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Duderstadt Suchtfaktor Internet: Caritas bietet Programm für Familien
Die Region Duderstadt Suchtfaktor Internet: Caritas bietet Programm für Familien
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20:18 18.07.2014
Von Kuno Mahnkopf
Digitale Droge: 98 Prozent aller Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren spielen laut einer aktuellen Studie Computer- oder Videospiele – einige exzessiv. Quelle: dpa/Steffen
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Duderstadt

Das Hilfsangebot der Caritas heißt nicht von ungefähr Escapade.

Der Name, mit dem man auch Eskapaden und Eskapismus (Alltagsflucht) assoziieren kann, spielt auf die Escape-Taste am Computer an.  Der hat mittlerweile den Alltag der meisten Jugendlichen im Griff. „Medien sind ein zentrales Thema geworden“, bestätigen Sozialarbeiterin  Maike Lüpping (Suchtberatung) und Sozialpädagoge Markus Piorunek  (Erziehungsberatung) als Ansprechpartner für das gemeinsame Projekt der beiden Beratungsstellen.

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Laut einer aktuellen Studie des Branchenverbands Bitkom spielen 98 Prozent aller Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren Computer- oder Videospiele. Bei der Flucht in virtuelle Welten holen sie sich fiktive, vermeintliche Erfolgserlebnisse. Im Schnitt verbringen die 10- bis 18-Jährigen täglich 104 Minuten mit Daddeln, mit zunehmendem Alter steigt die Spieldauer.

Jungen daddeln eher, Mädchen chatten lieber, haben einen Hang zu Kommunikationsplattformen und sozialen Netzwerken – mit allen Problemen, die damit verbunden sind. Was vor Jahrzehnten Sex & Drugs & Rock‘n‘Roll waren, sind heute Lan-Parties, Cybermobbing, Internet-Pornos und Energy-Drinks.

Die Auswüchse  der Sozialisation mit exzessivem Medienkonsum stellen die Beratungsstellen vor neue Herausforderungen. Mit Escapade setzt die Caritas auf einen familienorientierten Interventionsansatz ohne erhobenen Zeigefinger, will zwischen digital natives, digitalen Immi-granten und noch analog tickenden Familienmitgliedern vermitteln.

„Es geht uns nicht um Abstinenz, sondern um Befriedung“, sagt Piorunek: „Wir wollen die Konflikte verringern, die Wogen zwischen Kindern und Eltern glätten.“ Problematisch sei das Medienverhalten, wenn es zu ständigem Streit, Leistungsabfall in der Schule und Vernachlässigung von sozialen Kontakten führe:

„Jugendliche, die in den Teufelskreis der Online-Sucht hineingeraten, ziehen sich zurück und entwickeln nur unzureichend aktive Problembewältigungsstrategien.“

Das  Escapade-Programm richtet sich an Familien mit Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren. Sowohl Eltern als auch Jugendliche müssen damit einverstanden sein. Die Teilnahme komme nur in Frage, wenn keine anderen Probleme wie psychische Erkrankungen oder eheliche Konflikte im Vordergrund stehen würden, sagt Lüpping:

„Auch, wenn eine stoffliche Sucht im Vordergrund steht, zum Beispiel bei der Kombination von Kiffen und Daddeln, ist das eher ein Fall für die klassische Suchtberatung.“ Zum Programm gehören ein Clearing-Gespräch, ein Erstgespräch mit der gesamten Familie (ohne jüngere Geschwister) und individuelle Familiengespräche.

Im Kern steht ein Familien-Seminartag mit verschiedenen Übungen und Methoden sowie dem Austausch mit anderen Familien und Jugendlichen, um einen Perspektivwechsel herbeizuführen. „Damit starten wir, sobald es genug Teilnehmer gibt“, sagt Piorunek.

Es gehe darum, gemeinsame Absprachen zur Begrenzung von Medienzeiten zu treffen und eigene Haltungen zu überdenken, auch um das manchmal kritische Mediennutzungsverhalten der Eltern: „Wir wollen gucken, was miteinander geht – auf Basis von Freiwilligkeit und gemeinsamen Entscheidungen.“

Zur langfristigen Stabilisierung der Jugendlichen sollen auf diese Weise individuelle Lösungsstrategien, Regeln und Vereinbarungen erarbeitet, psychosoziale Auffälligkeiten reduziert werden.

Interessenten können sich jederzeit im Duderstädter Caritas-Centrum, Telefon 0 55 27/ 98 13 60 melden, um die Rahmenbedingungen zu klären und einen Termin zu vereinbaren.

Dass der Bedarf groß ist, daran zweifeln Lüpping und Piorunek nicht: „Technologische Weiterentwicklungen, die eine noch breitere Verfügbarkeit bei gesteigerter Intensität des Internets ermöglichen und neue Spielanreize schaffen werden, erhöhen das Risikopotenzial. Es ist daher sicher davon auszugehen, dass es zu einem starken Anstieg der Betroffenen kommen wird.“