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Duderstadt Luchse: Heimliche Rückkehr auf vier Pfoten
Die Region Duderstadt Luchse: Heimliche Rückkehr auf vier Pfoten
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19:53 19.11.2010
Wanderer: Die ursprünglich aus dem Harz stammenden Luchse sind auch in der Region präsent.
Wanderer: Die ursprünglich aus dem Harz stammenden Luchse sind auch in der Region präsent. Quelle: ddp
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Vor kurzem hat man das drittgrößte in Europa beheimatete Raubtier bereits zum dritten Mal in diesem Jahr in dem Ort am Rande des Untereichsfeldes erspäht, schildert der passionierte Jäger Koch. Bisher war Lynx lynx, so der wissenschaftliche Name des Tieres, meist nur auf der „Durchreise“ in der Region.
Die ersten zwei Besuche der im Harz vor zehn Jahren wiederangesiedelten Tiere hat der 85-jährige in schlechter Erinnerung. Zwei Risse, zweimal Rehwild, war die Bilanz zu Beginn des Jahres. Natürlich gab es die für solche Fälle zugesagte finanzielle Entschädigung seitens des Luchsprojektes im Harzer Nationalpark. Bei der letzten Sichtung kam es zu keinen Zwischenfällen.

Sogar tagsüber wurde die bis zu 1,20 Meter langen Raubkatze entdeckt – eine echte Seltenheit. Helmut Nolte, Luchsbeauftragter der Duderstädter Jägerschaft, ist sich sogar sicher: Es gibt zwei Luchse rund um den Rothenberg. „Es wurden zwei verschiedene Tiere gesehen. Ihre Anwesenheit lässt sich auch am Verhalten der Rehwilds festmachen. Das Wild ist derzeit schwer zu schießen, da es sich versteckt hält.“

Schwierig macht es den Tierschützern, dass bisher nur wenige Luchssichtungen aus dem niedersächsischen Eichsfeld überhaupt gemeldet werden. Nur zwischen Hilkerode und Obernfeld ist er im Juli dieses Jahres noch entdeckt worden. Dabei glaubt Ole Anders vom Luchsprojekt im Harz, dass die Tiere in der Region wesentlich aktiver sind, als man das anhand der wenigen gemeldeten Fälle vermuten würde. Auch Nolte sagt: „Der Luchs ist bei uns präsenter denn je.“ Anders und Nolte appellieren, alle Begegnungen und Spuren zu melden. „Nur so können wir ein genaueres Bild erhalten“, meint Anders.

Der aufsehenerregende Fall des Luchses „M2“, der im vergangenen Jahr vom Harz über das Eichsfeld nach Nordhessen wanderte, habe gezeigt, dass Luchse in der hiesigen Region gut zurecht kämen. Auch die ausgeprägte Kulturlandschaft des Eichsfelds böte einen geeigneten Lebensraum. „Der Luchs braucht zwei Dinge“, formuliert Anders. „Ausreichende Deckung, da er ein Pirschjäger ist, und genügend Nahrung.“ Beides sei vorhanden.
So sei nicht auszuschließen, dass sich die Tiere in der intensiv genutzten Kulturlandschaft der Region etablieren würden. Nolte weist beispielsweise auf die Sichtung nahe Obernfeld hin: „Das war ein weiblicher Luchs mit einem Jungen, das nicht im Harz geboren wurde.“ Die Tiere fänden im Oberharz weniger Futter und zögen deshalb zunehmend auch in Richtung Untereichsfeld. Dass könne sich jedoch auch schnell ändern, glaubt der Jäger. „Wenn sie hier keine Nahrung mehr haben, sind sie weg.“ Luchse legen in einer Nacht auch schon einmal bis zu 20 Kilometer zurück.

Für das langfristige Überleben der Tiere sei ein Brückenschlag zur nächsten größeren Population an der bayrisch-tschechischen Grenze nötig, meint Anders. Nur wenn die Lebensräume verbunden würden, könne der Fortbestand der Art gesichert werden. Denn die Vorkommen in Mitteleuropa seien für sich genommen zu klein, um zu überleben.
Es handelt sich bei Luchsen um Raubtiere, betont Anders. Nicht umsonst habe man den ausgewilderten Tieren im Harz so sachliche Namen gegeben wie M2 (für: männlich, Nummer zwei). „Wir wollten der Vermenschlichung – dem Knut-Effekt – vorbeugen“, erklärt der Luchsschützer. „Es sind und bleiben Wildtiere.“

Natürlich wecke dies auch Ängste: „Dass Luchse zahme Schafe oder Ziegen reißen, ist allerdings sehr selten“, beschwichtigt Anders. Im Harz sei das bei Dutzenden Tieren höchstens fünf Mal innerhalb eines Jahres passiert. Auch in einem solchen Fall griffen die Kompensationszahlungen. Für den Menschen hingegen stellen die Tiere mit dem charakteristischen Backenbart keine Gefahr dar. Nur in äußerster Not und in die Enge getrieben, würden Luchse einen Menschen attackieren – und das gilt letztlich für alle Wildtiere.

Projekte zur Wiederansiedlung

Der eurasische Luchs (wissenschaftlich: Lynx lynx) wurde durch die Zerstörung seiner Lebensräume und der Jagd auf ihn stark dezimiert und war fast ausgestorben. Die griechische Wurzel des Wortes Lynx bedeutet „Licht“. Sein wissenschaftlicher Name rührt von der Scharfsichtigkeit und den im Dunkeln funkelnden Augen her.

Luchsaugen sind sechsmal empfindlicher als die des Menschen. Die Projekte zur Wiederansiedelung des scheuen, eher nachtaktiven Jägers starteten in den 1970er-Jahren in der Schweiz, im Harz begann man im Jahr 2000 damit. Bei Luchssichtungen im Untereichsfeld ist Helmut Nolte Ansprechpartner, Telefon 0 55 27 / 49 77.

Von Erik Westermann

Weitere Infos finden Sie hier: www.luchsprojekt-harz.de