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Duderstadt Reinecke: Pilgerstätten ähneln Luftpumpen
Die Region Duderstadt Reinecke: Pilgerstätten ähneln Luftpumpen
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19:33 10.07.2011
Massenandrang auf dem Höherberg: 3000 Pilger verfolgen die Predigt von Pfarrer Stefan Reinecke, der auch Seelsorger für die Panzerpioniere in Holzminden ist.
Massenandrang auf dem Höherberg: 3000 Pilger verfolgen die Predigt von Pfarrer Stefan Reinecke, der auch Seelsorger für die Panzerpioniere in Holzminden ist. Quelle: Thiele
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Er hatte seinen Wecker zu Demonstrationszwecken mitgebracht und aus Versehen die Alarmfunktion angeschaltet. Eigentlich wollte Reinecke die fast 3000 Pilger ermuntern, darauf zu achten, wann die Stunde schlägt. Reinecke: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können.“ Jeder Christ müsse sich fragen, wofür er seine Zeit einsetze und wer gerade seine Zuwendung brauche.

Neben der Uhr hatte der Pfarrer noch zwei andere Dinge in seinem Rucksack. Er holte eine große Muschel heraus. „Wenn ich sie ans Ohr halte, höre ich das Meer rauschen“, berichtete der Geistliche. Die Botschaft für die Pilger: Als Gläubige sollten sie auf Gottes Wort achten. Zu welchem Dienst berufe er sie?

Außerdem steckte in Reineckes Rucksack noch eine Luftpumpe. Ein Wallfahrtsort wie der Höherberg sei ein Platz, an dem Menschen Luft tanken könnten. Solche Orte seien nach den Lehren der katholischen Kirche nicht heilsnotwendig, aber sie würden den Menschen helfen, zur Ruhe zu kommen. Pilger könnten an solchen Orten Gott ihre Sorgen und Nöte vortragen. Sie dürften dem Herrn aber auch für gute Begegnungen danken oder dafür, dass kritische Situationen ein gutes Ende gefunden hätten.

Wie wichtig so ein Ort sein kann, erläuterte Reinecke an einem Beispiel. Seit zehn Jahren betreue er als Militärpfarrer im Nebenamt die Panzerpioniere in Holzminden. Im Mai habe er mit den Männern an der internationalen Soldatenwallfahrt im französischen Marienwallfahrtsort Lourdes teilgenommen. Soldaten aus mehr als 30 Ländern hätten dort um Frieden gebeten. Sie seien aber auch zur Gottesmutter gekommen, um persönliche Anliegen vorzutragen. Die Panzerpioniere seien während ihrer Afghanistan-Einsätze monatelang von ihren Familien getrennt. Manche hätten dort Traumata, tiefe seelische Verwundungen, erlitten.

Der Pfarrer, der vor 20 Jahren in Gieboldehausen als Kaplan tätig war: „Wallfahrtsorte sind Einfallstore des Himmels.“ Die Tür zu Gott stehe jedem Menschen immer offen.

Im Anschluss an die Wallfahrt blieb den Eichsfeldern Zeit für geselliges Beisammensein. Dann ging es zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto zurück nach Hause.

Von Michael Caspar