Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
25 Jahre Grenzöffnung Zwangsenteignungen im Sperrgebiet
Die Region Duderstadt Themen 25 Jahre Grenzöffnung Zwangsenteignungen im Sperrgebiet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:19 05.09.2014
Bei Ecklingerode: Auf dem einstigen Ackerland wird in den 1960er-Jahren die Grenze ausgebaut. Quelle: Laatzen
Anzeige

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Das behauptete Walter Ulbricht als Vorsitzender des Staatsrats der DDR im Juni 1961 in einer Pressekonferenz. Einige Wochen später, im August 1961, stand die Mauer, die bis zu ihrem Fall 1989 die beiden deutschen Staaten trennte.

Um die Grenze zum Westen abzuriegeln und überwachen zu können, wurden bereits ab den 1950er-Jahren grenznahe Landbesitzer vom DDR-Regime enteignet und in andere Regionen umgesiedelt oder gezwungen, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) beizutreten. Wer sich weigerte, landete oftmals als Landesverräter im Zuchthaus. 1952 startete die DDR eine großangelegte Operation unter dem Decknamen „Ungeziefer“ mit dem Ziel, politisch Andersdenkende aus dem Sperrgebiet zu entfernen. 1961 folgte die Aktion „Kornblume“ mit dem gleichen Ziel.

Anzeige

Auch im thüringischen Ecklingerode hatte die Bevölkerung Anfang der 60er-Jahre von Zwangsenteignungen, Umsiedelungen und Verhaftungen gehört. Wie es im Jahr 1960 im kleinen Eichsfelder Dorf zuging, beschreibt Lucie Zinke, damals Wirtin des Gelben Hofs in Ecklingerode, in einem Brief an die Verwandtschaft in Fuhrbach: „Lieber Bruder und ihr Lieben alle!

"Was hier geschieht, schreit zum Himmel"

Schwarze Wolken hängen über der Bevölkerung der Ostzone, denn was hier geschieht, schreit zum Himmel... Vor wenigen Wochen wurde eine Versammlung abgehalten, in der der Redner immer schrie: ,Wir haben es nicht mehr nötig, den Bauern gute Worte zu geben, wir haben es nicht mehr nötig, uns von ihnen auslachen zu lassen.‘ Die Menschen gingen gedrückt und warteten auf das, was nun kommen sollte.

An einem Montag kamen drei fremde Herren. Sie gingen auf das Bürgermeisteramt und sahen in sämtliche Karteien, ob sie nicht erstmal einen als Abschreckmittel anhaken konnten, aber nein. Sie fragten die Leute, die dort etwas zu erledigen hatten, ob sie nicht in die LPG wollten, aber es ging keiner darauf ein.

Da kamen am Donnerstag noch zehn Männer, und die Sache fing an, lebhaft zu werden. Diese gingen auf die einzelnen Höfe und bearbeiteten nun die Leute, aber ohne Erfolg. Am Montag darauf kamen mit einem großen Bus noch 18 Personen. Als der Bus in der Mitte des Dorfes hielt, war es, als ob ein Gewitter kam. Die Menschen liefen in die Häuser und einer suchte beim anderen Rat.

Nun wurde die Sache aber ernst... Immer zwei Mann zogen los, sie ließen die Leute gar nicht zu Worte kommen, ,es ist freiwillig, aber es geht kein Weg dran vorbei. Wir haben Zeit, wir gehen nicht eher, bis der Ort voll genossenschaftlich ist. Sind Sie für den Krieg oder sind Sie für den Frieden? So, Sie wollen nicht, also sind Sie ein Anhänger Adenauers.

"Schießt uns doch gleich tot!"

Solche Leute können wir hier natürlich nicht gebrauchen, überlegen Sie sich das, wir sind in zwei Stunden wieder hier. Ob Sie in die LPG wollen oder ob Sie eine Reise mit 40 Pfund Gepäck bevorzugen‘ und so weiter, und so weiter... Abends wurde jeder einzeln aufgefordert, zu einer Versammlung zu erscheinen. Bis 12 Uhr haben sie die Menschen bearbeitet, doch ohne Erfolg. Am anderen Morgen um halb sieben Uhr wurde wieder jeder geholt, egal, ob er Kaffee hatte oder das Vieh fertig hatte oder sich gewaschen hatte oder nicht.

Da ging es rund. Einer schrie, ,Schießt uns doch gleich tot!‘, der andere wollte sich die Pulsader aufschneiden. Zwei bekamen einen Nervenzusammenbruch, keiner durfte den Hof verlassen. Der eine musste sofort ins Krankenhaus und liegt heute noch.

Um 12 Uhr ging alles nach Hause, abends um acht musste alles wieder da sein. Es wurde der Bevölkerung versprochen, dass sie dieses Jahr nochmal abernten durften, also jeder seine Ernte für sich behalten durfte. Darauf bekam ein jeder einen vorgedruckten Schein, und alle mussten unterschreiben. Sie fuhren mit dem Auto ins Krankenhaus zum Kranken ans Bett, trotzdem der Arzt es streng verboten hatte, und holten die Unterschrift.

Als alles durch war, veranstalteten sie einen gemütlichen Abend auf dem Saal. Manche waren geschlagen... Dann bekam der Bürgermeister einen Nervenzusammenbruch. Ja, so etwas 15 Jahre nach dem Krieg. Das Dorf war die ersten Tage wie ausgestorben, keiner wollte arbeiten. Aussaat muss jeder bezahlen und herausbringen. Die Fremden waren alle abgefahren. Da kam in der folgenden Woche eine Dame aus Erfurt zum Bürgermeisteramt und sagte, dass im Herbst keiner mehr abernten dürfte. Als man ihr dann sagte, die Herren von der Brigade hätten das vor der Unterschrift erlaubt, antwortete sie, die hätten nichts zu sagen gehabt.

"Viele Grüße von uns allen"

Konnte ein Bauernfang besser sein? ... Die Handwerker wären dieser Sache schon gefolgt, aber die Protestbewegung hat alles gedämpft. Sollten die vereinten Mächte die Volksabstimmung nicht doch durchbekommen? Sehr schwer für uns ist, dass man tatsächlich in den 500-Meter-Streifen Betonpfosten mit siebenfachen Stacheldraht setzen will.

Dieses ist für uns furchtbar, denn die Pfosten liegen schon. Hoffentlich wird Berlin nicht zugemacht. Sollten unsere Hilferufe zum Himmel unerhört bleiben? Wir denken an die Worte der lieben Gottesmutter 1917 in Fatima und bitten Euch herzlich, uns im Gebet nicht zu vergessen. Erwähnt bitte vom Inhalt dieses Briefes nichts in Euren Briefen. Viele Grüße von uns allen. Läuft die Konferenz für uns schlecht aus, kommen wir.“

So endet der Brief aus dem Jahr 1960. Wenige Wochen später flüchtete Lucie Zinke mit ihrer fünfköpfigen Familie in den Westen. Damit die Flucht unauffälliger sein würde, teilte sich die Familie  auf: Einigen gelang der Weg in den Westen über Berlin kurz vor dem Mauerbau, eine Tochter konnte über Brehme zu ihren Eichsfelder Verwandten flüchten. 

Von Claudia Nachtwey