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Duderstadt Mit Muskelkraft Ur-Omas Alltag bewältigen
Die Region Duderstadt Mit Muskelkraft Ur-Omas Alltag bewältigen
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18:01 28.07.2011
Mit allen Sinnen genießen: Greta lernt den frischen Duft von Zitronenmelisse kennen.
Mit allen Sinnen genießen: Greta lernt den frischen Duft von Zitronenmelisse kennen. Quelle: Tietzek
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Dass das Waschen eines einzigen Handtuchs soviel Aufwand erfordert, konnte ja auch niemand ahnen. „Auf den Spuren von Uroma und Uropa“ lautet das Motto der Duft- und Sinnesreise, die der Museumsverbund Südniedersachsen für Kinder in dieser Woche im Obernfelder Heimatmuseum angeboten hat.

Vor dem weißen Fachwerkhaus mit braunen Holzstreben, in dem das Heimatmuseum untergebracht ist, herrscht Hochbetrieb. Nacheinander nehmen sich die kleinen Waschweiber – die anwesenden Jungs halten sich bei dieser Übung vornehm zurück – das metallene Waschbrett vor und schrubben das seifig schäumende Handtuch mit vollem Körpereinsatz über die wellige Fläche, als wollten sie auch den letzten Tropfen aus dem Stoff quetschen, um auch bloß alle Flecke zu beseitigen. Dabei kommen die zehn Jahre alten Kinder unter Aufsicht und Anleitung von Sandra Köster und Manuela Wengelnik ganz schön ins Schwitzen.

Über derartige Selbsterfahrungen wollen die beiden Museumspädagoginnen den Schülern und Schülerinnen einen Eindruck davon vermitteln, wie die Menschen vor einhundert Jahren gelebt, ihren Alltag gemeistert und den Haushalt geführt haben. Dabei wird den Kindern zwar eine Richtung geboten, umsetzen müssen sie es aber eigenhändig. „Es ist wichtig, dass ihnen nicht alles vorgekaut wird“, erläutert Köster die Vorgehensweise. „Indem die Kinder kräftig zupacken und die verschiedensten Dinge ausprobieren, erfahren sie die Vorgänge am eigenen Leib und erarbeiten sich das nötige Wissen selbst. So können sie sich besser in die Lage ihrer Vorfahren versetzen und machen Erfahrungen, über die sie sich zuvor niemals Gedanken gemacht haben“. Die Vorstellung, dass noch die eigene Uroma die Wäsche auf diese kräftezehrende Weise säuberte anstatt sie, wie heute üblich, einfach in die elektrische Waschmaschine zu stecken, ringe ihnen eine Menge Respekt ab und lasse sie den heutigen Lebensstandard mit anderen Augen betrachten. „Dinge, die bislang selbstverständlich waren, lernen sie nun zu schätzen – vor allem, dass sie ihre Wäsche ansonsten wohl nicht jeden Tag wechseln könnten“, weiß Köster.

Dass heute jedoch nicht alles besser ist, begreifen die kleinen Teilnehmer bei dem nächsten Experiment. Dabei widmen sich die Schüler der artenreichen Welt der Pflanzen. Während die Pädagoginnen Nützliches zu erzählen wissen, ergreifen die Jungen und Mädchen die Gelegenheit, Lavendel, Melisse und Co hautnah kennenzulernen. Mit strahlenden Gesichtern entdecken sie jede Eigenheit der jeweiligen Blüten, schnuppern an ihnen und erzählen, woran sie der Duft erinnert. „Wir wollen den Kindern zeigen, wie man Natürliches nutzen kann, und dass nicht jedes Produkt aus der Tüte kommt,“ betont Wengelnik. Dieses Wissen zu bewahren und an die Kinder weiterzugeben, ist zentrales Anliegen der Pädagoginnen. Dass man beispielsweise aus Zitronenmelisse auch Tee herstellen kann, weckt die Neugierde der Kleinen. „Wir können von früher noch sehr viel lernen“, findet daher nicht nur die zehnjährige Johanna Schrader aus Gieboldehausen. Tee kannte sie bisher, wie auch alle anderen Teilnehmer, nur aus Beuteln. Umso größer ist die Vorfreude, ihn persönlich kosten zu dürfen. Dass dieser ihnen schmeckt, steigert die Begeisterung und damit auch den Lerneifer der Kinder noch.

Um auch andere Bereiche wie Wohnen, Ernte oder Viehhaltung zu veranschaulichen, besichtigt der wissenshungrige Nachwuchs im Anschluss noch das Heimatmuseum. Auch da erfährt die Gruppe noch viel aus früheren Zeiten, auch um für das eigene Leben zu lernen. Doch nicht alles wollen die jungen Forscher auch anwenden. Zwar hat das Waschen auch für viel Spaß bei den Beteiligten gesorgt, doch öfter als nötig möchten sie dann doch nicht an den Zuber treten. Als ein Elternteil gar anbietet, seine Wäsche vorbeizubringen, winken die Kinder entschlossen ab. Das gehört eindeutig der Vergangenheit an. In diesem Fall geben sie doch der modernen Waschmaschine den Vorzug.

Von Andreas Holzapfel