Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Spielwiese mit wissenschaftlichem Wurzelwerk
Die Region Duderstadt Spielwiese mit wissenschaftlichem Wurzelwerk
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:23 11.07.2011
Von Kuno Mahnkopf
Thiele
Bietet viele Blickachsen: das fertiggestellte Westerturm-Ensemble mit modernen architektonischen Ergänzungen auf beiden Seiten des ehemaligen Wohn- und Wehrturms.
Anzeige
Duderstadt

Berühren Besucher die Lichtkreise, sammeln sich als farbige Punkte wahlweise Landadelige, Bauern oder Braunschweiger Heer vor den Toren zum Sturm auf Duderstadt. Dort laufen auf dem Kopf stehende Dreiecke und Halbmonde – Schützen und Bürger – zusammen und besetzen die Wehrgänge. Geschosse fliegen, in der Stadt lodern Feuersbrünste auf. Auch die Vorstädter sind dabei: Sie werden durch Dreiecke symbolisiert. Die Szenarien sind fiktiv, aber wissenschaftlich untermauert.

Die wohltönende Stimme, die das Kampfgetümmel erläutert, ist Cineasten vertraut: Sprecher Frank Glaubrecht hat seine Stimme schon Al Pacino, Kevin Costner, Mel Gibson und Pierce Brosnan geliehen. Auf Synchronsprecher aus der Hauptstadt hat die Berliner Firma Art+Com, die die Ausstellung mit dem Duderstädter Ehepaar Hauff konzipiert hat, auch für die Audiostationen, die zweisprachig sprechenden Steine in der Stadtmauer und die Dioramen im Georgsturm, zurückgegriffen.

Die zeigen, dass es im Mittelalter zwar Folter und eine harte Gerichtsbarkeit, aber auch lockerere Sitten als heute gab. Henker und Dirne stellen sich vor, die Prostitution war institutionalisiert. „Frauenhäuser“ wurden als „rote Klöster“, in denen das beliebte Brettspiel Puff gespielt wurde, städtisch verwaltet. Auch die gemeinsamen Badestuben – drei davon gab es 1430 – boten Möglichkeiten zum Kontakt. Schaukästen mit alten Duderstädter Spielkarten und mumifizierten Tierkadavern, die unter den Rathausdielen entdeckt wurden, zeigen die Schattenseiten der frei machenden Stadtluft.

Spaß für alle Generationen bieten die animierten virtuellen Schießstationen mit Armbrust und Büchse. Treffsicherheit wird durch ein Losungswort belohnt, mit dem man sich einen Button im Rathaus abholen kann. Durch die drei Etagen mit thematischen Schwerpunkten führen verwinkelte Stahltreppen, nach außen und innen öffnen sich interessante Blickachsen, auch der vom Museum aus zugängliche Westerturm ist einbezogen. Dort werden der Umgang mit historischer Bausubstanz und die Architekturkonzepte des Ensembles thematisiert. Maria Hauff freut sich besonders über Funde wie den jetzt verglasten alten Brehmedurchfluss und die Abbruchkante des ehemaligen Wehrgangs.

Architekt Rolf Gnädinger und die heimischen Baufirmen standen vor der Herausforderung, auf engstem Raum etwas Neues zu schaffen. „Einen Aufhänger finden, der durch Kleinteiligkeit und Neigung die Formensprache der alten Häuser aufnimmt, sich aber bewusst abhebt“, umschreibt Gnädinger seine Aufgabe. Während der golden glänzende Anbau weiter für Diskussionen sorgt, findet das Ausstellungskonzept mit spielerischen Elementen auf historischer Grundlage ungeteilte Zustimmung. „Macht Spaß, einfach toll, überwältigt“, lauten die ersten Einträge im Gästebuch des Museums. Nach zwei Tagen haben sich dort bereits Besucher aus Russland und Florida eingetragen, beeindruckt von der Brehmestadt und ihrem neuen Museum: „A place where the old und the modern are merged together to create the perfect place to live.“

Geöffnet ist das Museum bis auf montags täglich von 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr. Eintritt: 1,50 Euro, für Kinder 90 Cent.