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Duderstadt Nesselröden bekommt wieder Hausarztpraxis
Die Region Duderstadt Nesselröden bekommt wieder Hausarztpraxis
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06:00 12.07.2019
Allgemeinärztin Monika Anhuef im Gespräch mit unter anderem Trockenbau-Experte Wolfgang Eckert und Malermeister Andre Bochardt (v.r.) Quelle: Markus Hartwig
Nesselröden

Es sei ihm ein großes Anliegen gewesen, dass Nesselröden wieder eine Hausarztpraxis bekommt. Jetzt hat Ortsbürgermeister Bernd Frölich (CDU) dem Ortsrat eine Lösung präsentiert. Die Medizinerin Monika Anhuef will im Oktober in den Räumen der früheren Sparkasse eine Zweigstelle ihrer Hausarztpraxis am Wall in Duderstadt eröffnen.

Es sei nicht so einfach gewesen, blickte Frölich während der jüngsten Ortsratssitzung vor allem auf die Suche nach einem geeigneten Standort zurück. Angedacht war den Ausführungen des Ortsbürgermeisters zufolge, dass die neue Arztpraxis sich in einem geplanten Neubauprojekt ansiedeln würde. „Ich hatte das als Hauptgewinn für Nesselröden empfunden, der es hätte werden können“, sagte Frölich. Doch es hätte auf jeden Fall für anderthalb Jahre eine Interimslösung bis zur Realisierung des Neubaus geben müssen. Außerdem habe es an alternativen Liegenschaften gemangelt.

„Mitten im Dorf“

Nachdem die Kassenärztliche Vereinigung die Genehmigung für die Zweigstelle der Arztpraxis erteilt hatte, habe sich eine neue Lösung ergeben, sagte der Ortsbürgermeister. Und so soll nun in den früheren Räumlichkeiten der Sparkasse eine Allgemeinarztpraxis entstehen. Dafür würden allerdings auch die Räume der Verwaltungsstelle benötigt, so Frölich. Der Standort an der Georgstraße 4 biete den Vorteil der Barrierefreiheit. „Die zentrale Botschaft aber ist: Er liegt mitten im Dorf“, freute sich der Ortsbürgermeister.

Das Praxisteam

„Fachärztliche Kompetenz“

Die in Nesselröden geplante Praxis wird eine Zweigstelle der Hausarztpraxis Am Wall in Duderstadt. Die Hausarztpraxis Am Wall in Duderstadt gibt es seit 2005. Das Ärzteteam sei „breit aufgestellt“ und setzt sich aus Allgemeinmedizinern mit „fachärztlicher Kompetenz“ zusammen, wie Praxisinhaberin Monika Anhuef sagt. Sie selbst ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Akupunktur und Palliativmedizin. Ihre angestellten Ärzte sind der Allgemeinmediziner Guido Gecius, der Allgemeinmediziner Dr. med. Horst Reindell, der Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Geriatrie und Pneumologie Dr. med. Tobias Loleit sowie in Kürze die Allgemeinmedizinerin Christina Loleit.

Zum Leistungsspektrum zählt eigenen Informationen zufolge „eine umfassende medizinische Versorgung“ mit diagnostischen Möglichkeiten wie Ultraschall, Ruhe- und Belastungs-EKG, 24-Stunden-Blutdruckmessung und Spirometrie (Lungenfunktionsprüfung). Außerdem werde eine „chirurgische Basisversorgung mit kleinen operativen Eingriffen“ durchgeführt.

Monika Anhuef nutzte die Gelegenheit, sich und ihr Konzept für die Praxis in Nesselröden den Ortsräten und den anwesenden Einwohnern vorzustellen. Seit 2005 sei sie in der Hausarztpraxis Am Wall in Duderstadt niedergelassen. Dadurch dass sich die Duderstädter Praxis personell verstärke, sei sie „personell so gut ausgestattet, dass wir in Nesselröden eine Zweigstelle aufmachen können“, sagte sie.

Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung

Die Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung ermögliche es ihr, ab Oktober zunächst Vormittagssprechstunden an drei Tagen der Woche anzubieten. Die Zweigstelle in Nesselröden soll den Aussagen der Medizinerin zufolge montags, mittwochs und freitags von 8.30 bis 12 Uhr geöffnet sein. Darüber hinaus wolle sie eine Hausbesuch-Route anbieten. „Je nach Bedarf ist das ausbaufähig“, betonte Anhuef. Sie freute sich, dass es gelungen sei, einen zentralen Standort für die Zweigstelle in Nesselröden zu finden. Es sei ihr ein Anliegen, dass die Menschen, die nicht mehr so mobil seien, vor Ort die Gelegenheit hätten, zum Arzt zu gehen.

Auf ihre Frage in die Runde des Ortsrates, ob es noch Vorbehalte gebe, gab es im Gegenteil von allen Seiten Zustimmung. Von „Stärkung der Infrastruktur“ und des Ortskerns war die Rede. Positiv vermerkt wurde auch, dass Anhuef für die notwendigen Umbaumaßnahmen ausschließlich örtliche Handwerksbetriebe beauftrage.

