem der Behandlungsräume. Seine kleinen Patienten warten inmitten bunter Spielsachen „auf dem Abstellgleis“, dem Wartezimmer. „Im Sommer haben wir ein ’Draußen-Wartezimmer’“, sagt er und deutet aus dem Fenster auf ein Klettergerüst und eine Rutsche. Dahinter steht ein kleiner Zug. „Da wollen die Kinder gar nicht mehr reinkommen.“

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Von der Geburt bis zum jungen Erwachsenen

Dr. Sven Mönkemeyer in seiner Praxis am Bahnhof in Duderstadt Quelle: Quelle: Böger

Einen Vorteil sieht Mönkemeyer dabei bei sich. Zwar könne er sich keine Namen merken. „Aber ich habe ein sehr gutes Gesichter- und Diagnosegedächtnis“, sagt er. „Wenn ich ein Gesicht sehe, weiß ich sehr schnell die Diagnose.“ Obwohl er gemeinsam mit seinen beiden Kollegen etwa 12 000 Termine im Quartal wahrnehme, kenne er 90 Prozent seiner Patienten gut. „Das heißt nicht, dass, wenn sie mir auf der Marktstraße begegnen, ich sie sofort mit Namen ansprechen kann. Aber ich wüsste sofort, der hatte vor vier Wochen eine Bronchitis oder der hatte vor einem halben Jahr einen Fahrradunfall.“

Person des öffentlichen Lebens

In einer kleineren Stadt kann es öfter passieren, dass er jemandem außerhalb der Praxis über den Weg läuft. „Ein Arzt auf dem Land ist eine Person des öffentlichen Lebens“, meint Mönkemeyer. Damit müsse umgegangen werden können. Die Patienten hätten wenig Hemmungen. „Das ist auch nett in der Kinderheilkunde.“

Etwa 50 Stunden arbeitet Mönkemeyer jede Woche in seiner Praxis mit zwölf Angestellten. Er absolviert Fortbildungen und erledigt Verwaltungsarbeit. Durch das geplante Gesetz muss der Kinderarzt seine Sprechstunden von 20 auf 25 Stunden erhöhen. Schon jetzt betreut er 36 Stunden lang Patienten. Die kommen nicht nur aus Duderstadt. 49 Prozent kämen aus Thüringen, sagt Mönkemeyer. Viele würden auch aus Göttingen zum Duderstädter Bahnhof kommen, um ihre Kinder behandeln zu lassen. Zu seiner Arbeitszeit zählen auch Notdienste.

Eltern werden unsicherer

„Die Vorstellungen von dem, was ein Arzt als Notfall definiert, und dem, was der Patient als Notfall definiert, gehen immer weiter auseinander“, meint Mönkemeyer. „Die Unsicherheit bei Eltern wird immer größer.“ Den Grund dafür sieht er darin, dass Informationen unbegrenzt verfügbar sind. „Wenn Sie sich das Handy nehmen und kurz mal bei Google ‚Kleinkind, Fieber, Pünktchen‘ eingeben, dann kriegt man eine Horrordiagnose“, sagt er. „Bei jeder Erkältung hat das Kind aber in der Regel Fieber, man hat Kopfschmerzen, man hat irgendwelche Pünktchen oder Pickelchen.“

Darum würden Kinder zu schnell pathologisiert, wie er sagt: „Meine Aufgabe als Kinder- und Jugendarzt, so sehe ich es, ist, der Anwalt der Kinder zu sein, um sie vor überschüssigen Diagnostiken und Therapien zu beschützen und zu bewahren.“ Ein Viertel seiner Patienten sei nicht krank, wenn sie zur Untersuchung kommen.

Mangelnde Wertschätzung

Viele der Termine, die Mönkemeyer hat, sind außerdem Vorsorge- oder Impftermine. Ansonsten sei Kinderheilkunde ein Saisongeschäft, denn die Kinder sind im Sommer meist gesund und im Winter krank. „Wenn man dann die Kinder in der Infektzeit mit einer schlimmen Bronchitis sieht, sie therapiert und nach zwei Tagen kommen sie zur Kontrolle und auf einmal sieht die Welt schon wieder ganz anders aus: Das ist einfach schön“, sagt er.

Die Terminvergabe soll nach dem TSVG zentral erfolgen. Eine Terminservicestelle soll die Patientenanrufe entgegen nehmen, entscheiden, ob ein Notfall vorliegt, und dem Patienten einen Termin in einer Praxis reservieren. Für Mönkemeyer macht das keinen Sinn. „Das ganze Gesetz ist ein Konstrukt, was am Schreibtisch ausgedacht wurde, aber mit der Realität der Patientenversorgung in keinster Weise etwas zu tun hat“, sagt er. „Kapazitäten werden geraubt.“ Für ihn zeige das Gesetz mangelnde Wertschätzung.

