Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Vortrag in Duderstadt: Veranstalter rufen Polizei zu Hilfe
Die Region Duderstadt Vortrag in Duderstadt: Veranstalter rufen Polizei zu Hilfe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:52 27.10.2019
Die Vortragsveranstaltung von VHS und Bündnis "Duderstadt gegen Rechts" zum Thema Klimawandel fand unter Polizeischutz statt, da der Rechtsextremist Jens Wilke zusammen mit zwei Begleitern unter den Zuhörern war (im Hintergrund). Quelle: Eichner-Ramm
Anzeige
Duderstadt

„Der Klimawandel und seine Leugner“ – unter diesem Titel stand der Vortrag von Prof. Viktor Wesselak von der Hochschule Nordhausen am Freitagabend in den Räumen der VHS in Duderstadt. Doch bevor es inhaltlich zur Sache ging, hatten die Veranstalter vorsorglich die Polizei zu Hilfe gerufen. Denn das „Bündnis gegen Rechts – Duderstadt bleibt bunt“ hatte ungebetene Gäste, mit denen man in der Vergangenheit bereits Erfahrungen in Bezug auf Störungen und Provokationen gemacht hatte.

Hans-Georg Schwedhelm, Ratsherr in Duderstadt, Kreistagsmitglied und engagiert im Bündnis, befragte die knapp 40 Zuhörer im Raum, ob der Rechtsextremist Jens Wilke und seine zwei Begleiter eingelassen sollten. Eine Mehrheit sprach sich nach Austausch von Argumenten pro und contra dafür aus, immerhin stehe das Bündnis für Toleranz. Mit der Option, die drei notfalls mithilfe der Polizei vor die Tür setzen zu können, ließ man sie dann schließlich herein.

Wilke und Begleiter verfolgen Vortrag, Zwischenfälle bleiben aus

Wilke und Begleiter verfolgten den Vortrag, wobei an ihrer Seite einer der Polizeibeamten stand, die während der Veranstaltung vor dem Veranstaltungsort Position bezogen hatten. Zu Zwischenfällen oder Wortmeldungen kam es nicht. Bevor im Anschluss an Wesselaks Ausführungen die Diskussion über den Klimawandel in Fahrt kam, verließen Wilke und Begleiter den Raum.

„Bündnis gegen Rechts“

Prof. Dr.-Ing. Viktor Wesselak ist Ingenieurwissenschaftler und seit 2003 Hochschullehrer an der Hochschule Nordhausen. Am Fachbereich Regenerative Energietechnik, Wirtschaftsingenieurwesen für Nachhaltige Technologien, bündelt das Institut für Regenerative Energietechnik die vorhandenen fachlichen Ressourcen. 2015 zählte Wesselak zu den Mitbegründern des „Bündnisses gegen Rechts – Duderstadt bleibt bunt“, das in Duderstadt gegen die Auftritte des sogenannten "Freundeskreises Thüringen / Niedersachsen" Gegendemos organisiert hatte. Die Reaktion auf rechtsextreme Veranstaltungen sei, so sagte Wesselak 2016 im Tageblatt-Gespräch, „nicht unser Hauptanliegen ist. Vielmehr möchten wir an einer Positionsbestimmung unserer Gesellschaft gegen Populismus und Ausgrenzung, für Demokratie und Toleranz mitarbeiten“.

„Wir als Duderstädter ,Bündnis gegen Rechts’ haben uns seinerzeit wegen der Treffen des Freundeskreises Thüringen-Niedersachsen in Duderstadt gegründet“, so der Duderstädter Ratsherr und Kreistagsmitglied Hans-Georg Schwedhelm. Diese fänden hier nicht mehr statt. Die Menschen und das Gedankengut seien leider nicht verschwunden. „Auch ohne den sogenannten Freundeskreis wollen wir unsere politische Arbeit weiter führen.“ Und dazu zählte auch die Veranstaltung vom Freitagabend zum Thema Klimaschutz.

Mit Verspätung hatte also die Duderstädter VHS-Leiterin Bernadett Lambertz darauf hingewiesen, dass der Klimawandel nicht nur in den Medien ein Thema sei, sondern inzwischen auch tagein tagaus in der Region zu beobachten sei. Abgestorbene Bäume im Harz oder Starkregen in Rhumspringe waren zwei Beispiele, die sie nannte.

Viele Menschen stünden den Ursachen des Klimawandels und dem notwendigen Umbau des Energiesystems skeptisch gegenüber, so die Veranstalter in der Ankündigung. Und so ging Referent Wesselak in den folgenden 45 Minuten unter anderem auf Fragen ein, welche Ursachen der Klimawandel habe oder was jeder einzelne tun könne. Mit Tabellen, Statistiken und auch zum Teil kritische Bemerkungen in Richtung Politik beleuchtete der Wissenschaftler das Thema von verschiedenen Seiten.

