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Duderstadt Hotelkomplex steht seit anderthalb Jahren leer
Die Region Duderstadt Hotelkomplex steht seit anderthalb Jahren leer
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00:26 22.06.2019
Steht seit anderthalb Jahren leer: Rosenthaler Hof bei Westerode. Quelle: Michael Caspar
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Westerode

Eine Seniorenresidenz mit 50 Zimmern sowie 80 bis 100 Pflegebetten, eine Akademie oder eine Begegnungsstätte könnte sich Daume auf dem seit Januar 2018 leer stehenden Rosenthaler Hof vorstellen. Auch ein erneuter Hotelbetrieb sei an der Landesstraße 569 denkbar. Die alte Ausstattung sei noch komplett vorhanden, eine Wiedereröffnung ohne größeren Aufwand möglich.

Nachfragen nach Tennishalle

Mit einer Reihe von Interessenten habe er in den vergangenen anderthalb Jahren Gespräche geführt, berichtet Daume auf Tageblatt-Anfrage. Nicht alle empfand der Unternehmer als seriös. Zum Teil hätten sie die Immobilie geschenkt haben wollen oder Umbauten verlangt, berichtet der Eigentümer verwundert. „Zig Nachfragen“ gebe es auch nach der Tennishalle mit ihren drei Plätzen. Die Sportler seien allerdings nicht bereit, die Heizkosten zu übernehmen. Er selbst wolle das Hotel, das der Landkreis von Januar 2015 bis Dezember 2017 als Flüchtlingsunterkunft nutzte, nicht wieder eröffnen. „Ich werde in diesem Jahr 65 Jahre alt“, erklärt er. Er müsse sich noch um fünf andere Unternehmen sowie 200 Wohnungen kümmern.

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Makler bietet Hotel auf Ebay an

Einer der Makler hat die Immobilie im Mai 2018 bei Ebay angeboten. Das hat Daume erst jetzt auf Tageblattanfrage erfahren und die Löschung des Eintrags erwirkt. 350 Betten habe das Hotel, hieß es in der Anzeige. Es gebe unter anderem eine Großküche mit Kühl- und Tiefkühlzellen, einen Speisesaal und zwei Speiseräume, vier Seminarräume und eine Discothek im Keller, eine Bar, Büros, einen Aufzug und drei Treppenhäuser, vier Garagen sowie Parklätze. Die Sanitäranlagen des videoüberwachten Objekts seien 2015 saniert worden. Die Brandmeldeanlage stamme aus dem Jahr 2016.

Hotel verfügt über Weiden und Ställe

Zum 48.000 Quadratmeter großen Grundstück gehören, laut Anzeige, drei Grünlandflächen mit zwei Teichen sowie Stallungen für Pferde oder Rinder. Die Bushaltestelle befinde sich vor der Haustür. Die Anbindung der stadtnah, aber „ruhig und idyllisch“ gelegenen Immobilie an die Autobahnen 7 und 38 sei gut. Allein der Grundstückswert belaufe sich auf anderthalb Millionen Euro. Daume will drei Millionen Euro für alles zusammen. Die Kosten, die beim Erwerb anfielen, trage der Käufer, so die Anzeige.

Landwirt Karl Borchardt

Entwickelt hat sich das Hotel aus einem Aussiedlerhof. 1950 hatte sich dort der Werxhäuser Landwirt Karl Borchardt angesiedelt. Er nannte seinen Betrieb nach dem wüst gefallenen Ort Rosenthal. Ehefrau Elly bot von 1960 an in einer Pension mit anfangs drei, bald darauf sechs Zimmern Ferien auf dem Bauernhof an. Vollpension kostete bei ihr seinerzeit zehn Deutsche Mark pro Person.

Rosenthaler Bogensportclub

Tochter Marietta, die erst mit Schweinezüchter August Brüggemann und nach dessen Tod mit Gärtner Bernward Diedrich verheiratet war, ließ 1975 einen Teil des Stallgebäudes in eine rustikale Gaststätte umbauen. Die Zahl der Fremdenzimmer stieg auf 15 Stück. Pächter war zunächst Familie Ziemann. Das ihr folgende Ehepaar Röhser entwickelte den Komplex zum Sporthotel weiter. Röhsers gründeten den Rosenthaler Bogensportclub. Sie holten nationale und internationale Turniere auf den Hof.

Christian Daume übernahm das Hotel 1986

1986 übernahm dann Unternehmer Daume das Gebäude und die Grundstücke. In mehreren Bauabschnitten entstanden die Tennishalle und Kegelbahnen, größere Gast- und Tagungsräume sowie die Lobby. Mehr als 100 Zimmer mit Dusche und Toilette, Telefon und Fernseher gibt es.

Hotel diente drei Jahre lang als Flüchtlingsunterkunft

Drei Jahre lang hat das Hotel Rosenthaler Hof als Flüchtlingsunterkunft gedient. Das Land Niedersachsen hatte im Januar 2015 die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Friedland um mehrere Außenstandorte erweitert. Die Menschen wurden dort jeweils für jeweils drei Monate untergebracht und dann auf die Kommunen verteilt.

Statt der anfangs geplanten 150 Flüchtlinge waren im Spätsommer 2015 allerdings zeitweise 650 Flüchtlinge auf dem früheren Spätaussiedlerhof untergebracht. 300 von ihnen kamen in der Sporthalle unter. Das wurde nötig, weil die Turnhalle in Groß Schneen, ein anderer Außenstandort der Friedländer Einrichtung, von einem Hochwasser beschädigt worden war.

Die Hotelleitung legte damals eine Nachtschicht ein. Das Duderstädter Unternehmen Ottobock stellte kurzerhand 100 Matratzen zur Verfügung. Um die zusätzliche Arbeit zu bewältigen, ergänzte Hotelleiter Eckhard Melz sein Team um 450-Euro-Kräfte. Ehrenamtliche boten unter anderem Nähkurse, Bastelworkshops und Deutschunterricht an. Später sank die Zahl der Flüchtlinge deutlich. Im Dezember 2017 zogen dann die letzten sieben Bewohner aus.

Von Michael Caspar