Termin mit Handwerkern wegen Umbau

Mit den Handwerkern und der Mitarbeiterin des Architekturbüros gab es am Mittwoch dann bereits einen Termin vor Ort, bei dem die notwendigen baulichen Voraussetzungen besprochen wurden. Unter anderem gälten für Arztpraxen besondere Schallschutzanforderungen an die Wände, erklärte Anhuef. Auch die Elektrik werde erneuert werden müssen. In der künftig etwa 70 Quadratmeter großen Praxis mit zwei Sprechzimmern und einem Laborbereich sollen auch medizinische Geräte für EKG, zur Lungenfunktionsprüfung und für kleinere chirurgische Eingriffe vorgehalten werden. Die Praxisräume, die sie von der Stadt Duderstadt anmiete, sollen Anhuefs Worten zufolge „klein aber fein“ werden.

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Mehr zur Versorgung mit Haus- und Fachärzten in der Region

Detlef Haffke, Leiter der Stabsabteilung Kommunikation und Information der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen hat Fragen zur ärztlichen Versorgung in Südniedersachsen beantwortet.

Welche Voraussetzungen sind grundsätzlich erforderlich, damit eine Arztpraxis eine Zweigstelle eröffnen kann?

Im Grundsatz erfolgt die Zulassung eines Kassenarztes für einen bestimmten Ort der Niederlassung, den Kassenarztsitz, der durch die konkrete Praxisadresse bestimmt ist. An diesem Kassenarztsitz muss der Kassenarzt seine Sprechstunde abhalten und für die kassenärztliche Versorgung zur Verfügung stehen.

Mit dem sogenannten Vertragsarztrechtänderungsgesetz von 2007 wurden die Möglichkeiten für Kassenärzte, Zweigpraxen an anderen Orten als dem Praxissitz zu gründen, deutlich erleichtert. Es ist auch möglich, mehrere Zweigpraxen zu gründen, wenn die Voraussetzungen dafür vorliegen.

Eine Zweigpraxis muss vor Gründung von der Kassenärztlichen Vereinigung genehmigt werden. Folgende Voraussetzungen sind zu erfüllen:

1. Die Versorgung der Versicherten am Ort der Zweigpraxis muss verbessert werden.

2. Die ordnungsgemäße Versorgung der Versicherten am Ort des Kassenarztsitzes (Hauptsitz) darf nicht beeinträchtigt werden.

Wie ist die aktuelle Situation der Ärzteversorgung im Landkreis Göttingen? Fehlen in einer Region bestimmte Mediziner, und wenn ja wo und für welche Fachrichtung?

Grundsätzliches zur Bedarfsplanung

Ärzte oder Psychotherapeuten, die gesetzlich versicherte Patienten ambulant behandeln möchten, benötigen einen Kassenarztsitz. Wie viele es davon in einer Region gibt, regelt die so genannte Bedarfsplanung. (...) Für niederlassungswillige Ärzte und Psychotherapeuten ist von Bedeutung, ob der für sie in Frage kommende Planungsbereich „offen“ oder „gesperrt“ ist. Liegt der Versorgungsgrad einer ärztlichen Fachrichtung in einem Zulassungsbezirk unter 110 Prozent, können sich in der Regel dort weitere Ärzte einer Fachrichtung niederlassen.

Wieviel Niederlassungen möglich sind, hängt vom Versorgungsgrad ab. Dieser berechnet sich aus der Einwohnerzahl in einer Region und der jeweiligen Anzahl von Ärzten einer Fachgruppe. Zur Berechnung liegt immer eine Verhältniszahl zugrunde (z. B. 1 Hausarzt soll 1780 Einwohner versorgen, 1 Augenarzt 20664 Einwohner etc.). (...) Je niedriger der Versorgungsgrad, umso mehr Ärzte der Fachrichtung können sich dort niederlassen. Oder anders ausgedrückt. Versorgungsgrade unter 100 Prozent zeigen einen Bedarf auf.

Ein Planungsbereich gilt als überversorgt und damit für zusätzliche Arztsitze gesperrt, wenn die Arztdichte einer Fachgruppe einen Wert über 110 Prozent übersteigt. Es gilt ein Zulassungsstopp. Ärzte und Psychotherapeuten können sich dort nur dann neu niederlassen oder anstellen lassen, wenn ein anderer Arzt oder Psychotherapeut seine Zulassung zurückgibt und damit ein Kassenarztsitz in der Fachgruppe frei wird. Sinkt der Versorgungsgrad unter 75 Prozent sprechen wir von Unterversorgung. Dann muss die KVN dort einen Arzt etablieren, da sie den Sicherstellungsauftrag hat.

