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Papst im Eichsfeld Papst Benedikt XVI. feiert Vesper im Eichsfeld
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03:47 24.09.2011
Begeisterter Empfang: Papst Benedikt XVI. fährt mit dem Papamobil durch die Menschenmassen auf dem Pilgerfeld.
Begeisterter Empfang: Papst Benedikt XVI. fährt mit dem Papamobil durch die Menschenmassen auf dem Pilgerfeld. Quelle: afp
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Etzelsbach

Die Kultur der Wallfahrten, regelmäßige Gottesdienstbesuche und die starke Präsenz der Kirche im Alltag gilt vielen Menschen in Duderstadt, Heiligenstadt und Worbis noch immer als Selbstverständlichkeit – und vielleicht sogar als wesentlicher Teil ihrer landsmannschaftlichen Besonderheit.

Benedikts aufwändiger Abstecher von Erfurt an die Marienwallfahrtsstätte Etzelsbach ist jedoch nicht nur dieser kleinen Enklave im ansonsten katholikenarmen Norddeutschland gewidmet. Der Pontifex bezeugt mit seinem Besuch im Eichsfeld in erster Linie den Menschen seinen Respekt, die sich zu DDR-Zeiten gegen die Allmacht des Staates sträubten. Es waren äußerst schwierige Zeiten, auch für die Kirchenführung.

Der Vatikan verweigerte der DDR seine Anerkennung, doch die Geistlichen vor Ort mussten einen Weg finden, den Alltag ihrer Gemeinden zu organisieren. Der Papst konnte sich auf seinem Hinflug nach Etzelsbach davon überzeugen, dass es in diesem Schlingerkurs gegen die Diktatur durchaus Erfolge für die Christen gab. So steht der letzte kirchliche Neubau auf dem Gebiet der ehemaligen DDR mitten im Obereichsfeld, im Neubaugebiet Leinefeldes.

Papst Benedikt XVI. besuchte im September 2011 Deutschland. Er reiste dabei auch ins Eichsfeld und feierte mit Gläubigen eine Marienvesper.

Den Glauben zu bewahren, auch wenn der Alltag äußerst schwierig erscheint und die Kirche verbannt werden soll, ist denn auch die zentrale Botschaft des Papstes bei seinem Besuch an der früheren innerdeutschen Grenze. Die Abendvesper bei schönstem Herbstwetter dürfte ihm in Thüringen, dem Stammland der Reformation, fast unwirklich erscheinen: Die kleine Marienkapelle Etzelsbach liegt halb versteckt in einem kleinen Wäldchen abseits aller Dörfer und Städte der Region. Wo sonst Kühe grasen und Getreide wächst, warten mehr als 90 000 Menschen – so die offizielle Angabe zur Zahl der Pilger – gespannt auf das gemeinsame Gebet mit ihrem Kirchenoberhaupt.

Die hügelige Landschaft ist weiträumig abgesperrt, sogar auf der naheliegenden Autobahn 38 steht alles still. Die Pilger kommen zu Fuß, viele aus den angrenzenden Dörfern, mehrere Tausend auch aus Duderstadt. Sie hatten sich bereits am frühen Morgen auf dem Weg gemacht, einige sogar mit den Fahnen ihrer Kirchengemeinden und ihrer Kolpingfamilie ausgestattet.

Wie tief verwurzelt selbst die junge Generation in der Kirche ist, demonstriert eine Gruppe Jugendlicher, die erst kürzlich beim Weltjugendtag in Madrid mit dem Papst feierten und nun nach Etzelsbach gepilgert sind. Auf den T-Shirts, die sie tragen, steht selbstbewusst: „Benedikt, wir seh’n uns zweimal“. Ein Holzkreuz, das sie bereits in Spanien mit dabei hatten, überreichen sie unmittelbar vor dem Abendgebet dem Heiligen Vater.

Eine Abordnung aus den früheren Grenzdörfern Siemerode und Weißenborn tritt mit einem Kreuz an den Altar, das aus Metallstreifen des ehemaligen Grenzzauns gefertigt worden war. Die eigentliche Besonderheit aber bleibt die Pietà aus Holz, die aus dem 16. Jahrhundert stammt und in Etzelsbach seit Generationen angebetet wird. Der Sage nach soll sie beim Pflügen in den umliegenden Feldern gefunden worden sein, als die Pferde, die der Bauer benutzte, stehen blieben und auch nach Drängen sich nicht weiterbewegten. Als der Bauer nach dem Grund suchte, soll er dabei auf das Gnadenbild gestoßen sein. Es verwundert daher nicht, dass der Erfurter Bischof Joachim Wanke das Eichsfeld gern als „Marienland“ bezeichnet – eine Glaubenshochburg, die sich in ihrer Geschichte so vielen Anfeindungen widersetzte.

Direkt nach seiner Ankunft bringt der Papst die Pilger zum Jubeln, als er sagt: „Ich habe seit meiner Jugend so viel vom Eichsfeld gehört, dass ich dachte, ich muss es unbedingt einmal sehen.“

In seiner Predigt spricht Benedikt XVI. ausführlich über die Bedeutung Marias für die Gläubigen als direkte Mittlerin zu Gott. Es stand zu erwarten, dass er hier, in einem katholischen Kernland, nicht auf drängende Fragen der Ökumene oder auf die Situation der Wiederverheirateten eingeht, auch wenn sie von Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ankunft am Vortag direkt angesprochen wurden.

Hier im Eichsfeld stehen allein das Gebet und die traditionsreiche Liturgie im Mittelpunkt. Bei den Fürbitten, die auf englisch, russisch, tschechisch, ungarisch und deutsch gesprochen werden, klingt der Charakter der Weltkirche an – steht Benedikt XVI. doch immerhin mehr als einer Milliarde Katholiken auf dem ganzen Globus vor.

Nicht alltäglich, auch für den Papst, dürfte ein ganz spezieller Gruß aus dem Untereichsfeld sein: Bei seinem kurzen Abstecher nach Nordthüringen segnet er direkt vor seiner Abfahrt die neue, kunstvoll gestaltete Bronzeglocke für die St.-Cyriakus-Kirche in Duderstadt, die gerade erst in Karlsruhe gegossen wurde. 2900 Kilo schwer, wurde sie eigens für diesen Abend vor der Wallfahrtskapelle in Etzelsbach platziert.

Auch wenn sich der Papst aktuellen kirchenpolitischen Themen bei seiner Stippvisite entzieht, geht von dieser Glocke eine ganz besondere Botschaft aus. Sie trägt den Namen „Eichsfeld- und Ökumeneglocke“.

Von Stefan Koch

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