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Duderstadt Was tun gegen die Kinderarmut im Untereichsfeld?
Die Region Duderstadt Was tun gegen die Kinderarmut im Untereichsfeld?
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22:17 07.11.2019
Podiumsdiskussion mit Kreisrat Marcel Riethig, Cornelia Rundt, Sozialministerin a.D. , Moderator Klaus-Dieter Gleitze, Schulsozialarbeiterin Regina Dehmel und Heike Jagemann vom Caritasverband Südniedersachsen (v. r.). Quelle: Foto: Heller
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Duderstadt

Über das Thema Kinderarmut haben mehr als 100 Teilnehmer der ersten Sozialraumkonferenz in Duderstadt diskutiert. Es sei das wichtigste Thema, das es zu bewältigen gebe, sagte Propst Bernd Galluschke, „auch im Eichsfeld“. Das bedeutendste Ergebnis der Konferenz: „Im Frühjahr gibt es eine zweite.“ Bis dahin seien einige Ideen zu bearbeiten.

Ausrichter der Premiere der Sozialraumkonferenz waren das Dekanat Untereichsfeld, der evanglische Kirchenkreis Harzer Land, der Caritasverband Südniedersachsen sowie die Landesarmutskonferenz Niedersachsen. „Wissen Sie, wie viele Euro ein Kind bis sechs Jahren pro Tag zur Verfügung hat?“ Mit einer Quizfrage stieg Moderator Klaus-Dieter Gleitze, Leiter der Landesarmutskonferenz Niedersachsen in die Sozialraumkonferenz zum Thema Kinderarmut ein. Zehn Euro, vermutete einer der mehr als 100 Teilnehmer im Jugendgästehaus. Eine weitere Teilnehmerin tippte auf 4,50 Euro. „Das ist die Summe, die ausgerechnet wurde, was ein Kind haben sollte“, löste Gleitze auf. „In der Realität sind es 2,25 Euro.“ Der Regelsatz, der ab 2019 gelte, sei für Kinder bis sechs Jahren 245 Euro, für Kinder bis 13 Jahren 302 Euro.

Zehn Prozent der Kinder im Sozialgeldbezug

„Wir sind in einem Think Tank auf die Idee gekommen, uns mit Kinderarmut zu beschäftigen, weil wir auf den Sozialbericht des Landkreises gestoßen sind“, berichtete Propst Bernd Galluschke. Den Anstoß habe Hans Georg Schwedhelm aus Mingerode gegeben mit der Frage, wie viele Kinder im Eichsfeld im Sozialgeldbezug lebten, ergänzte Kreisrat Marcel Riethig. Er fügte hinzu, dass dies zehn Prozent aller Kinder unter sechs Jahren seien. Ziel sei, so der Propst weiter, „dass wir am Ende eine verbindliche Vereinbarung haben, wie wir die Kinderarmut angehen wollen“. Deshalb solle die Sozialraumkonferenz etabliert werden zuständig zunächst für eine Sozialregion mit Duderstadt und den beiden Samtgemeinden Gieboldehausen und Radolfshausen.

Bevor die Teilnehmer in vier Workshops erste Ergebnissse erarbeiteten, wurde das Thema mit einer Podiumsdiskussion umrissen. Teilnehmer daran waren die ehemalige Sozialministerin Cornelia Rundt, Kreisrat Marcel Riethig, Heike Jagemann, Leiterin der Frühförderung, und Schulsozialarbeiterin Regina Dehmel. „Wir haben kein Patentrezept“, sagte Riethig, aber der Landkreis habe seiner Meinung nach gute Ansätze. Das seien zum einen die Familienzentren, die bis auf in zwei Gemeinden bereits flächendeckend eingerichtet wurden. „Wir geben eine Million Euro pro Jahr dafür aus.“ In der der Größenordnung sei Göttingen in Niedersachsen der einzige Landkreis. Ein gut ausgestattetes Zentrum erhalte pro Jahr 60 000 Euro. Und die Stadt Duderstadt beteilige sich auch daran. Dazu gebe es frühe Hilfen, bei denen alle Familien mit Neugeborenen besucht werden. Weitere Projekte, die angegangen werden müssten, seien die Frühförderung und das Thema der Schulbegleiter.

