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Duderstadt NDR-Streit-Sendung zur Umgehung Westerode
Die Region Duderstadt NDR-Streit-Sendung zur Umgehung Westerode
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18:53 02.11.2011
120 aufgebrachten Bürger: Eine Westeröderin erklärt NDR-Moderator Otte, warum sie die Umgehung will – und zwar bald. Quelle: Pförtner
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Westerode

Wie die Stimmung im Saal ist, davon konnte sich Moderator Hans-Jürgen Otte vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) gleich zu Beginn der einstündigen Veranstaltung überzeugen. Ottes Frage: „Ist hier jemand gegen die Umgehung?“ rief erst Schweigen hervor, es folgte Gemurmel, dann Gelächter – wohl eher nicht. Die Bewohner des 700-Einwohner-Dorfes, die der Umgehungsstraße skeptisch gegenüber stehen, sind zu Hause geblieben.

Die erste Stellungnahme aus dem Publikum war deutlich: „Wir können den Verkehr nicht mehr ertragen“. Ein anderer rief: „Wir haben Angst um unsere Kinder.“ Da hatte die Diskussion noch nicht einmal richtig begonnen. Bei den Anwohnern hatte sich einiges angestaut, genau der richtige Nährboden für die „Streit-Sendung“ des NDR, die Bürgern ein Forum für ihren Ärger bieten will. 30 Jahre Warten und 13 000 Fahrzeuge täglich haben Wirkung gezeigt. Eine Stimmung wie ein überhitzter Dampfkessel.

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Drei Gesprächsgäste hatten sich bei Moderator Otte in der Halle eingefunden, in der sonst am Dienstagabend die Herrengymnastikgruppe des Sportvereins turnt. Neben dem Duderstädter Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) waren das Engelbert Gatzemeier (WDB), Galionsfigur der verkehrsbelasteten Westeröder, sowie Günter Hartkens als Leiter der Niedersächsischen Behörde für Straßenbau und Verkehr in Goslar. Verantwortliche aus dem Bundesbauministerium seien zwar eingeladen gewesen, erklärte Otte eingangs, hätten jedoch abgesagt. Das schienen viele im Saal zu bedauern: Denn in Ermangelung eines echten Gegenspielers blieb es manches Mal beim Schattenboxen für Fortgeschrittene, beim Frustabbau für die Hingehaltenen.

Vor den Ohren der Westeröder rollte der NDR die lange Geschichte der Diskussion um die 3,3 Kilometer lange Ortsumgehung auf, erläuterte Hintergründe wie die Folgen der Wende (explodierende Verkehrszahlen und wegfallenden Zonenrandförderung), ließ Vorteile der Straßenverlegung (bessere Anbindung, wirtschaftliche Impulse, geringere Verkehrsbelastung) Revue passieren.

Im Prinzip waren sich alle einig in dem, was Nolte formulierte: „Wir alle hier wollen die überfällige Ortsumgehung Westerode.“ Klar ist: Es mangelt seit der Planfeststellung 2009 am Geld vom Bund. Also, wann beginnt der zwölf Millionen Euro teure Bau denn nun? Ein eingespieltes Interview mit dem Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesverkehrsministerium Enak Ferlemann brachte nur geringen Erkenntnisgewinn. Bis 2015 würden die Gelder auf jeden Fall fließen, so die Aussage. Über Erhöhungen des Bauetats, die gerade verhandelt werden, oder Umschichtungen könnte das Baugerät möglicherweise auch schneller anrollen.

„Eine Beruhigungspille“ so die Einschätzung aus dem Zuschauerraum, derartiges höre man seitens der Politik seit 30 Jahren. Und in Thüringen würden die Arbeiten ja auf Hochtouren laufen. Die Menschen in Westerode fühlen sich verschaukelt. Wie es denn sein könne, dass Millionen für eine Wildkatzen-Grünbrücke bei Waake investiert würden, wollte der ehemalige Ortsbürgermeister Willi Rudolph wissen – und man gleichzeitig die Menschen hier leiden lasse.

Echte Neuigkeiten gab es allenfalls in Nuancen: Die Wartezeit seit der Baugenehmigung 2009 sei durchaus normal, verkündete Hartkens, ein baldiger Verfall der erteilten Baugenehmigung brauche hingegen nicht befürchtet zu werden. Die Genehmigung gelte für zehn Jahre, nicht für fünf – also noch bis zum Jahr 2019. Auch existiere die ominöse Prioritätenliste der Bauvorhaben in Niedersachsen, auf deren Spitzenplatz die Umgehung Westerode rangieren soll, tatsächlich, bestätigte er.

So einig man sich ist, was das Westeröder Teilstück der Verlegung der B 247 angeht, so unterschiedlich sind die Positionen hinsichtlich des weiteren Verlaufs. Auf die Wortmeldung des Grünen-Ratsherrn Hans Georg Schwedhelm, der Bau der Verkehrseinheit drei bis zur Landesgrenze sei nicht nötig, platzte dem Gerblingeröder Ortsbürgermeister Dieter Thriene (CDU) der Kragen. „Die Leute leiden auch bei uns.“

Grundsätzlich machte Hartkens, der an der Umgehungsplanung beteiligt ist und die Umsetzung ab Baubeginn betreuen würde, den Westerödern Hoffnung. Es sei schon so viel investiert worden, dass er davon ausgehe, dass der Bau auf jeden Fall erfolgen werde. „Wir stehen Gewehr bei Fuß und könnten sofort loslegen.“

„Ich hoffe, die Sendung trägt dazu bei, dass das Ganze etwas schneller geht“, äußerte Nolte. Gatzemeier appellierte: „Es liegt auch an der Bevölkerung und daran, wie sie ihrer Meinung weiter Ausdruck verleiht.“ Er rannte offene Türen ein: 100 Besucher hatten sich bereits in die ausliegenden Unterschriftenlisten für einen sofortigen Baubeginn eingetragen. „Die restlichen kamen nicht an den Tisch heran“, erklärte eine Aktivistin, „der Andrang war einfach zu groß.“

Die Sendung wird am heutigen Donnerstag um 20 Uhr bei NDR 1 Niedersachsen auf Ukw 98,0 Mhz ausgestrahlt. Im Internet ist die Aufzeichnung unter ndr.de nachzuhören.

Von Erik Westermann