Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Mit dem Ausgrabungsteam auf Spurensuche unter dem Deutschen Haus
Die Region Duderstadt Mit dem Ausgrabungsteam auf Spurensuche unter dem Deutschen Haus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:11 17.09.2013
Müssen Tempo machen: In der Scanpause greift Stier zur Kamera und unterstützt Grabungsleiter Sauerland beim Abfotografieren. Quelle: Vetter
Anzeige
Duderstadt

„Wind ist generell nicht gut bei Ausgrabungen“, sagt Sauerland. Das Wetter sei bei der Sicherung von archäologischen Funden ein wichtiger Faktor und werde in einem Bericht täglich notiert. Bei späteren Auswertungen könnten klimatische Bedingungen eine Rolle spielen.

Die Baugrube, bis zum Abriss im Mai Standort des Hotels Deutsches Haus, sieht aus wie eine Mischung aus Sandkasten und Kriminallabor. Im hinteren Teil arbeiten Bagger am Erweiterungsbau für das Senioren-Wohnheim Am Park. Im vorderen Bereich, in dem zahlreiche Überreste aus der Zeit um 1200 entdeckt wurden, haben sich die Forscher eingerichtet. Um die Grube mit der spätmittelalterliche Anlage in der Mitte liegen Spitzhacke, Staubsauger, Lupe, Gartenharke, Kelle, Pinsel, Handschuhe – und jede Menge Plastikbeutel, die an polizeiliche Spurensicherung erinnern. Die meisten Utensilien gibt es überall zu kaufen – die Tüten, in die sämtliche Fundstücke sorgsam dokumentiert gesteckt werden, sind handelsübliche Gefrierbeutel.

Anzeige

Wo beginnt man mit so einer Grabung?

Lieblings-Grabungshilfsmittel ist eine Gartenharke mit rotem Griff und gezackter Klinge. „Leider wird die nicht mehr hergestellt“, bedauert Sauerland. Die praktische Gartenhilfe sei bei vielen Kollegen sehr beliebt. „Vielleicht könnte man ja einen kleinen Aufruf starten? Wer noch eine Wolf-Harke hat, kann sie uns gern zum Sichern von geschichtsträchtigem Material zur Verfügung stellen“, witzelt der Forscher und steigt wieder in die Grube. Wo beginnt man eigentlich mit so einer Grabung? Orientiert man sich an der Himmelsrichtung? „Man fängt einfach irgendwo an“, sagt Sauerland.

Leinwand-Archäologen wie Indiana Jones sammeln an exotische Orten mit Schaufel und Pinsel Tonscherben ein. Bevorzugte Arbeitsgeräte der Duderstädter Forscher sind allerdings nicht Schlapphüte und Lederpeitschen, sondern mehr und mehr Laserscanner, Bodenradar und geografische Informationssysteme. Den eigentlichen Schatz bergen sie mit dem Computer. Seine Arbeit sei extrem von digitalen Techniken geprägt, bestätigt Daniel Stier. Der Vermessungsingenieur bedient den Laserscanner. „Der ist geliehen“, berichtet Stier. Verständlich, solch ein Spezialgerät kostet rund 100 000 Euro. „Wir wollen wissen, was sich im Boden befindet. Manchmal erhalten wir es dort, wir müssen nicht unbedingt alles gleich ausgraben.“ Und wenn wegen bevorstehender Baumaßnahmen unter Zeitdruck eine Notgrabung nötig wird, helfen moderne Sensoren, Zeit und Kosten zu sparen. Laserscanner haben sich als besonders nützlich erwiesen.

Boden gescannt, Schicht für Schicht

Schließlich geht es los: Erst wird der Boden gescannt, Schicht für Schicht. Dann werden die Steine – in diesem Fall die Prellwand eines Ofens, dessen frühere Verwendung noch nicht klar ist – gelöst. Grabungshelfer Christoph Schmidt schreibt auf kleine Zettel: den Ort der Grabung, die Zeit sowie eine vierstellige Ziffer für die Datenverarbeitung. Die Papierblätter werden in Tütchen verpackt, damit die Schrift nicht verschmiert. Dann müssen Fundstück – „Befund“ im Archäologendeutsch – und der passenden Ordnungszettel fotografiert werden. Anschließend werden beide Teile in einen weiteren Beutel gesteckt – den Gefrierbeutel – um schließlich in einem großen Kübel zu landen. 280 Befunde sind es aus der Baustelle in der Hinterstraße bis jetzt. „Was dokumentiert wurde, ist eigentlich Schutt“, erklärt Sauerland.

Die Teile kommen roh, also ungesäubert, zum Bauhof und werden dort erst mal eingelagert. Andernfalls wären sie bei den Bauabfällen gelandet. Erst, wenn alle Teile gereinigt und untersucht worden sind, beginnt das Puzzle. „Zunächst machen wir die Teile sauber, dann setzten wir sie zusammen. Ich habe von der Grabung im Löwenquartier schöne Sachen zusammengeklebt“, berichtet Sauerland. Am besten eigne sich dafür Holzleim – der sei gut löslich, und falsch zusammengesetzte Teile ließen sich wieder auseinandernehmen. Stier war ebenfalls bei den Arbeiten hinter dem Haus Marktstraße 34 beteiligt, ebenso Schmidt. „Du glaubst nicht, wie 800 Jahre alte Scheiße stinkt“, entfährt es Grabungshelfer beim Gedanken an den gemeinsamen Einsatz im März 2012.  Wie man das feststellen könne? „Wir haben auf der Baustelle des Löwen alte Kloaken ausgehoben – die war unter Luftabschluss verschüttet“. Stier bestätigt: „Keine schöne Arbeit – da riecht wirklich alles.“ Sogar einige Dokumente vom Grabungsort, die er am nächsten Tage noch einmal in die Hand bekam, hätten einen sehr intensiven Geruch verströmt.

„Ausstechen und mitnehmen!“

Dann rückt der Bagger näher.„Jetzt wird es noch mal stressig auf den letzten Metern“, seufzt der Grabungsleiter. Das Team muss sich beeilen. Eine Woche hatten Sauerland und seinen Kollegen Zeit, sich dem rätselhaften Fund unter dem abgerissenen Hotel Deutsches Haus zu widmen. Laut den meisten Denkmalschutzgesetzen steht den Fachleuten bei der Beurteilung von Befunden nur ein begrenzter Zeitraum zur Verfügung, in dem die Baustelle unter Umständen sogar völlig stillgelegt werden kann, ohne dass der Bauherr dafür entschädigt wird. Die Zeit ist um. Jetzt sitzen den Ausgräbern die Baufahrzeuge im Nacken. „Ausstechen und mitnehmen!“, ordnet Sauerland an. Schnell verpackt das Forschungsteam große Bodenstücke aus eingebrannter Asche. Die letzten Tüten werden in vorbereitete Kübel gelegt. Schubkarrenweise Steine sind auf große Behälter verteilt. Das genaue Gewicht oder die Menge kann Sauerland nicht schätzen. Auf jeden Fall könne man die Wannen nicht anheben. Zumindest er nicht. „Muskeln bekommt man von unserer Arbeit leider nicht. Aber man ist immer schön gebräunt“, stellt der Grabungschef fest.
Dann wird verladen. Kranführer Thomas Lindemann steuert die fertig gepackten Kübel per Fernbedienung auf den Lkw. Das Fahrzeug der Stadt fährt zügig los. „Jetzt ist der Ofen aus“, sagt Sauerland und packt seine Sachen zusammen.

Von Nina Winter