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25 Jahre Grenzöffnung Wohin gehören wir?
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17:29 29.08.2014
Der Paterhof um 1975: Der breite Streifen im Hintergrund ist die Grenze zur DDR, die ursprüngliche Grenze zwischen dem Königreich Preußen und Thüringen verläuft wenige Meter vor dem Hof. Quelle: BGS/Kopie NR

„Gehören wir zu Thüringen oder zu Niedersachsen?“ Diese Ungewissheit lag für Familie Hackethal auf dem Paterhof bei Fuhrbach nicht nur in der Verwaltungszugehörigkeit.

Jahrzehntelang war nicht geklärt: Liegt der Hof in der DDR oder in Westdeutschland? Die jeweilige Auslegung der Antwort hätte weitreichende existenzielle Folgen für die Bewohner des Paterhofs gehabt.

Familie Hackethal hatte Glück. 1970 wurde der Paterhof in das Duderstädter Grundbuch eingetragen und gehörte somit endgültig zu Niedersachsen. 150 Meter entfernt begann die Grenze zur DDR. Diese Festlegung bedeutete auch die Rettung des imposanten Fachwerkgebäudes von 1752. Hätte es zur DDR gehört, wäre es im Rahmen des Grenzausbaus abgerissen worden – so wie alle Gebäude auf dem Grenzstreifen.

1945 war von den Besatzungsmächten festgelegt worden, dass die Grenze zwischen der sowjetischen und der westlichen Besatzungszone den ehemaligen Landes- und Provinzgrenzen entsprechen sollte. So hätte der Paterhof zu Thüringen gehört.

„Zweimal sind wir hier ausgezogen“

Mit dem Gebietstausch nach dem Wanfrieder Abkommen zwischen Russen und Amerikanern und den von allen Seiten unterzeichneten Grenzbegradigungen gehörte der Paterhof nach 1945 zu Niedersachsen.

Doch der Weg ins niedersächsische Grundbuch war mit Sorge und Verlust gepflastert. „Zweimal sind wir hier ausgezogen“, erzählt der 76-jährige Erich Hackethal. Sein Vater Adolf Hackethal hatte die Domäne Paterhof bereits 1925 gepachtet.  Seit 1803 gehörte das Anwesen mit seinen Ländereien zum Königreich Preußen, zuvor war es das Vorwerk der Benediktinerabtei Gerode.

Bei Kriegsende im Frühjahr 1945 habe die Familie Angst gehabt. „Kommt der Russe? Das war die Frage, die uns beschäftigte. Mein Vater war weder Nazi noch Kommunist. Doch nach allem, was Hitler den Russen angetan hatte, sind die dann nicht zimperlich mit den Deutschen umgegangen“, sagt Erich Hackethal. Die Familie verließ schweren Herzens den Hof und brachte sich in Sicherheit.

Der Russe kam - und schoss der Sau in den Kopf. Das Schweinefleisch sollte die Soldaten ernähren. „Aber das gleiche haben die Amerikaner mit der Kuh gemacht“, nennt der Landwirt die Verluste. Erst nachdem der Paterhof im September 1945 ins Gebiet der westlichen Besatzungsmächte gefallen war, kehrte die Familie zurück und nahm die gewohnte Arbeit wieder auf.

Vater Adolf Hackethal habe geglaubt, die Grenze sei nur ein kurzes Zwischenspiel der Siegermächte nach dem Krieg.

„Doch der Russe zog schon ab 1945 den Zaun“, sagt Erich Hackethal. Nun war der Hof durch Stacheldraht von seinen Ländereien getrennt. „Zunächst hatte mein Vater noch die Genehmigung, sein Getreide zu ernten, doch als es soweit war, wurde er nicht mehr auf sein Feld gelassen, das nun hinter dem Zaun lag“, erinnert sich der Sohn.

Von den einst 125 Hektar Land waren nur noch 20 Hektar auf westlicher Seite zu erreichen. Die Familie musste weiteres Land dazu pachten, um den Hof bewirtschaften zu können.

