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Duderstadt Nolte: „Altenpflege ist ein Zukunftsberuf“
Die Region Duderstadt Nolte: „Altenpflege ist ein Zukunftsberuf“
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20:12 14.08.2009
„Wir haben hier schon die ersten Headhunter aus dem Süden“: In der Malteser Fachschule werden Altenpfleger ausgebildet. Quelle: Blank
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CDU und FDP fordern umfassende Reform der Pflegeausbildung.“ Diese Überschrift des Pressedienstes „Rundblick“ erregt die Aufmerksamkeit des Lokaljournalisten. Ein Thema von allgemeinem Interesse mit Hilfe eines Experten vor Ort aufarbeiten zu können, ist eine Chance. Lokalisierung überregionaler Themen heißt das im Journalistenjargon.

Nolte schafft kurzfristig Platz in seinem vollem Terminkalender. Aus dem geplanten Minuten eines Frage-und-Antwort-Spiels über politisch wohlfeile Forderungen wird dann ein halbstündiges Gespräch über Werte und Normen in einer alternden Gesellschaft. Begriffe wie Demografie und Pflegereform gewinnen Gestalt. Das Thema liegt Nolte am Herzen.

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„Kein Traumberuf“

„Altenpfleger ist kein Traumberuf“, sagt Nolte, ganz Realist. „Die Pflege ist ein Stück weit zur Knochenarbeit mutiert“, weiß der Praktiker. Der Beruf Altenpfleger „stellt sich nach außen nicht attraktiv dar“, berichtet der Insider. Aber: „Die Altenpflege ist ein Zukunftsberuf“, ist der Ausbilder überzeugt. „Wir haben hier schon die ersten Headhunter aus dem Süden“, erzählt der Schulleiter. Und: „Ich bin überzeugt, dass es die Pflegereform geben wird“, kommt Nolte auf die Ausgangsfrage zurück.

Die basiert auf einer Initiative der Koalitionsfraktionen im Niedersächsischen Landtag. CDU und FDP werden noch im August einen Entschließungsantrag ins Plenum einbringen. Sie fordern von der Landesregierung ein Konzept zur Reform der Pflegeausbildung. Ziele sind die „qualifizierte Ausbildung ausreichender Pflegekräfte“ und die Erhöhung der „Attraktivität der Pflegeberufe“ (siehe blauer Infokasten).

Nolte begrüßt grundsätzlich diese Initiative. Deutschland sei eines der wenigen Länder, die speziell Altenpfleger ausbildeten, erläutert er das Problembewusstsein in der Bundesrepublik. Diese vordergründig positive Tatsache habe aber auch ihre Schattenseiten. Zirka 600 Ausbildungen in der Pflege gebe es bundesweit. „Es ist schwer zu sagen, wie gut die jeweils sind“, formuliert Nolte zurückhaltend.

„Wahnsinniger Druck“

Die schwerwiegenderen Probleme sind für ihn jedoch andere: hoher zeitlicher Druck bei und hohe Ansprüche an die Pflege, gleichzeitig mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und ineffizienter Einsatz der Fachkräfte.

Im Einzelnen: Das Primat der Wirtschaftlichkeit setze die Pflegekräfte unter einen „wahnsinnigen Kosten- und Leistungsdruck“. Da sei eine angemessene Pflege oft nicht möglich. Nolte verweist auf die neue Ausbildung zum Demenzbegleiter. Deren Aufgabe sei es auch, den Betroffenen Wertschätzung zu vermitteln. „Die Pflegekraft hat dazu nicht die Zeit“, weiß er.

Die Ansprüche seien dabei hoch. Im Vergleich zu Krankenpflegern hätten Altenpfleger „einen viel größeren ärztefreien Raum“, in dem eigenständig Entscheidungen getroffen, Maßnahmen ergriffen werden müssten.

Und dennoch seien die Altenpfleger in der gesellschaftlichen Wertschätzung hinter den Krankenpflegern angesiedelt. Das habe auch mit dem gesellschaftlichen Stellenwert alter Menschen zu tun, ist Nolte überzeugt.

„Kompetenzen einsetzen“

Eine Ursache dafür sei, dass die Altenpfleger trotz qualifizierter Ausbildung in der Praxis oft die Arbeit von Hilfskräften erledigen müssten. „Die Frage ist, werden die Leute gemäß ihren Kompetenzen eingesetzt“, formuliert Nolte.

Von ihrem nicht auf ihre Kompetenzen abgestimmten Einsatz seien nicht nur die Pflegekräfte selbst betroffen. Die Pflegebedürftigen würden unter diesen Bedingungen nur unzureichend betreut. Nolte spricht dabei nicht von den Grundbedürfnissen wie Essen oder Sauberkeit. „Wir müssen die Sinnfrage beantworten“, gibt er ein Ziel von Pflege aus. Alte Menschen müssten gefordert werden, „wir müssen den Tagen Leben geben“. Früher sei es Aufgabe alter Menschen gewesen, die Kinder zu erziehen, nennt Nolte als Beispiel. Heute fehlten solche Herausforderungen und entsprechend der Antrieb, sich zu engagieren. Die Folge: „Wir haben 250000 Demenzkranke pro Jahr mehr. Ich bin überzeugt, dass das nicht alles Krankheit ist“, spitzt er zu.

Leitet er daraus konkrete Forderungen an die Politik ab? Es müsse eine strukturierte Pflegekraftausbildung geben, antwortet er. Getan werden müsse auch etwas bei der Vergütung, „dass eine Fachkraft verdient, was sie verdienen muss“. Das müsse auch für private Anbieter gelten, fügt Nolte hinzu. Und: Kompetenzen, die Pflegekräfte in ihrer Ausbildung erlangten, müssten auch gelebt werden, setzt sich der Schulleiter für eine abgestufte Ausbildung mit jeweils klar umrissenen Aufgabengebieten ein.

Von Ulrich Lottmann