Die Unzufriedenheit unter den Ärzten in Deutschland sei sehr hoch. Viele Studenten würden nach dem Studium deshalb ins Ausland gehen oder in die Wirtschaft, wo sie mehr Geld für weniger Arbeit verdienen, sagt Mönkemeyer. „Aber man ist ja nicht Arzt geworden, um viel Geld zu verdienen. Dann hätte ich nicht Kinderarzt werden dürfen. Sondern um an den Patienten zu arbeiten.“

Bereitschaftsdienst für Kinder und Jugendliche

Seit 1. Juli 2017 bieten die Kinder- und Jugendärzte einen Bereitschaftsdienst für Kinder und Jugendliche im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Kinderklinik der Universität Göttingen (UMG) an, mittwochs von 18 bis 22 Uhr, freitags von 16 bis 22 Uhr sowie sonn- und feiertags von 10 bis 20 Uhr. Telefonisch ist die Bereitschaftsdienstambulanz unter 0551 / 70 70 92 45 zu erreichen. Eine telefonische Ankündigung des Kindes ist nicht notwendig. In medizinischen Notfällen außerhalb dieser Sprechzeiten ist die Kinderklinik unter Telefon 0551 / 39 66 210 erreichbar. Eigentlich sollte es ab 2018 keinen kinderärztlichen Notdienst mehr geben. „Wir haben uns für eine Fortsetzung eingesetzt“, sagt die Göttinger Kinder- und Jugendärztin Dr. Tanja Brunnert. Allerdings habe sich ein eigener Notdienst im Altkreis Osterode nicht aufrechterhalten lassen, da dort zu wenige Ärzte dafür zur Verfügung stünden. Kritiker der neuen Lösung verweisen auf die weiten Fahrten von bis zu mehr als 50 Kilometern, die einem kranken Kind nicht zugemutet werden könnten. In wirklichen Notfällen könne aber auch immer die 112 angerufen werden, so Brunnert.

Kritik von Ärzte-Verbänden

Kritisiert den Gesetzentwurf: Dr. Tanja Brunnert, Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Niedersachsen Quelle: Rüdiger Franke

Die Bundesregierung hat den Entwurf eines Gesetzes für schnellere Termine und bessere Versorgung vorgelegt, das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG). Kinder- und Jugendärzte äußern Kritik an dem Gesetzentwurf, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CSU) erarbeitet hatte.

Eine qualitativ gute und gut erreichbare medizinische Versorgung aller versicherten Patientinnen und Patienten sei zentrale Aufgabe der gesetzlichen Krankenversicherung, heißt es in dem Gesetzentwurf. Dafür müsse der Zugang zur ambulanten ärztlichen Versorgung angemessen und flächendeckend sichergestellt sein. Vorgebeugt werden soll „unangemessenen langen Wartezeiten auf Behandlungstermine bei Haus-, Kinder- sowie Fachärztinnen und -ärzten und mangelnden ärztlichen Versorgungsangeboten in ländlichen und strukturschwachen Regionen“. Die Göttinger Kinder- und Jugendärztin Dr. Tanja Brunnert, Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Niedersachsen, setzt sich mit den Kritikpunkten auseinander.

„Das Thema neue Niederlassungen brennt bei uns am meisten“, sagt Brunnert. Mit dem geplanten zeitlich begrenzten Wegfall der Niederlassungssperre bei Rheumatologen, Psychiatern sowie Kinderärzten fördere die Regierung nicht die Versorgung im ländlichen Raum und auch nicht in sozial schwachen Stadtteilen. „Es gibt immer Leute, die Interesse an einer Niederlassung haben“, sagt sie. Das Problem sei aber, dass diese nicht an den Seeburger See, in den Harz oder nach Grone Süd gehen, sondern sich lieber im Ostviertel ansiedeln würden oder in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ).

Brunnert verweist auf das Beispiel Hamburg. Dort habe die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in diesem Jahr vier neue Sitze gegenfinanziert, aufgeteilt auf vier Halbtags- und zwei Vollzeitstellen. Für diese vier Sitze habe es sehr viele Bewerber gegeben. Das sehe im ländlichen Raum, zum Beispiel bei der Suche nach Nachfolgern, anders aus. Statt eines kompletten Wegfalls der Niederlassungssperre schlage der BVKJ vor, diese nur in den Bereichen fallenzulassen, in denen nach den Angaben im Bedarfsplan eine schwache Versorgung herrsche.

