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Duderstadt Sonderausstellung im Grenzlandmuseum Teistungen
Die Region Duderstadt Sonderausstellung im Grenzlandmuseum Teistungen
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19:29 15.09.2014
Von Anne Eckermann
Grenzopfern einen Namen geben: Klötze visualisieren Schicksale. Quelle: Richter
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Teistungen

Die acht parallel verlaufene Reihen vermitteln auch den Eindruck eines ehemaligen Kolonnenweges an der einstigen deutsch-deutschen Grenze. Verstärkt wird die Wirkung durch kalt-weiße Glühbirnen, die das Feld fast unbarmherzig anstrahlen sowie ein großes Gemälde an der Stirnseite, dass den heute überwucherten Grenzverlauf zeigt. Dort hinein scheint der weiße Weg zu münden. Gemälde in teils düsteren Farben an der Seitenwand des Weges wirken zusätzlich wie eine visuelle Grenzmauer.

Bedrückend ist die Atmosphäre im Sonderausstellungsraum des Grenzlandmuseums Teistungen. Dort hat die Künstlerin Dagmar Calais ihr Werk „Gehen und Bleiben – 25 Jahre der Annäherung“ aufgebaut, am vergangenen Sonntag ist die Ausstellung, die die bislang offiziell erfassten Opfer an der innerdeutschen Grenze in den Mittelpunkt stellt, eröffnet worden.

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Inmitten der legitimen Freude während der Feiern zum 25. Jahrestag solle auch an die Opfer gedacht werden, betonte Sascha Möbius, Leiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, der im Rahmen einer Feierstunde die Ausstellung erläuterte. Im Zentrum der Arbeit von Calais stehe unverkennbar die Visualisierung der Grenzopfer.

Jeder Klotz ein Schicksal

„Die meisten Opfer, die uns tagtäglich über die Medien präsentiert werden, tauchen nur als Zahl auf. 390 Ertrunkene vor Lampedusa, Flüchtlingsdramen im Irak, in Syrien oder Zentralafrika mit vielen Toten. Es sind nur Zahlen, längst sind wir abgestumpft, nehmen die Berichte über menschliche Tragödien nur noch beiläufig wahr“, so der Kurator. Insofern stehe die Arbeit der Bremer Künstlerin symbolisch für die unzähligen Namenlosen, indem sie die Opfer der offiziellen Listen begreifbar mache.

Jedes der Klötzchen trage Namen, Geburts- und Todestag sowie die Art und Weise, wie der Mensch gestorben sei. „Mit jedem Klotz hat Calais quasi ein Einzelschicksal in die Hand genommen, wie das zweier Babys, die im Kofferraum eines Fluchtwagens erstickt sind. Damit tauchen zwangsläufig auch Bilder auf von der Art des Sterbens und von einer verlorenen Zukunft“, so Möbius.

Zweiter Aspekt des Kunstwerkes ist das Verschwinden der einst trennenden Grenze. Dem hat Calais die Gemäldeserie mit der Abbildung eines Braunkohle-Kraftwerks oder der Ostsee als Schicksalsmeer gewidmet. Die Natur, so Möbius, habe sich den Todesstreifen zurückerobert.

Und doch sei in den Bildern zu erkennen, dass das Trennende nicht gänzlich verschwunden ist: „Das Niederreißen von Grenzen bedeutet eben nicht zwangsläufig ein schnelles Zusammenwachsen“. „Die Folgen der grausamen SED-Diktatur geraten immer mehr in den Hintergrund. Diktaturen können wir nur verhindern, wenn wir die Erinnerung erhalten und mahnen“, fasste auch Museums-Vorstand Horst Dornieden zusammen.

Die Ausstellung „Gehen und Bleiben“ wird bis zum 4. Januar im Grenzlandmuseum gezeigt, Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10-17 Uhr