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25 Jahre Grenzöffnung Der Abbau der Grenze im Eichsfeld
Die Region Duderstadt Themen 25 Jahre Grenzöffnung Der Abbau der Grenze im Eichsfeld
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18:00 12.09.2014
Ost und West trifft sich: Mit Platten aus dem DDR-Kolonnenweg wird der Grenzübergang bei Nesselröden  befestigt, während sich im Hintergrund Autoschlangen der Schaulustigen bilden. Quelle: Engelke
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Eichsfeld

„Wenn ihr wollt, könnt ihr aufmachen.“ Diese etwas ratlos klingende Anordnung der Volkspolizei der DDR richtete sich an die überraschten Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Böseckendorf. Sie sollten einen Grenzübergang bauen.
Die Mauer in Berlin war vor wenigen Wochen von friedlichen Demonstranten zu Fall gebracht worden.

Dieses historische Ereignis versetzte ganz Deutschland in einen einzigen Freudentaumel. Die wenigen Grenzübergangsstellen entlang der 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze waren  seit dem Mauerfall hoffnungslos überfüllt. Zunehmend wurden  weitere kleine Grenzübergänge geschaffen.

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Die Freiwillige Feuerwehr war damals, im Dezember 1989, die einzige offizielle Stelle in Böseckendorf, die man mit der Öffnung der Grenze beauftragen konnte. Doch wie beseitigen ein paar Brandschützer ein Bollwerk der Macht, das mit Stacheldraht, Eisengitterzäunen und Minenfeldern jahrzehntelang den Kapitalismus fern und die DDR-Bürger im eigenen Staat halten sollte?

„Den Feuerwehrleuten wurde gesagt, sie würden aus dem Materiallager aus Teistungen versorgt werden. Aber da gab es kein Material, das Lager war dicht“, erzählt Reinhold Frölich. Der Nesselröder hatte schon zu DDR-Zeiten regen Kontakt nach Böseckendorf, da ein Teil der Verwandtschaft dort lebte.

„So richtig hat das doch niemand geglaubt“

Das kleine Eichsfelder Dorf lag seit dem Aufbau der Grenze in den 1960er-Jahren völlig abgeschirmt im Sperrgebiet der DDR. Familientreffen waren nur in Worbis möglich, da eine Einreise ins Sperrgebiet verboten war. Dem DDR-Regime war zudem das grenznahe Böseckendorf spätestens seit der Massenflucht 1961 suspekt – damals waren 16 Familien über Nacht ins nur drei Kilometer entfernte westliche Immingerode geflüchtet, 13 weitere Dorfbewohner folgten 1963.

Als Frölich am Abend des 9. Novembers 1989 die berühmten gestotterten Worte Günter Schabowskis zum neuen DDR-Reisegesetz hörte – „Das trifft nach meiner Kenntnis...ist das sofort, unverzüglich“ – ahnte der Nesselröder ebenso wenig wie Millionen andere Menschen, was nun folgen würde.

„So richtig hat das doch niemand geglaubt“, staunt er auch heute nach 25 Jahren über die Ereignisse im Herbst 1989. Mit der Ausreiseerlaubnis für DDR-Bürger war die Grenzübergangsstelle (Güst) Duderstadt-Worbis quasi über Nacht zum Knotenpunkt im Eichsfeld geworden. Massen passierten täglich die Grenze. Zwei weitere kleine Übergänge waren bereits bei Ecklingerode und Neuendorf entstanden. Ein weiterer sollte nun Böseckendorf und Nesselröden nach 40 Jahren Trennung wieder verbinden.

„Guck mal, ob die Hilfe brauchen.“ Mit diesen Worten hatte der Duderstädter Bauamtsleiter Karl Plumbaum seinen Mitarbeiter Frölich losgeschickt, als er hörte, dass die Eisengitter auch in Böseckendorf fallen sollten. „In diesen Tagen herrschte überall Euphorie. Jeder wollte jedem helfen“, erinnert sich Frölich. Doch wie würde es weitergehen? Die Freude wurde von Skepsis begleitet. Sollte das Blatt sich wenden? Würde das DDR-Regime die Grenze wieder dicht machen?

