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Duderstadt Mariensäule: Ein Wahrzeichen feiert Geburtstag
Die Region Duderstadt Mariensäule: Ein Wahrzeichen feiert Geburtstag
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19:06 22.09.2011
Kerze der Bürgerstiftung zum 300-Jährigen: Sabrina Busse, Auszubildende in der Gästeinformation, hält sie in Händen. Quelle: Pförtner
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Duderstadt

Dass die Mariensäule nicht nur gut in die historische Altstadt passt, sondern auch Ausdruck einer geografisch-ideologischen Insellage ist, verdeutlicht der frühere Propst Wolfgang Damm .„Wir sind hier quasi im nördlichsten Süden: An der Mariensäule kann man das sehen.“ Er ist sich fast sicher: Bei dem Duderstädter Monument handelt es sich um die nördlichste historische Mariensäule Deutschlands. Allenfalls im Emsland könnte es Säulen zu Ehren der Mutter Gottes geben, die dann jedoch erst später, nämlich im 20. Jahrhundert erbaut wurden.

Wie eng sie mit der Geschichte der Stadt verbunden ist, zeigen schon die Symbole auf dem Sandstein. Da sind zum einen die beiden Wappenlöwen unter einem D für Duderstadt auf dem Sockel, der St. Cyriakus zugewandt ist. Auf der gegenüberliegenden Seite ist das Mainzer Rad als Symbol der Landesherrschaft zugeordnet, ergänzt durch den gekreuzten Bischofsstab und Szepter als Zeichen der weltlichen und der geistlichen Gewalt des Landesherren. Die Säule wurde aus einem Stück heimischen Sandstein gehauen. Und auch als Modell hat sie bereits gedient: Die Bürgerstiftung hat als Motive für ihre letzte Spendenkerze die viel fotografierte Säule gewählt.

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„Vermutlich ist es eine Pestsäule“, erklärt Damm, die zum Dank von den Überlebenden einer Pestepidemie, die in den Jahren 1682 und ’83 in der Stadt wütete, errichtet worden sei. Ursprünglich habe man eine Pestkapelle außerhalb der Stadt errichten wollen. Doch auch damals hatte man schon Angst vor Vandalismus, deshalb wurde die kleinere, doch höhere Variante in Säulenform innerhalb der Stadtmauern gebaut, berichtet Damm. Vom übriggebliebenen Geld finanzierte man ein Waisenhaus in der Haberstraße.
Gänzlich gesichert ist diese Entstehungsgeschichte nicht, besonders die lange Zeitspanne zwischen Ende des Pestausbruchs und dem Bau hat Anlass zum Zweifel gegeben. Stadtarchivar Dieter Wagner hält diese Erklärung jedoch für möglich. Die Pest habe Duderstadt hart getroffen. „Es könnte gedauert haben, bis man sich davon erholt hatte, auch finanziell.“

Treibende Kraft des Baus war der damalige Stadtpfarrer Herwig Böning, Sohn eines Duderstädter Ratsherren, der als „Vater des Eichsfelder Barock” und Kraftwerk der Rekatholisierung gilt, da er als Bischöflicher Kommisarius Dutzende Kirchen im Eichsfeld errichten ließ. Er war auch schon während des Aufflammens des Schwarzen Todes, wie man die Pest auch nennt, in Duderstadt tätig.

Die Inschriften auf den anderen beiden Seiten des Sockels sind in lateinischer Sprache verfasst. In der Übersetzung von Stadtarchivar Wagner lauten sie: „Gegrüßt seist du Königin des Himmels, gegrüßt du Herrin der Engel. Sei gegrüßt du Wurzel, sei gegrüßt du Pforte aus der der Welt Licht geworden.“

Bis in die Gegenwart, weiß Damm, erbittet man sich am Orte der Säule Schutz: Sowohl bei der Fronleichnamsprozession als auch beim Feste des Stadtpatrons St. Laurentius wird hier für die Stadt und ihre Bürger gebetet. Bis heute erfolgreich – zumindest, was die Pest angeht. Denn die hat Duderstadt bislang nicht mehr heimgesucht.

Von Erik Westermann

Mehr als 500 Tote bei Pestausbruch

Bereits seit Jahrhunderten litt Europa immer wieder unter großen Pestepidemien, und auch das untere Eichsfeld und Duderstadt blieben nicht verschont. 1343, 1485, 1541 und 1597 waren nur einige der Jahre, in denen der „Schwarze Tod“ in der Region wütete. Der letzte Pestausbruch in Duderstadt ereignete sich 1682/83.

Schuld an diesem letzten, über ein Jahr dauernden Ausbruch waren vermutlich drei Brehmestädter. Die Männer, die nahe des Obertors wohnten, reisten heimlich nach Halberstadt, um Tabak zu verkaufen, den sie auf ihrem Wagen versteckt hatten. Halberstadt jedoch befand sich zu der Zeit bereits im Griff der Pestilenz, war Sperrgebiet. Doch die Gebrüder Widitz setzten sich darüber hinweg und schleppten so die Krankheit, die durch Flöhe oder als Tröpcheninfektion übertragen wird, nach Duderstadt ein. Das jedenfalls war die Version des damalige Bürgermeisters Barkefeld, wie der der Duderstädter Stadtarchivar Dieter Wagner in einem Artikel zu den Ereignissen schildert. Wagner dagegen vermutet den Krankheitsherd im Haus einer anderen Familie.

Egal, woher genau die Pest kam: Erste Fälle traten schon im Mai 1682 auf. Doch wiegelte der Rat Duderstadts zunächst ab, es grassiere lediglich ein „hitziges Fieber“. Vorsichtshalber stellten die Ratsherren aber mit Georg Cyriax Stahl noch einen erfahrenen Chirurgen ein. Doch auch der konnte die Ausbreitung nicht verhindern. Am Tag darauf, dem 10. Juni 1682, wurde die Stadt unter Quarantäne gestellt.

Zutritt und Verlassen der Stadt wurden untersagt, die Ausfuhr von Bier verboten, an betroffenen Häusern befestigte man Warnsignale: auf Papier gedruckte schwarze Pestkreuze. Zwei von ihnen aus dieser Zeit sind im Duderstädter Stadtarchiv bis heute erhalten. Es half vorerst nichts, zumal die Kontaktsperre zwischenzeitlich gelockert wurde oder die Stadt- und die Bewohner der umliegenden Dörfer sie einfach ignorierten. Auch in Werxhausen und Westerode grassierte bald der Schwarze Tod. Einen erfahrenen Pestarzt konnte man nicht auftreiben, den Erkrankten standen nur drei Patres aus Heiligenstadt und Worbis zur Verfügung, die Stadtpfarrer Herwig Böning zum Beistand der Sterbenden und Kranken herbeikommen ließ.

Erst nach einer sechswöchigen totalen Quarantäne über alle Gesunden konnte man am 2. Mai 1683 mit einem Dankgottesdienst das Ende der Pest feiern – und die Stadt atmete auf. Mehr als 500 Menschen waren der Lungen- und der Beulenpest binnen zwölf Monaten zum Opfer gefallen.