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Duderstadt Saurer Regen zerfrisst den Sandstein
Die Region Duderstadt Saurer Regen zerfrisst den Sandstein
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18:46 06.07.2009
Einweihung nach der Sanierung 2005: Nachfahre Theo Gerhardy hat die Arbeiten finanziell unterstützt.
Einweihung nach der Sanierung 2005: Nachfahre Theo Gerhardy hat die Arbeiten finanziell unterstützt. Quelle: Blank
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Steinerne Bildstöcke und Wegekreuze prägen das Bild des Eichsfelds. Sie sind sichtbarer Ausdruck des Volksglaubens. Oft stehen sie am Ortsausgang. „Dort machten einst die Bauern auf dem Weg zur Arbeit Halt“, berichtet Ortsheimatpfleger Gerhard Rexhausen. Sie sprachen das Vaterunser oder beteten auf Platt: „Nun helpe össek die lawe Chott, / de Engel en Schock, / de Heiligen dreie, / denn werd wä freuh reihe“ (Nun helfe uns der liebe Gott, die Engel zu 60, die Heiligen Drei, denn dann werden wir früh fertig.)

„Andere Kreuze markieren Flurgrenzen“, erläutert Rexhausen. So steht das Wegekreuz am Erlenhof genau auf der Gemarkungsgrenze zwischen den Fluren von Gieboldehausen und der im Mittelalter aufgegebenen Siedlung Marsfelde. Das auch am Holz dieses Wegekreuzes der Zahn der Zeit nagt, ergab eine Untersuchung im Jahr 2005. Schwere Schäden wurden festgestellt. So war der Rücken der Christusfigur großflächig weggefault. Der Ortsheimatpfleger fertigte gemeinsam mit Tischler Markus Gerhardy, beide gehören dem Vorstand des Heimat- und Verkehrsvereins an, ein neues Kreuz. Ein neuer Christuskörper wurde gekauft. Pfarrer Matthias Kaminski segnete das erneuerte Kreuz.

„Zum Teil bezeichnen die Plastiken Dörfer und Kirchen, die die Menschen im Mittelalter aufgegeben haben“, führt Rexhausen aus. So erinnert ein Bildstock aus dem Jahr 1682 an die Kirche von Dodenhusen, das im Volksmund Totenhausen heißt. Ein Foto aus den 80-er-Jahren zeigt ihn noch gut erhalten mit Goldfarbe. Mittlerweile ist er stark verwittert.

Die Geschichtswerkstatt saniert den Bildstock gegenwärtig. Wenn zu Bartholomäus (24. August) die alljährliche Prozession zur benachbarten Bartholomäus-Kapelle führt, soll Pfarrer Kaminski den sanierten Bildstock segnen. Die Kapelle, die aus dem Jahr 1848 stammt, ist bereits 2007 auf Kosten der Realgemeinde neu hergerichtet worden.

Armenhof-Kreuz

Auf dem 77 Quadratmeter großen Platz nahe des ehemaligen Gieboldehäuser Armenhofs – Rhumestraße, Ecke Bundesstraße 27 – steht eine barocke Großplastik, die 1746 aus weißem Sandstein gefertigt worden ist. Die Geschichtswerkstatt hat das Armenhof-Kreuz im vergangenen Jahr saniert. Der Kopf des Gekreuzigten ist nicht wie üblich nach rechts unten geneigt, sondern nach links oben gerichtet. Die Bevölkerung schloss daraus auf einen Fehler des Bildhauers. Er habe, so eine volkstümliche Überlieferung, vor Scham Selbstmord begangen. Als „Unfug“ stuft das Rexhausen ein. Es sei kein Fehler passiert. Der Christus habe die Augen geöffnet, lebe also noch. Der nach unten geneigte Kopf zeige dagegen den Tod an.

Über die konkreten Gründe, warum ein Kreuz oder Bildstock aufgestellt wurde, ist meist nur wenig bekannt. Auf vielen der Kunstwerke im Untereichsfeld ist nicht einmal der Name des Spenders oder des Künstlers verzeichnet.

