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Duderstadt Schlafen unter freiem Himmel und Dixie-Klos
Die Region Duderstadt Schlafen unter freiem Himmel und Dixie-Klos
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20:15 12.11.2010
Kalt: Morgengrauen in einem der Lager der Castor-Gegner.
Kalt: Morgengrauen in einem der Lager der Castor-Gegner. Quelle: EF
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Von Seeburg über Salzgitter-Bleckenstedt und Braunschweig fuhren sie bis Gorleben. Was sie veranlasst hat, die weite Strecke in Kauf zu nehmen, ihre Höfe zurück zu lassen und mit Hofhund Jockel und Goldmanns Sohn Florian loszutreckern? Ganz klar: Das war die Verlängerung der Atomlaufzeit. „Es geht hier ja auch um meine Kinder“, erklärt Goldmann. Das galt für viele: Es war ein breiter Protest, meinen beide Landwirte.

„Einen Riesenerfolg“, nennt Pape die Aktion. Die Ziele seien – weitgehend friedlich – rübergekommen. Was die Ziele eigentlich seien? Zum einen, Solidarität mit den Bauern des Wendlandes zu zeigen. Goldmann: „Das könnte ja auch uns passieren.“ Zum anderen, die Kosten für die Transporte in die Höhe zu treiben, um Spannungen zu erzeugen und Diskussionen anzuregen. „Das hat ja funktioniert“, denkt er. „Niedersachsen wehrt sich und will nicht allein auf den Kosten sitzen bleiben.“ Natürlich müsse man in Deutschland selbst produzierten Müll zurücknehmen. Aber eben auch aufhören, neuen zu produzieren.

Viele beeindruckende Momente hätte er erlebt, berichtet Goldmann noch sichtlich bewegt. Die vielen freundlichen Menschen, die man in den bunten Zeltlagern kennengelernt habe. Ausschreitungen oder Gewaltanwendung hätten sie so gut wie keine mitbekommen. „Ich hatte mir zivilen Widerstand vorgenommen, ohne Sachbeschädigung oder Ähnliches“, sagt Pape, der Besitzer des „Schwalbennestes“. Die Zahl der gewaltbereiten Demonstranten sei „im Promillebereich“ anzusiedeln. Schon auf dem Weg hätten sie viel Zuspruch erhalten, Menschen seien aus ihren Häusern gekommen und hätten Hilfe angeboten. „Das war alles bewegend“, fand Goldmann. Pape: „Da hatte man manchmal fast Tränen in den Augen.“

Aber auch die Beamten seien hilfsbereit gewesen. „Da waren viele Polizisten, die lieber auf unserer Seite gestanden hätten“, denken sie. Man habe von vornherein die Ausrichtung gehabt: Nicht die Polizei sei der Gegner, sondern die Atomlobby. Der einzelne Beamte werde von dieser nur missbraucht. Schon die Begleitung des Schlepperkonvois von Seeburg bis ins Wendland durch Beamte habe den Ton für die Reise vorgegeben: Offen und kommunikativ. „Ich glaube, die Polizei hat durch Stuttgart 21 dazugelernt“, denkt der 43-Jährige.
Goldmanns Sohn Florian hat die Reise gefallen. „Ich habe mehr gelernt als in der Schule.“ Zwei Tage hat er frei bekommen, dort Fotos gemacht und über seine Erlebnisse ein Referat gehalten. Welche Note er bekommen hat, weiß er noch nicht: „Aber eine sechs ist es wohl nicht.“

Die Aktionen der Gruppen sollten gar nicht abgesprochen sein, berichten die beiden, attestieren den Protesten jedoch einen hohen Organisationsgrad. Ständig gab es Essen, jemand reichte Sitzsäcke aus Stroh. Trotzdem sei die mehrtägige Reise eine extreme Belastung gewesen, die ihn an seine Grenzen gebracht habe, meint Pape. Die Kälte, das Campieren unter freiem Himmel, der fehlende Alltagsrhythmus, die Dixie-Klos. Übernachtet hätten sie auf einem Anhänger, mit Stroh ausgelegt.

Die vielen Erlebnisse hätten sie kaum zur Ruhe kommen lassen. Nur der Bauwagen, mit dem Pape Äpfel und Kartoffeln zur Unterstützung mitführte, hat ihm im Nachhinein Probleme bereitet. Nach Tageblatt-Informationen will man ihm per anonymen Hinweisen ein Steuervergehen wegen der nicht landwirtschaftlichen Nutzung seines Bauwagens anhängen. „Sachlich falsch“, reagiert Pape darauf und führt ein Heine-Zitat an: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Das dämpft die Freude, bei Mingerode das erste untereichsfeldische „X“ als Anti-Castor-Zeichen entdeckt zu haben.

Bereut haben sie den Trip nicht. „Das Inhaltliche zählte“, findet Goldmann. „Denn Gorleben ist gar nicht so weit weg.“

Von Erik Westermann