Göttingens Versorgung „relativ gut“

In Göttingen sei die Versorgung noch relativ gut, sagt Brunnert. Es gebe neun Kinder- und Jugendärzte im Stadtgebiet und jeweils einen in Bovenden und Rosdorf. „Wir bemühen uns, dass niemand ohne Versorgung bleibt.“ Und sollten sich Eltern bei der KV melden, dass sie keinen Kinderarzt finden, „dann fragt unser Obmann Matthias Feindt rum, wer noch jemanden aufnimmt.“ Allerdings könne es dann geschehen, dass Eltern nicht zu ihrem Wunschkinderarzt in der Nähe kommen.

Mit dem TSVG wolle das Ministerium auch die Terminvergabe stärken, sagt Brunnert. Geplant sei, dass Patienten rund um die Uhr unter Telefon 116 117 anrufen können, um einen Akuttermin zu vereinbaren. „Das wird aber nicht zu einer Verbesserung der Versorgung führen“, warnt die Kinderärztin. Die Ansprechpartner am Telefon wären vor allem verpflichtet, die Zeitvorgabe umzusetzen. Das geplante Vergabesystem werde eine noch größeren Terminknappheit hervorrufen, weil jeder möglichst kurzfristig Termin bekomme, auch wenn er beispielsweise nur eine Warze habe. „Meine Mitarbeiterinnen hingegen sind maximal geschult“, betont Brunnert. „Die können die jeweilige Situation im Gegensatz zu Laien besser einordnen und dann auch besser steuern.“

Mit der Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung verpflichte sich jeder Arzt, 20 Stunden pro Woche für Kassenpatienten die Praxis zu öffnen, erzählt Brunnert. Durch das TSVG soll diese Zahl auf 25 erhöht werden. „Wenn Herr Spahn sagt, dann müssen Ärzte auch mal 25 Stunden pro Woche arbeiten, dann geht das weit an der Realität vorbei“, ist die Kinderärztin verärgert. „Ich habe meine Praxis 35 Stunden in der Woche geöffnet – für alle.“ Deshalb sei die Initiative „Die Spahnzeit ist abgelaufen! Wir sind trotzdem für Sie da!“ ins Leben gerufen worden, online zu finden unter spahnzeitabgelaufen.jetzt. Doch außer den Praxisstunden gebe es noch mehr zu tun. Die durchschnittliche Wochenstundenzahl niedergelassener Ärzte liege bei 51,5. „Denn zusätzlich zum Praxisalltag haben wir unter anderem noch die Dokumentation, Kollegengespräche und alle Aufgaben eines Selbstständigen zu erledigen.“

Neues System benachteiligt Kinderärzte

Der Bundesgesundheitsminister habe darüber hinaus noch vorgeschlagen, finanzielle Anreize zu schaffen, damit Ärzte neue Patienten aufnehmen, sagt Brunnert. Doch dieses System benachteilige vor allem Kinder- und Hausärzte, denn diese würden im Gegensatz zu Fachärzten ihre Patienten kontinuierlich betreuen. Auf der anderen Seite wolle Spahn nicht die Budgetierung aufheben, also weiter eine Obergrenze lassen, sodass die Anreize für große Praxen nicht groß seien, weitere Patienten aufzunehmen. Und kleinere Praxen seien meist schon am Limit.

„Es geht am Ende aber nicht darum, dass wir die Patienten nicht versorgen, weil wir mehr Geld wollen“, betont Brunnert, „sondern weil die Ressourcen fehlen.“ Und ohne zusätzliche Ressourcen sei eine Mehrversorgung trotz finanzieller Anreize nicht zu schaffen. Dort müsse man ansetzen. „Mit uns Ärzten ist im Vorfeld des Gesetzentwurfes aber nicht geredet worden“, sagt Brunnert. Allerdings hätten sich die CDU-Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler (Göttingen) und Roy Kühne (Northeim, Mitglied im Gesundheitsausschuss) kurz vor Weihnachten bei einem Treffen mit 20 Ärzten darüber informiert, wie es an der Basis der Versorgung rumore. Kühne habe versprochen, nach der Anhörung am 14. Januar die Kollegenschaft erneut zu informieren, denn noch sei nichts angebrannt. Güntzler habe den Ärzten und Psychotherapeuten geraten, bundesweit in ihren Wahlkreisen die Parlamentarier zu sensibilisieren.

Von Norma Jean Böger und Rüdiger Franke