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Duderstadt Patient Plattdeutsch, ein Papiertiger und der schleichende Tod
Die Region Duderstadt Patient Plattdeutsch, ein Papiertiger und der schleichende Tod
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18:11 17.08.2011
Plattdeutschfans: Die Schüler Lorenz Schröer, Sophie Bubolz, Miriam Otto, Samantha Diederich und Laura Nordmann (v.l.) lernen in der AG von Adelheid Strüber Grundlagen der Sprache.
Plattdeutschfans: Die Schüler Lorenz Schröer, Sophie Bubolz, Miriam Otto, Samantha Diederich und Laura Nordmann (v.l.) lernen in der AG von Adelheid Strüber Grundlagen der Sprache. Quelle: Tietzek
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Zu Beginn jeder Stunde der Plattdeutsch-AG sagen die Kinder ein Sprüchlein auf, ihr Mantra. Die fünf Grundschüler aus Bilshausen stehen in einer Reihe im Klassenzimmer, manche verschränken die Arme hinter dem Rücken. Sie sprechen mit feierlicher Miene. „Plattdütsch darf nich unrechoan! Spreket Platt, dann bliwt et bestoahn.“ Lehrerin Adelheid Strüber lächelt und lobt ihre Eleven. Plattdeutsch darf nicht untergehn. Sprecht Platt, dann bleibt es bestehen: Eine Beschwörungsformel, die helfen soll, den Lauf der Sprachentwicklung aufzuhalten.

Strüber lehrt Schüler an ihrer alten Wirkungsstätte seit 15 Jahren die Grundlagen des Plattdeutschen. Genauer: der ostfälischen Variante ihrer Muttersprache, die bis vor einigen Jahrzehnten im ländlichen Raum als Alltagssprache diente. Nach langer Diskriminierung – wer Plattdeutsch sprach, galt als rückständig – ist das früher auch Niedersächsisch oder Sassisch genannte Platt zum Randphänomen verkümmert.

80 Jahre ist Strüber alt. Bis 1996 hat sie an der früheren Grund- und Hauptschule – letzterer Zweig ist ausgelaufen – ihre regulären Fächer unterrichtet. Plattdeutsch war nicht darunter. Sie habe damals versucht, etwas von dieser „urwüchsigen, kernigen Sprache“ in den Unterricht einfließen zu lassen. „Aber das war noch nicht in.“ Jetzt ist sie eigentlich im Ruhestand. Doch mit „eigentlich“ kommt man nicht weit, wenn man eine Sprache bewahren will.

Auf der niedrigen Holzbank vor ihr liegt ein Ordner. Plattdeutsche Spiele hat sie dort gesammelt, Lieder, Geschichten und kleine Verse. Dazu jede Menge Schnurren, niederdeutsche Sketche, die die Kinder hingebungsvoll einüben. Strüber hat ihre Einschätzung der Lage des Niederdeutschen in einem Text auf blass-gelbem Papier zusammengefasst: „Das Plattdeutsche ist heute in seiner Existenz bedroht, wie so vieles Schöne und Wesentliche in unserer Umwelt.“

Es waren schon einmal 20 Schüler, die an der AG – einer von zweien im unteren Eichsfeld – teilnahmen, um einmal die Woche für 45 Minuten zu lernen. Derzeit sind es sechs. Strüber bekennt: „Wir sind nur eine AG unter vielen.“ Ein Jahr unterrichtet sie die Kinder, manchmal länger. Dann verlassen sie die Grundschule. „Das reicht gerade für ein paar Worte und Grundlagen.“ Man frage sich schon nach dem Sinn. Doch letztlich sei es besser als nichts, meint die grauhaarige Lehrerin. „Es bleibt etwas hängen. Und wenn es nur ein paar Redewendungen sind.“

