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Duderstadt Sterbehilfe: Sehr heikel oder Selbstbestimmung?
Die Region Duderstadt Sterbehilfe: Sehr heikel oder Selbstbestimmung?
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11:14 13.08.2012
Umstrittener Gesetzesentwurf: Nahestehende Angehörige und Ärzte sollen bei der Beihilfe zum Selbstmord straffrei bleiben. Quelle: DPA
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Eichsfeld

Der Entwurf wird kontrovers diskutiert. Das Tageblatt hat fünf Eichsfelder nach ihrer Meinung zu dem brisanten Thema gefragt.

G. Blank      

„Ich bin strikt gegen Sterbehilfe, das ist einfach nicht unser Recht“, sagt Gerhard Blank, Geschäftsführer der Pflege- und Betreuungseinrichtungen St. Georg (Nesselröden) und St. Laurentius (Gieboldehausen). „Das Leben ist immer lebenswert bis zur letzten Sekunde. Ein Sterbender darf nur nicht das Gefühl haben, dass er allein ist auf der Welt. Ihm müssen wir unser größtes Gut – Zeit – schenken“, sagt Blank.

Außerdem sei die Palliativmedizin heute so weit, dass niemand mehr Schmerzen erleiden müsse. „Die packen da etwas in Gesetze, wovon sie nichts verstehen“, meint Blank. „Vielleicht kann man im Voraus so über seinen eigenen Tod reden, aber wenn er kurz bevorsteht, dann ist das Gefühl ganz anders. Das erlebe ich immer wieder.“ Blank will sich für ein lebenswertes Altern stark machen und nicht für einen erleichterten Tod.

„Ein Mensch darf auch sterben“, äußert sich Pastor Karl Wurm von der evangelischen Kirchengemeinde St. Servatius in Duderstadt aufgeschlossen. „Und ein Mensch darf auch selbst über sich bestimmten. Gott im Himmel ist uns nicht böse, wenn wir in solch einer Situation das Richtige tun. Ich höre Gott oft anders sprechen, als die religiöse Tradition es wahrhaben will.“ In solch „sensiblen Situationen“ seien Ärzte, Seelsorger und Angehörige gleichermaßen gefordert, dem Betroffenen einen ruhigen Abschied von der Erde zu ermöglichen.

K. Wurm

Der Gesetzesentwurf klinge für ihn sympathisch. „Insgesamt geht es doch darum, dass man den Tod auch als Freund betrachtet und nicht nur als Feind“, so Wurm.

Als „sehr heikel“ bezeichnet Stefan Nolte, Leiter der Malteser Fachschule in Duderstadt, das Thema. „Sterbende sind beeinflussbar, und sie dem ,good will‘ der Ärzte zu überlassen oder das Sterben per Gesetz zu erleichtern, ist gefährlich“, so Nolte. Außerdem sei die Definition von „nahe stehend“ ein Problem. „Mein Vater kennt seinen Hausarzt jetzt auch seit 50 Jahren. Ist das Kriterium damit erfüllt?“

Auch Sterbenden oder dementen Menschen könne man durch kleine Dinge noch Freude bereiten und das Gefühl geben, am Leben teilzuhaben. „Sei es über Vorlesen, über Musik oder indem man einfach einmal das Fenster öffnet und die Sonne hereinlässt“ so Nolte. Insgesamt dürfe das Thema Tod und Sterben auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung nicht länger tabuisiert werden.

Wolfgang Hahm, Ärztlicher Direktor im St.-Martini-Krankenhaus Duderstadt, bringt der Gesetzesentwurf der Bundesregierung regelrecht in Rage. „Es ist eine erbärmliche Situation, dass Menschen, die nicht mehr leben wollen, sich in die Schweiz oder nach Holland absetzen, weil wir es hier in Deutschland nicht geregelt kriegen“, meint Hahm. „Unsere Politik entfernt sich immer weiter von der Lebenswirklichkeit der Gesellschaft.

S. Nolte

Wir brauchen kein neues Gesetz. Wir müssen nur personell so ausgestattet werden, dass das aktuelle anwendbar wird.“ Das größte Problem an dem Gesetzesentwurf sei, dass in ihm schwer fassbare Begrifflichkeiten enthalten seien, wobei Hahm sich dabei auf den vage gehaltenen Passus „nahe stehend“ bezieht, der nicht präzise auslegbar sei.

Außerdem sei für konstruktive Fortschritte in der Frage ein ganz anderer Ansatzpunkt nötig: „Man sollte als allererstes einmal überlegen, ob es nicht an unserem wunderbaren Gesundheitssystem liegt, dass wir nicht mehr in der Lage sind, einem Patienten zu helfen oder ihm das Leben erträglich zu machen“, so Hahm. Kritik übt der Chefarzt der Anästhesie auch an den Einschränkungen bei der Verschreibung von Medikamenten für chronisch kranke Patienten: „Ein Hausarzt, der in diesem Bereich vernünftig arbeiten will, riskiert seine wirtschaftliche Existenz“, so Hahm. Es gebe jede Menge gesetzgeberischen Nachholbedarf im Gesundheitssystem, aber nicht im Bereich der Sterbehilfe.

„Eine ganz große Gefahr“ sieht Mechthild Rittmeier, Vorsitzende des Hospizvereins Eichsfeld, in den Lockerungsvorschlägen zur Sterbehilfe. Rittmeier hält den Gesetzesentwurf, der Ärzten unter Umständen eine Beihilfe zum Suizid erlauben würde, für die falsche Antwort und befürchtet unabsehbare Folgen. „Der Druck auf alte und kranke Menschen würde sehr groß. Es gibt einfach viele Menschen, die ihren Angehörigen oder anderen nicht zur Last fallen möchten.

W. Hahm

Sie könnten dahingehend beeinflusst werden, sich das Leben zu nehmen. Das würde der organisierten Sterbehilfe Tür und Tor öffnen“, meint Rittmeier. Eine Lösung sieht die Vorsitzende  des Duderstädter Hospizvereins ebenfalls eher darin, die Bedingungen der ambulanten und stationären Palliativversorgung zu verbessern, um eine optimale Betreuung ohne Schmerzen und Ängste zu ermöglichen. Rittmeier erklärt: „Wir stehen nicht mit erhobenem Zeigefinger da und verurteilen auch niemandes Entscheidungen, aber unser Anliegen ist ein anderes.“    

Von Anna Kleimann

M. Rittmeier