Hobrecht-Bildstock

Gut dokumentiert ist dagegen die Geschichte des Bildstocks, der seit 1833 an der Göttinger Straße, Ecke Neue Straße, steht. Ludwig Hobrecht hat ihn gestiftet. Der Gieboldehäuser holte einst im Winter Brennholz aus dem Harz. Bei Eisgang querte er mit seinem Fuhrwerk die Oder. Eine Eisscholle warf eins der Pferde um. In dieser gefährlichen Situation rief Hobrecht die Gottesmutter um Hilfe an. Das Tier kam wieder auf die Beine.

Der Katholik gab daraufhin bei Handwerksmeister Heinrich Schlick eine tonnenschwere Marienstele aus rotem Sandstein in Auftrag. Die entsprechenden Mittel standen dem vermögenden Getreidehändler zur Verfügung. „Wenn Hobrecht vierspännig durch den Flecken fuhr, hieß es: Der Kaiser kommt“, weiß Rexhausen. Entsprechend imposant ist der Bildstock geworden. Im Laufe der Jahrzehnte zerfraß auch dort der saure Regen den Stein. 1982 gab es erste Überlegungen, die verwitterte Stele zu sanieren. Doch der Flecken hatte kein Geld. Erst als sich Rexhausen der Sache annahm, kamen die benötigten 6500 Euro zusammen. „Vor allem Nachfahren des Stifters zeigten sich großzügig“, betont der Ortsheimatpfleger.

Alles begann am Ortsrand

An den Soldaten Christian Gerhardy, der im November 1914 während des Ersten Weltkriegs gefallen ist, erinnert ein Kreuz am Ortsrand von Gieboldehausen unterhalb des Wakebergs. Nebenan verläuft die Bundesstraße 247 Richtung Duderstadt. Es war das erste Kreuz, dass die Geschichtswerkstatt saniert hat.

„Nachfahre Theo Gerhardy sprach mich an“, erzählt Rexhausen. Gerhardy stellte eine großzügige Spende in Aussicht, wenn der Ortsheimatpfleger die Sache in die Hand nehme. „Damals sind wir auf den Geschmack gekommen“, kommentiert Rexhausen. Seither nimmt sich die Geschichtswerkstatt jedes Jahr ein Objekt vor.

Besitzerwechsel

Das Engagement ist um so notwendiger, als sich oft niemand mehr für die Kunstwerke verantwortlich fühlt. Eigentlich verpflichtet das Gesetz den Grundstückeigentümer zum Unterhalt. Der hat aber oft keinen persönlichen Bezug mehr zu den Kreuzen und Bildstöcken. Hintergrund: Die Grundstücke haben im Laufe der Zeit zum Teil mehrfach den Besitzer gewechselt. In anderen Fällen wurden die Kunstwerke immer wieder versetzt. Zudem fühlen sich Privatleute, aber auch Kommunen mit der Unterhaltung finanziell überfordert.

Ergreift aber jemand die Initiative, so spenden die Eichsfelder gerne, haben Rexhausen und seine Mitstreiter erlebt. Großzügig sei auch die Sparkasse Duderstadt, sagt der Ortsheimatpfleger.

Die Sanierungsarbeiten, an welchen sich auch viele Handwerker im Ruhestand beteiligen, erfolgen in Absprache mit der Kreisdenkmalpflege. Rexhausen weiß jedoch, dass man die Kunstwerke auch „kaputtsanieren“ kann. Der Sandstein wird zum Beispiel zur Konservierung in Kieselsäure oder Acrylharz getränkt. Durchdringt die Flüssigkeit den Stein nicht ganz, drohen die oberen, getränkten Schichten, von den darunterliegenden, nicht getränkten abzuplatzen. „Dann wäre es besser gewesen, niemand hätte die Statue angefasst“, sagt er entschieden.

Von Michael Caspar

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