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Duderstadt Kindernot, Cumbia und Klischees über Machos
Die Region Duderstadt Kindernot, Cumbia und Klischees über Machos
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19:55 09.11.2010
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Nun bin ich schon über zwei Monate in Villa Regina. Ein bisschen haben sich der Alltag und die Routine eingeschlichen, zum Beispiel, wenn ich jeden Morgen bei den kleinen Jungs die Kekse auf den Tellern verteile oder die Milch einschenke. Andererseits passieren immer wieder überraschende, neue, aber auch erschütternde Sachen.

In dem Jugendzentrum in dem ärmeren Viertel ‚El Sauce‘ geschieht dies wohl am häufigsten. Ein Mädchen erzählte, dass sie zu Hause von ihrer Mutter geschlagen wird. Ein älterer Junge zeigte mir seine verschorften Narben. Denn jedes Mal, wenn er wütend auf seinen alkoholkranken Vater ist, ritzt er sich. Das Bewundernswerte an diesen Jugendlichen ist, dass sie ihre Zeit im Zentrum trotzdem genießen und dort nur gute Laune verbreiten. Ich weiß, dass ich vielleicht die Welt nicht verändern kann, aber ich kann einen Teil dazu beitragen, dass die Jugendlichen eine schöne Zeit verbringen.

Am Sonnabend sind wir mit ihnen an den Río Negro gefahren. Es wurden Chorizos gegrillt, und die großen Jungs haben zusammen mit den kleineren Mädchen Fußball gespielt. Und es hat wunderbar funktioniert. Ein wirklich schönes Gefühl, schließlich haben alle diese Kinder irgendwelche Probleme, neigen öfter zu Gewalt. Meine Arbeit in den Heimen bereitet mir viel Spaß, die Jungs sind manchmal wahre Goldstücke. Auch das argentinische Fußball-Selbstbewusstsein ist wieder hergestellt, schließlich hat man ja den Weltmeister Spanien besiegt. Dies reiben sie mir ständig unter die Nase und meinen, dass Deutschland es ja nicht geschafft hätte. Ich erwidere nur, dass man 2014 sehen wird, wer die bessere Mannschaft ist – ganz klar Deutschland.
Die Mädchen im Heim haben keine Lust auf den Englischunterricht, den sie von uns Volontärinnen bekommen. Das ist frustrierend, wenn sie selbst Kleinigkeiten nicht können und Englisch nicht als wichtig erachten. Ansonsten bin ich hier in Argentinien voll und ganz angekommen. Ich fühle mich wohl, auch wenn viele Sachen ungewohnt sind. Die Argentinier essen viel Fleisch. Zum Mittagsessen gibt es nach den Nudeln entweder Hühnchen oder Rind, und es gibt immer Nachtisch. Ein richtiger Volkssport, neben dem Fußball natürlich, ist Asado. Wir Deutschen würden es als Grillen bezeichnen, allerdings grillen die Argentinier über einem Feuer und legen auch mal eine halbe Kuh auf den Grill. Dazu gibt es höchstens zwei Salate und Brot. Getrunken wird dabei Wein oder Bier. Ansonsten trinkt man Mate, meistens gemeinsam in einer Gruppe.

Nach dem Mittagessen in den Stunden der Siesta sind die Straßen wie ausgestorben, auch alle Läden sind zwischen 12.30 und 16.30 Uhr geschlossen. Daran werde ich mich wohl nicht gewöhnen.

Und um Klischees zu bewahrheiten: Argentinier sind wirklich immer unpünktlich, man muss mindestens 20 Minuten warten. Und Argentinier sind Machos. Wenn wir durch die Stadt laufen, werden wir wegen unserer blonden Haare angestarrt, es wird uns hinterher gepfiffen oder gehupt. Doch zu Hause haben die Männer nichts zu sagen, da regiert die Frau. Aber das will natürlich niemand zugeben.

Zum Schluss noch eine Sache: Die Argentinier lieben ihre Musik. Wir mittlerweile auch. Wenn die ersten Töne Cumbia erklingen, kann man nicht mehr ruhig sitzen bleiben. Es wird immer getanzt, ob im Auto oder im Haus. Jeder singt mit, die kennen wirklich zu jedem Lied den Text. Für uns reicht es meistens nur für den Refrain, aber das ändert sich bestimmt noch.

http://friedaargentina.wordpress.com