Den Kindern der AG gefällt es, auch wenn die größeren Schüler behaupteten, Plattdeutsch sei langweilig. Die rothaarige Laura reckt das Kinn vor, als sie von ihren Erfolgen erzählt: „Ich kann schon mit der Oma sprechen.“ „Den größten Spaß haben die Großeltern“, sagt Strüber, „wenn die Kinder etwas aufführen.“

Ihre Lernfortschritte können Strübers Novizen gemeinsam mit anderen einmal im Jahr beim regionalen Entscheid des Plattdeutsch-Lesewettbewerbs beweisen. Manchmal fahren die Gewinner noch zum Bezirksentscheid, wie Lorenz, Strübers Enkel, der auch in der AG ist, in diesem Jahr. An den weiterführenden Schulen schafft man nicht einmal mehr das. „Wir haben nicht die Kapazitäten“, erklärt Gregor Senge vom Eichsfeld-Gymnasium Duderstadt, früher im Bereich Lesewettbewerbe engagiert. „Auch für die Schüler ist es nicht möglich. Die haben schon genügend Stunden.“

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Anzahl der Plattsprecher halbiert, wie eine repräsentative Umfrage des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ergeben hat. Die Alterspyramide weist hohe Ausschläge bei den Über-50-Jährigen aus, während die Werte in den jüngeren Generationen erheblich niedriger sind. Die Zahl der aktiven Sprecher liegt bei 2,6 Millionen in acht Bundesländern, davon eine Million in Niedersachsen. Die Sprache gilt offiziell als bedroht.

Doch nicht nur beim Nachwuchs gibt es Probleme. Auch bei jenen, die Platt rein statistisch noch können, stößt man auf Schwierigkeiten. Erst vor kurzer Zeit feierten die Plattdeutschen Frünne, der regionale Verein zur Förderung des Niederdeutschen, mit seinem umtriebigen Präsidenten „Use“ Werner Grobecker an der Spitze ein großes Fest zum 60. Geburtstag, mit zahlreichen Gästen. Im Saal hängen Girlanden, an der Wand hinter der Bühne ein Plakat. „Plattdütsch darf nich unrechoan! Spreket platt...“ Das Tageblatt beobachtete: „Frünne Helau – an diesen Schlachtruf und die bunte Schau werden die 1000 Besucher gern zurückdenken. Am Fasteloabend-Nachmittag zum 60. Geburtstag brachten die Frünne den Saal in Wallung.“

Sie schauen und hören gerne zu, die Gratulanten beim Fastnachtsabend im geschmückten Saal des Gasthauses, bestätigt Präsident Grobecker. Das ist auch bei den monatlichen Treffen der Frünne so, an denen 150, 200 oder mehr Besucher teilnehmen, um einem kleinen Kreis engagierter Darsteller bei niederdeutschen Liedern und Sketchen zuzuschauen. Beiträge wie die der Gruppe von Adelheid Strüber und ihrer Plattdeutsch-AG sind beliebt.

Doch einigen von ihnen können die Sprache eingeschränkt sprechen und tun das deshalb selten – gerade die Jüngeren unter 65. Die lückenhafte Sprachbeherrschung ist ihnen peinlich, so Präsident Grobecker. „Viele sagen: Ich traue mich nicht aus Angst, sich zu blamieren“, meint Mitstreiterin Strüber. Doch wer nicht spricht, dessen Fähigkeiten verkümmern. Langsam, so Grobeckers Eindruck, wird Platt zur reinen Folklore. „Manche von den Jüngeren scheinen zu meinen: Das ist eine Harlekinsprache. Ist sie aber nicht.“

Manfred Schmidt, Leiter der Duderstädter Kreisvolkshochschule, hatte es vor zwei Jahren einmal versucht mit einem Kurs zum Spracherwerb für Erwachsene – er musste jedoch ausfallen. „Es gab nicht eine einzige Anmeldung“, erinnert sich Schmidt. Vielleicht müsste man es mal wieder probieren“, glaubt Grobecker von den Frünnen. Und das, wo er sonst kein Freund von Zetteln und Lehrplänen ist und denkt, dass man diese lebenspralle Sprache nur schwerlich aus Büchern lernen kann.