„Es war im Frühjahr 1953. Wir hatten Flachs angebaut. Ich kam gerade aus der Schule und sah, wie ein Trecker der LPG eine breite Spur mitten durch unser Flachsfeld grub“, erzählt Erich Hackethal.

Die Grenze sollte weiter ausgebaut werden, und da habe die DDR-Seite wohl großzügig zu eigenen Gunsten gemessen.

Da es noch keine Grundbucheintragung von der niedersächsischen Seite für den Paterhof gab, stand die Angst im Raum, von der DDR „einkassiert“ zu werden. Man hatte bereits von Enteignungen, Zwangsumsiedlungen und Verhaftungen der grenznahen Landwirte auf DDR-Seite gehört. Die Familie zog vorsichtshalber ins Fuhrbacher Pfarrheim.

BGS aus Hann. Münden rückte an und stationierte sich im Paterhof

Dass der Paterhof von westlicher Seite nicht aufgegeben wurde und in die sowjetische Zone fiel, sei dem damaligen Oberkreisdirektor Dr. Matthias Gleitze zu verdanken, erzählt Erich Hackethal. Dieser habe sich dafür eingesetzt, dass der 1951 neu gegründete Bundesgrenzschutz (BGS) sich der Sache annahm.

„Der BGS aus Hann. Münden rückte an und stationierte sich im Paterhof. Zuerst kampierten die Leute in der Scheune, doch mein Vater bot ihnen die Unterkunft im Wohngebäude an“, berichtet Erich Hackethal.

So wurde der Paterhof der erste Stützpunkt des BGS im Eichsfeld. Denn nach einer zwischenzeitlichen Stationierung in Clausthal-Zellerfeld wurden die Kasernen auf dem Duderstädter Euzenberg erst im Jahr 1956 bezogen, wo der BGS bis zum Mauerfall einen wichtigen Standort hatte und heute die daraus entstandene Bundespolizei untergebracht ist.

Nachdem der Grenzverlauf  gesichert war und der BGS, unterstützt von den in Goslar stationierten Engländern, dauerhaft patrouillierte, kehrten die Bewohner des Paterhofs zurück. Erich Hackethal hatte zwar eine landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen, aber war von dem Gedanken, weiterhin diesen grenznahen Pachthof ohne eigenes Land zu bewirtschaften, nicht besonders angetan.

„Aber meine Frau sagte, wir schaffen das“

Doch er hatte seine Annegret, ein Mädchen aus Fuhrbach, geheiratet, „eine Powerfrau, die uns allen Kraft gab“, sagt er heute noch über seine vor einigen Jahren gestorbene Ehefrau. Annegret Hackethal hatte neue Ideen und machte nach diversen umfangreichen Renovierungsarbeiten ab 1985 eine Ferienpension aus dem einstigen Kloster-Vorwerk.

Erst mit dem Mauerfall 1989 kehrten die alten Sorgen zurück. „Und wieder stellten wir uns die Frage, zu wem wir gehörten. Würde der Hof in Niedersachsen bleiben oder würde sich die Grenze jetzt doch noch ändern?“, schildert Erich Hackethal die erneute Ungewissheit. Da niemand wusste, wie sich die Lage in Deutschland entwickeln würde, war nur eines klar: Zu Thüringen wollte man nicht gehören.

Die niedersächsische Landesgrenze wurde schließlich auch nach der Wiedervereinigung nicht verändert. Doch damit blieben die einst zur Domäne gehörigen Ländereien in Thüringen. Der Paterhof war immer noch ein Landwirtschaftsbetrieb ohne Land. „Aber meine Frau sagte, wir schaffen das. So haben wir im Jahr 2002 den Hof gekauft, und mein Sohn Marc Erik hat ihn im gleichen Jahr übernommen“, sagt Erich Hackethal.

Heute ist der Paterhof nicht nur ein idyllisches Feriendomizil mitten im Eichsfeld, sondern  hat weitere wirtschaftliche Standbeine in der Rinderzucht und als Reiterhof aufgebaut. „Meine Familie ist seit 90 Jahren auf diesem Hof und hat hier viel erlebt. Ich werde ebenfalls hierbleiben“, weiß der 33-jährige Marc Erik Hackethal.

Von Claudia Nachtwey

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