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Papst im Eichsfeld „So viel vom Eichsfeld gehört, dass ich es besuchen wollte...“
Die Region Duderstadt Themen Papst im Eichsfeld „So viel vom Eichsfeld gehört, dass ich es besuchen wollte...“
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21:19 23.09.2011
Von Ulrich Lottmann
Lieder, Fürbitten und Momente der Stille: Papst Benedikt XVI. feiert gemeinsam mit rund 90 000 Gläubigen die Marienvesper an der Wallfahrtskirche in Etzelsbach. Quelle: Pförtner
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Die Luft schwirrt, der Boden vibriert – gefühlt und tatsächlich. Das Pilgerfeld an der Wallfahrtskapelle Etzelsbach ist in den Stunden vor dem Eintreffen des Papstes ein riesiger Kessel, in dem sich etwas zusammenbraut.

Tausende Menschen drängen in einem immer dichteren Strom auf das Gelände. Die Luft ist vom Knattern der Hubschrauber erfüllt. Über die Großleinwände flimmert das bunte, fröhliche Vorprogramm. Zusammen mit strahlendem Sonnenschein ergibt das eine Mischung aus freudiger Erwartung und erwartungsfroher Spannung. Die Spannung steigt, je näher der Zeitpunkt rückt, an dem der Papst auf das Pilgerfeld kommen wird.

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Die Szenerie ist überwältigend. Eine perfekte Organisation gibt der riesigen Menschenmasse Struktur. Pilgerströme – an den Eingängen gründlich aber freundlich kontrolliert – werden auf dem Gelände zu klar abgegrenzten Menschenblöcken. Wege und gespannte Leinen gliedern die Menge. Absperrgatter trennen größere Blöcke voneinander. Im Abstand weniger Meter stehen Sicherheitskräfte, sie sind mit grell-gelben Warnwesten Farbtupfer im Meer der Menschen. Dieser Anblick bietet sich von oberhalb des abschüssigen Pilgerfeldes.
Unten vor der Altarbühne, mitten in der Menge, spürt man diese Stimmung hautnah. Es ist voll. Menschen jeden Alters, Familien, Senioren, große Gruppen und Einzelpilger drängen sich, ohne zu drängeln. Sie sind gelassen, genießen das Programm, bieten ihren Wallfahrtsstuhl an, wenn jemand ihn benötigt.

Sicherheitskräfte geben auch hier Struktur. Helfer verteilen Wasser und Müsliriegel. An den Toiletten geht diese riesige Menschenmenge nicht spurlos vorüber, aber auch das trübt die Stimmung nicht. Das Feld ist im Wortsinne bereitet für das Ereignis, auf das alle hinfiebern: Die Vesper mit Papst Benedikt XVI.

Als sein Hubschrauber um 17.40 Uhr landet, wird es still auf dem Pilgerfeld. Beifall brandet auf, als Benedikt XVI. ins Papamobil einsteigt. Die Fahrt über das Pilgerfeld wird von der Gottesdienstregie mit Orgelmusik überschallt, aber die „Benedetto, Benedetto“-Rufe sind doch vereinzelt zu hören. Die Spannung des Tages löst sich in Feierlichkeit auf.

Mit 20 Minuten Verspätung beginnt die Vesper. Und es ist 18.45 Uhr, als sich der Papst selbst an die Gläubigen wendet. Abweichend vom vorbereiteten Text spricht er die Pilger direkt an: „Ich habe seit meiner Jugend so viel vom Eichsfeld gehört, dass ich es besuchen wollte, um mit Euch zu beten.“ Die Ansprache des Heiligen Vaters zur Marienverehrung hat so viele Bezüge zu Etzelsbach, dass sie seine Worte bestätigt.

Im Laufe der Vesper ändert sich die Stimmung auf dem Pilgerfeld, wird die Feierlichkeit zur Ruhe. Die Sonne sinkt immer tiefer, die Luft wird kühl. Momente der Stille sind im Gottesdienst eingebaut. Lieder, Fürbitten und Gebete fokussieren die Aufmerksamkeit der Pilger auf die Zeremonie. Die innere Sammlung, sie war seit dem Vormittag das Ziel dieser Wallfahrt.

Rückblende: Mittags 11.30 Uhr in Obernfeld. Der Museumskrug ist Abfahrtsort des Busses, den die Pfarrei organisiert hat. Doch dort wartet niemand! Die Wirtin im Krug erklärt auf Nachfrage, dass der Bus schon lange abgefahren sei. Das erweist sich glücklicherweise als Irrtum. Um 11.45 Uhr fährt ein Bus mit Hildesheimer Kennzeichen vor. Fahrer Martin Bermes („Bermes, Hermes ist der Götterbote“) begrüßt die Pilger, die nun in rascher Folge eintreffen.

Vera Kopp geht die lange Liste durch. 50 Personen haben sich bei den beiden Pfarrsekretärinnen Maria Ebrecht und Gudrun Teichmann angemeldet. Die letzten erst am Vortag. Von Obernfeld aus fahren 25 Personen mit. Kopp kommentiert: „Von den 70-Jährigen wären gerne viele mitgekommen, sie trauen sich aber den langen Weg von der Autobahn zum Pilgerfeld aus nicht zu.“

Nächste Station ist Rollshausen, dann Germershausen. Nun ist der Bus voll besetzt. Einige müssen sogar stehen. In Göttingen geht es auf die Autobahn. Die A38 ist nur für Pilger reserviert. Eine erste Polizeikontrolle steht an der Abfahrt Friedland, eine zweite an der Abfahrt Heiligenstadt. Es ist kaum noch ein Fahrzeug auf der Autobahn zu sehen. Wo sind die Pilger? Doch dann sind die ersten parkenden Busse auf der gegenüberliegenden Fahrseite zu sehen. Schier endlos reiht sich ein Bus an den anderen. Auch unser Bus wendet auf der Autobahn. Die Leitplanken sind entfernt.

Feuerwehrleute weisen dem Bus einen Parkplatz zu Ein Ordner steigt ein. Busfahrer Bermes und Pilgerführerin Kopp geben ihre Handynummern bekannt. Nach der Vesper sollen die Pilger so schnell wie möglich zum Bus zurückkehren. Wer den Weg nicht findet, soll sich per Handy melden. Dann beginnt der kilometerlange Fußweg. