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Duderstadt Mächtiges Geläut vom markanten Kirchberg
Die Region Duderstadt Mächtiges Geläut vom markanten Kirchberg
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18:34 08.08.2011
Sollte nur von schwindelfreien Besuchern bestiegen werden: Glockenturm mit zwei von vier mächtigen Bronzekörpern.
Sollte nur von schwindelfreien Besuchern bestiegen werden: Glockenturm mit zwei von vier mächtigen Bronzekörpern. Quelle: Pförtner
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Rhumspringe

Auf einem markanten Kirchberg, der sich nahe der Rhume erhebt, steht die Pfarrkirche St. Sebastian in Rhumspringe: ein modernes Gebäude, 1977 eingeweiht. Notwendig war er geworden, weil der Vorgängerbau aus dem Jahre 1822 für die Gemeinde zu klein war. Die neue Kirche wurde von dem Kasseler Architekten Johannes Reuter entworfen, einem Spezialisten für Kirchenbauten. Das Dach ist als Faltwerk in Form einer asymmetrischen Pyramide gestaltet, die Kirche bietet rund 530 Gläubigen Platz.

Der Glockenturm steht separat neben der Kirche. Er ist sechseckig, 25 Meter hoch und beherbergt in seinem unteren, zugänglichen Teil eine Kriegsgefallenen-Gedenkstätte mit einer Pietà aus der alten Pfarrkirche, in der alljährlich am Volkstrauertag eine Andacht gehalten wird. Wer die Glockenstube besuchen möchte, sollte halbwegs schwindelfrei sein. Zu erreichen ist der in sieben Meter Höhe eingezogene Zwischenboden, von dem aus kleine, steile Treppen weiter hinauf in die Glockenstube führen, über zwei Leitern. Die obere, an der Seitenwand des Turmes fest montiert, führt senkrecht nach oben. Beim Hochsteigen sollte man besser hinauf statt hinunter schauen.

Aus vier Glocken besteht das Geläut von St. Sebastian. Sie haben die Schlagtöne f’, as’, b’ und c”, ein ausgefüllter Molldreiklang, den man glockenkundlich als Präfationsmotiv bezeichnet. Weniger theoretisch: Es sind auch die ersten vier Töne des Chorals „O Heiland, reiß den Himmel auf“. Am ältesten ist die 375 Kilogramm schwere Sebastiansglocke (b’), die 1904 von der Glockengießerei Otto in Hemelingen geliefert wurde. Eine zweite Glocke (as’) kam 1950 hinzu, nach ihrer Vorgängerglocke „Regina Pacis“ benannt und 570 Kilogramm schwer. Sie ist – nicht nur nach Meinung des Organisten und Küsters Werner Gatzemeier – die schönste Glocke in St. Sebastian. 1979 wurde das Geläut um die tiefste und höchste Glocke ergänzt, finanziert durch Spenden aus der Gemeinde. Gegossen wurden sie in der Gießerei Petit & Gebr. Edelbrück in Gescher in Westfalen. Patrone dieser Glocken sind St. Bernward (Schlagton f’, 1050 Kilogramm) und St. Martin (Schlagton c”, 300 Kilogramm).

Neben den heute existierenden Glocken hat es in der Vergangenheit noch weitere gegeben, die zu Kriegszwecken eingezogen wurden. Dieses Schicksal traf vermutlich bereits die älteste Glocke der Kirche aus dem Jahre 1494, deren Inschrift „O sanctu(s) bastianos+to+romeecpringe hilf+got s(ancta) maria w berat. an(n)o“ überliefert ist. Eine weitere Glocke von 1507 läutete bis 1904 und wurde 1917 kriegsbedingt beschlagnahmt, ebenso die 1920 neu gegossene Marienglocke „Regina Pacis“. Sie wurde im Februar 1942 abtransportiert.

Die Gießerei Otto in Hemelingen übersandte der Gemeinde am 21. Dezember 1919 ihr Angebot für die erste Marienglocke. Der Kilopreis für Bronze lag bei 30 Mark, die auf 500 Kilogramm veranschlagte Glocke sollte also 15 000 Mark kosten. Den Preis garantierte Firma Otto aber nur bis zum 1. 1. 1920 mit der Begründung, dass täglich die Rohstoffpreise stiegen. Schuld daran war die beginnende Inflation. Pro Buchstabe für die Glockeninschrift verlangte die Gießerei 90 Pfennig. Die Aufschrift „Regina pacis, ora pro nobis“ (Königin des Friedens, bitte für uns) dürfte also etwa 18,90 Mark gekostet haben.

Das volle Geläut erklingt nur an den Hochfesten, erläutert Küster Gatzemeier. Er liebt diesen Klang: „Wenn an hohen Feiertagen alle vier Glocken über das Rhumedorf erschallen, darf man stolz auf dieses mächtige Geläut sein.“
In der kommenden Woche: die Glocken der evangelischen Kreuzkirche in Lindau.

gt-podcast.de

Von Michael Schäfer