Die Jüngeren können nicht umfassend lernen, weil schon im Kleinen die Strukturen und Mittel fehlen, den Älteren ist es peinlich, oder sie sind gleichgültig. Wenn alternde Engagierte wie Grobecker oder Strüber wegbrechen, wird es eng. Strüber weiß: „Wir sind die letzten Einzelkämpfer.“

Etliche Sprachen auf der Welt gehen jährlich unter, sagt Grobecker. Dass es seiner Muttersprache ähnlich gehen könnte, ist ihm bewusst, doch in Stein gemeißelt sei das nicht. „Schließlich ging es für das Plattdeutsche eigentlich schon seit Luther bergab. Außerdem hat man schon seit Ende des 19. Jahrhunderts den Tod dieser Sprache kurz bevor gesehen.“

In anderen Regionen des Nordens sieht es nicht ganz so schlimm aus wie in der hiesigen Region. „Es besteht ein zunehmendes Nord-Süd-Gefälle“, konstatiert Doktor Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen und Sprecher des Bundesraat för Nedderdüütsch. „Je weiter man nach Süden kommt, desto schwieriger wird es.“ Eine Renaissance des Plattdeutschen gebe es nur in Regionen wie Ostfriesland und Schleswig-Holstein, in denen die Sprache vital sei und viele Verknüpfungen im Alltag bestünden. Als Grund sieht er die größere Nähe zum Hochdeutschen in Südniedersachsen. „Dieser Einfluss ist im Norden schwächer.“ Das Sprachgebiet schrumpft also zusehends auf ein Kerngebiet im hohen Norden der Republik. Und dass, wo es doch einmal „diejenige weichere deutsche Mundart“ war, wie es im Brockhaus von 1835 heißt, „welche ehedem über einen großen Theil Deutschlands herrschte und noch jetzt in dem größern Theile Norddeutschlands vom Volke gesprochen wird“.

Gegenmaßnahmen zur Förderung oder Rettung seien schwierig. Voraussetzung wäre, so sieht es Goltz, dass man den Spracherwerb junger Leuten „entscheidend erleichtert“. Von Bundesländern wie Hamburg könnte man lernen. Dort ist die Sprache in der Schule fest verankert. Zudem sei es wichtig, das Bewusstsein für den Wert der Sprache zu steigern. „Hochdeutsch können wir alle“, sagt der Sprachförderer. Doch: „Die Impulse müssen aus der Region selbst kommen.“ Wenn nicht, „dann droht der Sprachentod. Wer für kulturellen Reichtum ist, sollte sich engagieren.“

Dabei gibt es doch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Die wurde 1998 auch von der Bundesregierung ratifiziert und soll „kleine“ Sprachen vor dem Aussterben schützen und ihren Gebrauch in Schulen sowie im öffentlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Leben fördern. Doch Dinge festzuschreiben sei die eine Sache, sagt die Bilshäuser Plattdeutsch-Lehrerin Strüber. Förderung von Seiten des Landes habe es bislang kaum gegeben. Es könnte sich um einen Papiertiger handeln.
Stefan Oeter, Professor für deutsches und ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht an der Uni Hamburg und Mitglied des unabhängigen Expertenkomitees für die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen des Europarats, spricht der Charta grundsätzlich große Bedeutung zu. „Zum ersten Mal war das Niederdeutsche offiziell als eine eigene Sprache anerkannt und in einem verbindlichen Rechtsdokument mit dem Anspruch auf konkrete Schutzvorkehrungen versehen worden“, schrieb er in einem Aufsatz. Schutzvorrichtungen, die den Gebrauch in den Bereichen Recht, Schulen, des öffentlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens ausweiten.