Aber die Frage blieb. Ist das für immer?

Frölich ist losgefahren an den Grenzzaun bei seinem Heimatort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Die Freiwillige Feuerwehr aus Böseckendorf stand dort. Und ein Trecker der LPG. Aber die Leute konnten nichts machen, weil sie kein Material hatten“, beschreibt Frölich die Situation. Es war der Sonnabend vor dem dritten Advent. Wenn nicht jetzt, wer weiß, wann die Grenze sich hier überhaupt öffnen würde, dachte der Nesselröder und rief kurzentschlossen bei der Baustoff-Firma Saenger in Westerode an, um Kies zu bekommen. „Familie Saenger wollte gerade zu einem Geburtstag. Aber als ich der Chefin die Lage erklärte, ging es los“, sagt Frölich.

Bagger und Lkw fuhren zur Grenze. Bis nach Einbruch der Dunkelheit wurde Kies aus dem Westen geliefert. Die Böseckendorfer Brandschützer besorgten sich das weitere Material selbst. Kurzerhand bauten sie die Betonplatten vom Kolonnenweg um Böseckendorf ab und verlegten sie auf dem neu entstandenen Kiesweg in den 40 Jahre lang unerreichbaren Westen.

„Von DDR-Grenzern und BGS-Beamten bewacht, waren etwa 20 Leute damit beschäftigt, die Grenze abzubauen und einen Übergang zu schaffen. Die Bürgermeister waren dort, Nesselrödener Bauern halfen mit, und unten an der Straße nach Nesselröden bildeten sich Autoschlangen von Schaulustigen“, erinnert sich Frölich an bewegende Tage.

Die ersten Meter zum bisher abgeschirmten Nachbarort empfand der Nesselröder als unvergessliches Gefühl. „Ich saß im Saenger-Lkw. Wir sind rückwärts gefahren, um Kies abzuladen. Das erste Mal bin ich also rückwärts über unseren Übergang gefahren“, schildert Frölich die bizarre Situation. Immer wieder sei auch die Angst hochgekommen – der misstrauische Blick auf die bewaffneten DDR-Grenzer, die Frage, ob das alles gut gehe. Doch am 17. Dezember, dem dritten Advent 1989, feierten die Böseckendorfer und Nesselröder gemeinsam ihren Grenzübergang. Aber die Frage blieb. Ist das für immer?

„Ich hatte Angst"

Ein paar Tage später kam der Schock. „Wir waren zur Kirche in Böseckendorf. Mein Verwandter Oswald Eckert kam zu uns und erzählte aufgeregt, dass unser Übergang nicht mehr aufgemacht wird“, sagt Frölich. Sofort war klar: Das wollten sich die gerade wieder vereinten Nachbarorte nicht bieten lassen.

Oswald organisierte die Leute aus Böseckendorf. Ich fuhr über Teistungen und telefonierte mit der Schwester unseres Pfarrers Alois Böning. Sie gab ihm noch während der Messe Bescheid, und er rief die Gemeinde zur Demonstration an unserem Übergang auf“, schildert Frölich die spontane Reaktion der Eichsfelder.

Am geschlossenen Gittertor trafen sich die Demonstranten. Zwei DDR-Grenzer mit Gewehren bewachten den Übergang. Jugendliche Nesselröder liefen auf das Tor zu und rüttelten daran. Das Schloss hielt nicht, das Tor ging auf. „Ich hatte Angst. Niemand wusste, ob die Wachposten schießen würden. Ich rief unseren Jungs zu, dass sie sofort aufhören sollten“, schildert Frölich die brenzlige Lage. Auch auf der DDR-Seite hatten sich inzwischen die Menschen versammelt.

„Die jungen Grenzsoldaten waren mit der Situation überfordert. Auf wen sollten sie schießen? Nach einigem Zögern und bedrückendem Warten ließen sie die Leute durch“, sagt Frölich. Der Übergang blieb seitdem offen. Heute erinnern an diesem Ort zwei Steinskulpturen an die Grenzöffnung und die Wiedervereinigung.

Von Claudia Nachtwey