Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Lernen von Kuhflüsterer
Die Region Duderstadt Lernen von Kuhflüsterer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:28 09.05.2018
Keine Angst vor großen Tieren: Teilnehmer des Kuhflüster-Erlebnisnachmittages auf der Hofweide.
Keine Angst vor großen Tieren: Teilnehmer des Kuhflüster-Erlebnisnachmittages auf der Hofweide. Quelle: r
Anzeige
Herbigshagen, Herbigshagen

Während des Kuhflüster-Erlebnisnachmittags auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt haben die Teilnehmer Kuhsprache lernen können. Daniel Wehmeyer erläuterte im Auftrag der Sielmann-Stiftung den richtigen Umgang mit der Kuh, den die Besucher selbst ausprobierten.

Wehmeyer war Bio-Landwirt des Jahres 2017. Zwei Jahre lang hat er Kühe beobachtet, um ihre Sprache zu lernen. „Das meiste habe ich von unserer Leitkuh gelernt“, sagt er. „Wir hatten eine Kuh, die, ohne einen Kampf zu haben, die Chefin war“, sagt der Betriebsleiter des Biohofs Düner in Osterode. Das habe einfach an ihrer Präsenz an ihrem Umgang mit den anderen Tieren gelegen. Wehmeyer ist durch Beobachten selbst zum Herdenchef geworden. Einen Stock brauche er dabei nicht. Er lenkt die Kühe mit seiner Körpersprache und geht auf ihre natürlichen Signale ein, die er imitiert. „Low Stress Stockmanship“ nennt sich diese Methode. „Am wichtigsten sind die körperliche Präsenz, die Nähe und der Respekt vor dem inneren Kreis, den Umgangsbereich des Tieres“, erklärt Wehmeyer. Die Kuh hört auf zu beobachten und reagiert körperlich, wenn er in diesen Bereich kommt. Der Kreis habe in etwa einen Radius von zwei Metern. Das sei von Kuh zu Kuh aber immer wieder verschieden.

Low Stress Stockmanship

„Ich muss die Kuh erst ansprechen und sehen wie sie reagiert“, sagt er. Der Leiter treibt seine Kühe mit einer Mappe. Die Tiere reagieren auf die helle Seite der Mappe, durch die das Papier durchschimmert. Kühe mögen keine hellen Farben. Steht der Landwirt vor der Schulter des Tieres, legt die Kuh den Rückwärtsgang ein. Steht er davor, bewegt sie sich vorwärts. Der Hüter der Kuhherde geht beim „Low Stress Stockmanship“ seitlich neben dem Tier, wenn er es antreibt. Hält er die helle Seite der Mappe in das Sichtfeld des Tieres, weicht dieses aus und geht in die andere Richtung. Für die Kuh sei die körperliche Nähe des Menschen nicht angenehm, sie weiche aus. Deswegen bringe es überhaupt nichts, hinter einer Kuh herzulaufen, wenn diese flieht, erklärt Wehmeyer. „Immer laufen lassen“, sagt der Landwirt. Die Kühe hätten kurz Panik und müssten diese durch Laufen erst wieder los werden.

„Bei mir sind alle 260 Rinder Mitarbeiter“

„Der Umgang mit den Bullen ist gefährlich“, sagt Wehmeyer. Die männlichen Tier hätten es schwer, in die Herde aufgenommen zu werden. Oft holten Landwirte Bullen von außerhalb, damit sie ihre Kühe deckten. Die männlichen Tiere werden aber nicht in die Herde integriert. Der Bulle sei seiner Erfahrung nach „der Neue, der Looser“, sagt Wehmeyer. Die Kühe zierten sich und ließen sich nicht decken. Sie ließen die Bullen nicht ans Futter und an das Wasser. „Die werden gemobbt und deshalb werden sie böse. Nach einem halben Jahr hat der Bulle keinen Bock mehr auf die Herde und dann sucht er sich ein Opfer.“ Das sei dann oft der Landwirt. Sobald ein eingekaufter Deckbulle einen Bullen zeugt, werde dieses Tier Deckbulle für Wehmeyers Herde. Die Nachkommen, die auf dem Hof geboren werden, röchen genau so wie die anderen Tiere und fielen nicht auf. Der respektvolle Umgang mit den Tieren sei auch die Grundlage dafür, dass sie dem Landwirt etwas nutzten: Kühe, die keinen Stress haben, geben mehr Milch. „Bei mir sind alle 260 Rinder Mitarbeiter“, sagt der Bio-Landwirt.

Von Julian Habermann