Doch was hat man in Niedersachsen in jüngerer Vergangenheit für die Bewahrung dieses Kulturguts konkret getan? Zum Beispiel Imagekampagnen: Da gab es eine Postkartenaktion mit Namen „Platt is cool“, – 30 000 Postkartensätze mit flotten Sprüchen. Eine Aktion der 2007 gegründeten Plattdüütsch-Stiftung Neddersassen, des Instituts für Niederdeutsche Sprache, dem Kultusministerium des Landes und den Landschaftsverbänden. „Tro di wat, snack Platt!“ ist der Leitspruch der Initiative – oder, da die Karten in verschiedenen regionalen Sprachvarianten erscheinen, in der hier geläufigen ostfälischen Version: „Make wat, köre Platt“. Und um zu zeigen, dass Platt wirklich cool ist, hat man mit „Plattsounds“ gleich einen Nachwuchs-Bandwettbewerb für Musik mit niederdeutschen Texten ins Leben gerufen. Ganz erfolglos scheinen solche Vorstöße nicht: Die Platt-Sympathiewerte steigen. 73 Prozent sind einer Umfrage zufolge für stärkere Förderung. Doch Schlange steht – zumindest in Südniedersachsen – kaum ein Jugendlicher, um die Sprache zu lernen.
Strukturell ist weniger passiert. Nach anhaltenden Protesten gegen die Streichung des Lehrstuhls für Niederdeutsche Sprache an der Universität Göttingen wurde ein befristeter Ersatz in Oldenburg geschaffen.Hier können beispielsweise angehende Lehrer ihre Kompetenzen erwerben. Denn es mangelt an Lehrkräften, die die Sprache vermitteln könnten.

In den Lehrplänen ist Plattdeutsch zumindest theoretisch angekommen. Roman Haase, Sprecher des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur verweist auf die festgeschriebene „Sprachbegegnung“ in „den Kompetenzbeschreibungen der Kerncurricula für das Fach Deutsch an Grundschulen und den Schulformen des Sekundarbereichs I.“ Hierdurch hätte Niederdeutsch einen zuvor nie vorhandenen Stellenwert erhalten. „Unabhängig von der Verpflichtung, Anlässe zur Sprachbegegnung zu schaffen, ist damit der Spracherwerb an keiner Schulform ausgeschlossen worden.” Auch an den Schulen von Adelheid Strüber und Gregor Senge nicht. Konkrete Hilfe für sie hat das bisher nicht bedeutet.

Im Landtag ist das Thema seit Jahren ein Dauerbrenner. Immer wieder einmal wird es aufgegriffen – ohne große Ergebnisse. Derzeit rühren SPD und CDU wieder die Trommel: Im Landtag hat man eine Große Anfrage der CDU mit 140 Fragen aus dem Plattdeutschen übertragen, die erste Drucksache, die in niederdeutscher Sprache in den Landtag eingebracht wurde. Sie soll Klarheit und eine Überblick über den Zustand der Sprache geben. Die SPD-Fraktion reichte einen Entschlussantrag ein: „Sprachencharta endlich umsetzen – 14 Antworten statt 140 Fragen“. Auch Reinhard Goltz fragt sich, ob weniger nicht vielleicht mehr gewesen wäre. Wer wird 140 Fragen und die darauf folgenden Antworten, die im September kommen sollen, lesen?

Professor Oeters Einschätzung der Bemühungen zur Umsetzung der Charta zum Schutz der Regionalsprachen auf Landesebene ist deutlich. Andere Bundesländer seien schon schwach. Doch: „Innerhalb der Bundesrepublik Deutschland sticht nun wiederum das Land Niedersachsen als ein besonders schlechtes Beispiel heraus“, schrieb Oeter. Denn, wie er gegenüber dem Tageblatt sagte: „Niedersachsen hat im zentralen Bereich, dem Bildungsbereich, keinerlei Verpflichtungen übernommen. Damit weicht man von allen anderen Bundesländern ab.“

Kassandrarufe in Sachen Platt kommen seit Jahren auch vom Niedersächsischen Heimatbund. Immer wieder kritisiert der Verband in seiner „Roten Mappe“ – die jährlich der Landesregierung überreicht wird – die laxe Förderung und fordert ein Plattdeutsch-Gesetz. Die Landesregierung habe den Rückgang der Sprachkompetenz eher gefördert als gestoppt, kritisierte Heimatbund-Geschäftsführer Wolfgang Rüther Ende 2010.