Zu dem konkreten Betrachtungsraum:

Hausärztliche Versorgung

Die Betrachtungsräume für den hausärztlichen Versorgungsbereich sind sogenannte Mittelbereiche. Sie bestehen aus einzelnen Städten oder einem Zusammenschluss von Städten und Gemeinden. Im Landkreis Göttingen gibt es folgende Mittelbereiche: Duderstadt, Göttingen, Hann. Münden und Osterode. Im konkreten Fall ist der Mittelbereich Duderstadt mit den Gemeinden Bilshausen, Bodensee, Duderstadt, Gieboldehausen, Krebeck, Obernfeld, Rhumspringe, Rollshausen, Rüdershausen, Wollbrandshausen, Wollershausen, Ebergötzen, Landolfshausen, Seeburg, Seulingen und Waake relevant.

Hier leben 41301 Menschen, der Versorgungsgrad ist 1 (Hausarzt) zu 1621 Einwohner/ es praktizieren 28,5 Hausärzte/Versorgungsgrad 111,9 Prozent/ der Mittelbereich ist für weitere Niederlassungen im hausärztlichen Bereich gesperrt.

Fachärztliche Versorgung

Der Betrachtungsraum für die fachärztliche Versorgung ist der Landkreis Göttingen. In allen fachärztlichen Bereichen gibt es eine rechnerische Überversorgung. Es können sich keine weiteren Fachärzte niederlassen.

Wie schätzen Sie sie Versorgungssituation in den nächsten Jahren ein? Beispiel Duderstadt: Im Einzugsgebiet des Krankenhauses St. Martini sind fünf Ärzte 60 Jahre oder älter. Wie stehen die Chancen, dass sie Nachfolger für ihre Praxen finden? Oder ist langfristig mit einer Zentralisierung, beispielsweise in einem Ärztezentrum angegliedert an das Krankenhaus, zu rechnen?

In den kommenden zehn Jahren (bis 2030) werden voraussichtlich von den zurzeit im Landkreis Göttingen 531 Ärzten 202 aus Altersgründen ihre Praxis aufgeben. Dies stellt die KVN und die Gemeinden/Landkreise vor große Aufgaben. Bei der Besetzung von Arztsitzen heißt das Zauberwort „work-life-balance“. Für die Niederlassungsentscheidung sind folgende Faktoren wichtig:

- Findet der Partner einen adäquaten Arbeitsplatz.

- Wie sieht das Angebot von Kindergärten und Schulen aus (Schul- und Betreuungsangebot)

- Wie häufig habe ich Bereitschaftsdienst am Abend oder am Wochenende.

- Wie ist der Bedarfsverkehr ausgebaut

- Gibt es ein gutes Angebot an Freizeitaktivitäten (Kino, Theater, Oper)

- Kann ich mit anderen Ärzten in der Region gut kooperieren

Vereinfacht ausgedrückt: Hat die Landpraxis verschiedene Vorzüge – zum Beispiel bleibt die Zahl der Bereitschaftsdienste auf zwei pro Monat beschränkt, und das Schul-/Betreuungsangebot für die Kinder befindet sich direkt vor Ort – können sich deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte eine Niederlassung auf dem Land vorstellen.

Aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Ärzte (54,1 Jahre) geben immer mehr Ärzte ihre Praxis auf. Allerdings konnte die KVN den Bedarf in den problematischen Regionen auffangen. Die KVN hat zur Förderung der kassenärztlichen Versorgung spezielle Fördergebiete ausgeschrieben. Gefördert werden dringend zu besetzende Vertragsarztsitze mit bis zu 60000 Euro. Dies ist bisher in den oben genannten Bereichen nicht der Fall. Dies greift erst, wenn der Versorgungsgrad unter 90 Prozent fällt.

Die KVN setzt sich im Zusammenhang mit der Erhöhung der Studienplätze auf 250 bis 300 Plätze auch für eine Landarztquote ein. Mit einer Landarztquote geben wir hochmotivierten Bewerbern die Chance, Arzt zu werden, auch wenn sie keine Traumnote im Abitur haben. Aber die Ausweitung der Studienkapazitäten muss weiteren Maßnahmen flankiert werden. Wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Landkreisen, um vor Ort die Rahmenbedingungen für Niederlassungen zu verbessern. Alle Beteiligten müssen darauf achten, dass über den öffentlichen Nahverkehr die Mobilität der Menschen erhalten bleibt. Dort, wo es in Zukunft weniger Ärzte geben wird, müssen die Patienten weiterhin in der Lage sein, mit Bussen in die nächste Arztpraxis zu kommen.

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Weiterführende Links zum Thema Landarzt:

Kooperationen sind ein mögliches Modell gegen Landarztmangel (Mai 2019)

Über eine Landarztquote wird derzeit landesweit diskutiert (Mai 2019)

Mit Stipendien wird versucht, Medizinstudenten für die Arbeit in einer Hausarztpraxis auf dem Land zu bewegen (Februar 2019)

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Die Autorin erreichen Sie per E-Mail an b.eichner-ramm@eichsfelder-tageblatt.de, telefonisch unter 05527/94997-12 oder über Facebook.

Von Britta Eichner-Ramm

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