Mehr Eltern nutzen Angebote der Frühförderung

Bestätigung erhielt Riethig von Heike Jagemann: „Es sind gute Ansätze. Wir merken in der Praxis, dass viel in Bewegung ist.“ Es gebe auch mehr Eltern, die sich trauen würden, die Angebote in Anspruch zu nehmen. Allerdings müsse es eine Änderung in der Haltung geben. Man dürfe die Eltern nicht demotivieren, indem man ihnen sage, wie schlecht ihr Kind sei. Darüber hinaus gebe es zwischen verschiedenen Institutionen ein Kompetenzgerangel.

Die ehemalige Sozialministerin Cornelia Rundt erklärte, dass sie gern die Kindergrundsicherung vollendet hätte. Aber es sei gut, dass jetzt darüber diskutiert werde. Ein Grundproblem sehe sie darin, dass es bundesweit 150 verschiedene Familienleistungen gebe, die oft nicht ankommen, weil nicht einmal die Experten alle kennen würden. „Dadurch spart der Staat viel Geld.“ Nur 15 Prozent des Bildungs- und Teilhabepaketes würden in Anspruch genommen. Das bedeute, dass 85 Prozent ungenutzt bleiben. Deshalb plädiere sie für einen Rechtsanspruch anstelle von Spenden.

Positiv aufgeladenes Gremium

„Es war ein energetisch positiv aufgeladenes Gremium von Menschen, die sich echt Gedanken machen“, zog der Propst ein positives Fazit. Zwei Ziele seien erreicht worden. Im Frühjahr gebe es eine zweite Konferenz, möglichst auch für die gesamte Region. Darüber hinaus seien klare Ergebnisse erzielt worden, die nun bearbeitet werden müssten.

Caritas-Vorstandssprecher Ralf Regenhardt beschrieb die Veranstaltung als „unheimlich konstruktiv, jung, dynamisch und kreativ“. Es sei zukunfts- und beteiligungsorientiert für Familien Perspektiven zu entwickeln. Wichtig sei, künftig vernetzt und kooperierend zu arbeiten und den Landkreis auf dem Weg zum Präventionsansatz zu unterstützen. Zunächst müssten die Schwerpunkte ausgewertet werden, um diese dann zielorientiert weiterzuentwickeln.

Referenzmodell für andere Regionen

Die Sozialraumkonferenz wurde von Elisabeth Bruns von der Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (GAB), Birgit Kepke-Hartwig, zuständig beim Landkreis Göttingen für die Familienzentren, sowie Isabel Lubojanski, Leiterin des Familienzentrums in Duderstadt, vorbereitet. Sie hatten nach der Podiumsdiskussion vier Workshops mit verschiedenen Ansätze vorbereitet. Anregungen daraus waren unter anderem die sinnvolle Vernetzung von Institutionen, mehr Transparenz, dezentrale mobile Angebote, eindeutige Bezugspersonen.

„Vom Eichsfeld lernen heißt siegen lernen“, sagte der gebürtige Eichsfelder Gleitze. Er komme in seiner Funktion als Leiter der Landesarmutskonferenz in Niedersachsen viel herum und habe viele gute Ansätze gesehen. „Aber in dieser Form habe ich es noch nicht erlebt“, betonte er. Die Sozialraumkonferenz sei eine Art Referenzmodell für andere Regionen.

Einkommensarm mit weniger als 1086 Euro netto

„270 000 Kinder in Niedersachsen sind von Armut bedroht“, erklärt die ehemalige Sozialministerin Cornelia Rundt, Botschafterin der Landesarmutskonferenz Niedersachsen. Doch wann gilt ein Mensch als arm? „Wir haben eine relative Armut in Deutschland“, sagt Klaus-Dieter Gleitze, Leiter der Landesarmutskonferenz. In der fünftreichsten Nation der Welt könne es nicht darum gehen, ob jemand hungert, sondern darum, ob er an der Gesellschaft teilhaben kann. Als einkommensarm gelte, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. „Das sind 1086 Euro netto für eine alleinstehende Person“, so Gleitze. Das klinge vielleicht nicht so wenig, doch in einer Stadt wie Hannover komme man schnell auf 600 bis 700 Euro für Miete. „Wenn man dann noch ein Auto braucht, bleibt nicht viel.“ Bundesweit gehen bereits 1,6 Millionen Menschen zur Tafel. „In Niedersachsen sind es etwa zehn Prozent davon.“ Er sagt, dass man heutzutage den Menschen die Armut auch wieder ansehe. „Und wir sind noch nicht am Ende. Es kommt eine riesige Altersarmutswelle auf uns zu.“

Von Rüdiger Franke

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