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Morgens um 10 Fehdebrief, Alarmglocke und feindliche Horden
Die Region Duderstadt Themen Morgens um 10 Fehdebrief, Alarmglocke und feindliche Horden
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19:18 21.08.2012
Verbindende Elemente: Vom Georgstürmchen über das Schützenmuseum zum Westerturm spiegelt sich Stadtgeschichte.
Verbindende Elemente: Vom Georgstürmchen über das Schützenmuseum zum Westerturm spiegelt sich Stadtgeschichte. Quelle: Tietzek
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Sabrina Busse ist morgens die Erste im Schützenmuseum. Die Mitarbeiterin der Duderstädter Gästeinformation öffnet um 10 die Tore des neuen touristischen Highlights neben dem Westerturm. Auf dem Tresen am Eingang liegt ein schweres Gästebuch, und für den kurzen Zeitraum, der seit der Eröffnung des Schützenmuseums vergangen ist, haben sich dort schon viele Seiten gefüllt. „Die Besucher kommen aus ganz Deutschland und aus dem Ausland, als Austauschschüler oder Urlauber. Die freuen sich besonders, dass es alle Informationen auch auf Englisch gibt“, sagt Busse. Die Einträge im Gästebuch dokumentieren das.

Ein paar Meter neben dem Tresen zeigt das interaktive Modul mit der Stadtansicht Duderstadts aus der Vogelperspektive, wie informativ und unterhaltend moderne Technik im Museumsalltag sein kann. Busse erklärt, wie es funktioniert. „Wir helfen jedem gerne weiter, aber auch Ausprobieren ist erlaubt“, antwortet sie lachend auf die Frage, ob ältere Bürger die Handhabung der Technik durchschauen würden.

Staunend sehen und hören wir, wie feindliche Reiterhorden sich nähern – das Galoppieren der vielen Pferde klingt bedrohlich. Ein Fehdebrief wird über die Stadtmauer geworfen, die Alarmglocke läutet, und schon ist reges Treiben im Inneren der Stadt zu beobachten. Die Schützen und Bürgerwehren rennen aus ihren Häusern und positionieren sich auf der Mauer und in den Wehrtürmen. Den Ablauf der Geschichte können wir selbst unterbrechen, indem wir eines der beleuchteten Häuser berühren. Sofort öffnet sich eine Infotafel, auf der weiteres Hintergrundwissen vermittelt wird.

Zu den frühen Museumsgästen gehören Holger Grube und sein Sohn Jonas. Die beiden sind nicht zum ersten Mal hier. Jonas stürmt sofort die Treppe hinauf in die obere Etage. „Da kann man mit der Armbrust schießen und Schützenkönig werden“, weiß er.
Die Armbrust mit dem Laser ist etwas hoch installiert, aber Jonas kennt sich aus, und ein paar Minuten später ist er bereits Schützenkönig. Das digitale Volk klatscht und jubelt. Nun muss er sich das Losungswort merken, und dafür gibt es eine Belohnung, die er sich im Rathaus abholen darf. Das hat allerdings Zeit, weil das Armbrustschießen selbst viel spannender ist als der Preis. Zwischendurch testet der kleine Nachwuchsschütze auch das Lasergewehr, mit dem sein Vater seine Schützenkönig-Karriere vorbereitet, aber die Armbrust findet Jonas besser.

Robin Hood, oder genauer: Frank Glaubrecht als die deutsche Synchronstimme von Kevin Costner, führt als Erzähler durch die Duderstädter Stadtgeschichte. Im Mauerwerk und neben den Exponaten sind Tafeln angebracht, auf denen wir die Sprache wählen können. Robin Hoods Stimme ertönt, stellt sich aber als Tile Schwaneflüge vor. Er sei der Turmwächter und habe hier einiges zu tun, hören wir. Tile führt uns durch die Schützengeschichte und durch seinen Arbeitsplatz, wir sitzen mit ihm in der beheizten Turmstube oder teilen an anderer Stelle seine Bedenken über die „neuerfundenen Feuergeschütze“, die seinen Job deutlich gefährlicher werden lassen.

In der oberen Etage des Museums sind einige historische Fundstücke in Schaukästen ausgestellt. Fasziniert stehen wir vor den mumifizierten Tieren als echte stumme Zeugen des Mittelalters, die bei der Rathaussanierung gefunden wurden. Dann gelangen wir auf den Außenbereich der Stadtmauer mit seiner Aussicht über die verwinkelte Dächerlandschaft, in der Ferne Hügel und Wälder. Im Georgstürmchen dürfen wir „durchs Schlüsselloch“ gucken, und dabei erfahren wir Einiges über das nicht immer keusche mittelalterliche Leben innerhalb der Stadtmauern, und über die rigorosen Strafen für Gesetzesbrecher, die meist tödlich endeten.

Von hier oben führt eine Tür hinüber in den Westerturm, wo Tile Wache hält, um die Duderstädter rechtzeitig vor bevorstehenden Angriffen zu warnen.

Bei unserem Abstieg kommen wir nochmal an der Armbrust vorbei. Jonas schießt immer noch. Unten vor dem Eingang hat sich inzwischen ein ganzer Trupp von Besuchern versammelt. „Heute morgen ist hier viel los, sonst sind mehr Leute am Nachmittag hier“, stellt Busse fest. Ein paar Gäste haben draußen neben dem Eingang die erste Audio-Infotafel entdeckt. „Die übersehen viele Gäste, aber da wird demnächst noch ein Rahmen angebracht, damit sie mehr in den Blick fällt“, verrät Busse.
Die Öffnungszeiten des Schützenmuseums: dienstags bis sonntags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr, montags geschlossen. Einen digitalen Einblick gibt es unter westerturm.de

Von Claudia Nachtwey