Treibhauseffekt und Temperaturanstieg

Wenn zu viel CO2 und Methan in der Atmosphäre festhingen, spreche man von Treibhauseffekt, die Temperatur auf der Erde erwärme sich. Die Menschheit emittiere circa 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) pro Jahr – 65 Prozent davon kämen aus fossilen Brennstoffen. Ein Anstieg der CO2-Konzentration in der Luft von 280 auf 430 ppm (parts per million, also einem Millionstel) entspreche einer Temperaturerhöhung von zwei Grad, so Wesselak. „Das passiert jetzt“, machte er klar.

Prof. Viktor Wesselak von der Hochschule Nordhausen hat in Duderstadt über das Thema Klimawandel gesprochen. Quelle: Eichner-Ramm

„Wir haben bisher einen Temperaturanstieg von etwa einem Grad, und man glaubt das in den Griff zu bekommen“, sagte Wesselak. Das bedeute aber nicht, „dass das ohne Veränderungen geht“. Der Wissenschaftler sprach zum Beispiel von einem Anstieg des Meeresspiegels wegen schmelzenden Inlandseises, einer Verschiebung von Klima- und Vegetationszonen und einer steigende Anzahl an Klimaflüchtlingen.

Deutschland müsse den Umbau zu einer Treibhaus-neutralen Gesellschaft vorantreiben, um Länder wie Indien, China oder Mexiko zu ermutigen, ihrerseits auf Energieeffizienz und den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu setzen.

Sodann widerlegte Wesselak verschiedene Argumente von Klimaschutz-Leugnern oder rückte Grafiken oder Rechenbeispiele in den Kontext. Zum Vorwurf, Aussagen zum Klimawandel stammten nur aus Simulationen und nicht aus Experimenten, entgegnete Wesselak: „Woher auch sonst? Das einzige Experiment führen wir gerade auf der Erde durch.“

Hauskatzen gefährlicher als Windenergieanlagen für Vögel

Keiner bestreite, dass Windkraftanlagen das Landschaftsbild zerstörten, aber bei Angaben zur Anzahl getöteter Vögel durch Windkraftanlagen, ärgerte Wesselak, dass von den Kritikern Fakten mit Meinungen verwechselt würden. Auf einen toten Vogel durch eine Windkraftanlage kämen jeweils 1000 durch Autos und in der Landwirtschaft sowie 10000 durch Hauskatzen zu Tode, unterstrich er. Außerdem warnte der Referent davor vermeintlichen wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem Europäischen Institut für Klima und Energie (EIKE) ungeprüft Glauben zu schenken. Dabei handle es sich um eine Organisation der Kohle-Stahl-Kernkraft-Lobby.

Wesselaks Rat an die Zuhörer: „Fangen Sie an, sich zu dekarbonisieren“, also in kleinen Schritten zu einem niedrigeren Umsatz von Kohlenstoff zu kommen. Im Anschluss wurden interessierte Nachfragen zu verschiedenen Aspekten der Energiewirtschaft und verschiedenen Möglichkeiten, CO2 einzusparen, an den Hochschullehrer gerichtet. Den eigenen Fleischkonsum beziehungsweise das Konsumverhalten grundsätzlich zu überdenken, war dabei ein Vorschlag aus Reihen der Zuhörer, die Politik viel stärker zum Handeln aufzufordern ein weiterer.

Der Artikel wurde korrigiert.

Die Autorin erreichen Sie per E-Mail an b.eichner-ramm@eichsfelder-tageblatt.de oder unter Telefon 05527/9499712.

Lesen Sie auch:

Von Britta Eichner-Ramm

In Desingerode und Tiftlingerode könne die Ausweisung von neuen Baugebieten angestoßen werden. Das hat Stadtplaner Rudolf Wengerek in der Sitzung von Ortsrat und Fachausschuss mitgeteilt. Der Rat der Stadt Duderstadt soll möglichst schon im November eine Entscheidung treffen.

25.10.2019

„Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“ lautet der Titel einer Veranstaltung im Duderstädter Rathaus. Reiner Cornelius stellt am 7. November um 19 Uhr in einer Bildershow Grenzgeschichte und Grünes Band vor.

25.10.2019

Statt Geschenken hatte sich der Lothar Koch zu seinem 80. Geburtstag Geldgeschenke gewünscht. Seine Gäste kamen dem nach. Jetzt hat Koch eine 3000-Euro-Spende an die Förderinitiative St. Martini übergeben.

28.10.2019