Ein wenig Bewegung erhofft sich manch einer von einem landesweiten Schulerlass mit dem Titel „Die Region und ihre Sprachen im Unterricht“. Seit 2005 ist der Vorgänger nicht mehr in Kraft, der die Rahmenbedingungen für Niederdeutsch und Saterfriesisch in der Schule regelte und in dem es hieß: „Plattdeutsch ist ein wichtiges Kulturgut und muss gepflegt und gefördert werden, nicht zuletzt in den Schulen des Landes.“ Die Neufassung tritt nun nach langem Warten und mehrfachen Verschiebungen zum neuen Schuljahr in Kraft. Auch die Niedersächsische Landesschulbehörde leistet künftig ihren Beitrag: Sie berät und unterstützt die Schulen. Lehranstalten, die sich besonders verdient machen um den Spracherhalt dürfen sich künftig „Plattdeutsche Schule“ nennen. Ob das bahnbrechende Veränderungen bedeutet, wird sich zeigen. Denn von Geldern ist auch hier nicht die Rede.

Teil des Erlasses ist ein Aufsichtsgremium für die Überwachung der Umsetzung der Sprachencharta im schulischem Bereich. Reinhard Goltz findet diesen Punkt erstaunlich. „Die Charta hat seit 1999 Rechtsstatus und nach zwölf Jahren denkt man in Niedersachsen darüber nach, sie umzusetzen. Natürlich begrüße ich das“, sagt er, „doch eigentlich sollte es selbstverständlich sein.“ Er versucht, es positiv zu sehen: Die Tatsache, dass sich die Landesregierung gewissenhaft mit dem Thema beschäftige, zeige, dass man die Brisanz erkannt habe.

Es gilt das Prinzip Hoffnung. Goltz sagt: „In diesem Bereich ist viel rein symbolisches Handeln.“ Aber vielleicht, spekuliert er, führe der mäandernde Weg doch zu echten Stützmaßnahmen. Soviel habe er in den Jahren seines Engagements gelernt: Ohne Symbolik gehe es nicht.

Lange dürfe man jedoch nicht mehr warten. „Wenn das Land noch sagt, die Förderung müsse kostenneutral abgewickelt werden, ist das nicht mehr zu leisten. Ganz für lau bekommt man kein Kulturgut der Welt.“ Und falls ein solcher Schirm zur Sprachenrettung tatsächlich noch aufgespannt wird: Für das ostfälische Platt in Südniedersachsen wird es vermutlich zu spät sein.

In der Grundschule Bilshausen haben die Kinder von Adelheid Strüber eine provisorische Praxis eingerichtet inmitten einiger Schulbänke und arztkompatibler weißer Kacheln an der Wand. Samantha und Lorenz lassen sich von dem improvisierten Ambiente nicht beeindrucken. „Der Nächste bitte“, flötet das Mädchen in der Rolle der natürlich auf Hochdeutsch parlierenden Ärztin ihrem Patienten zu.

Lorenz setzt ein leidendes Gesicht auf und tritt in das Sprechzimmer. „Was kann ich für sie tun?“, fragt die Schülerin ihren siechen Schulkameraden. „Koppwehdoge, Frau Doktor, Koppwehdoge!“ antwortet er und liefert eine für einen 10-Jährigen oscarreife Schmerzdarstellung. „Ümmer wenn eck moal einen edrunken ho, denn ploget meck anrendags de Koppwehdoge.“ Gegen den suffbedingten Kopfschmerz empfiehlt die Ärztin: „Sie müssen halt mit dem Trinken aufhören, Franz.“ Wenn dem Patienten Plattdeutsch nur ebenso leicht zu helfen wäre wie dem niederdeutschen Trunkenbold.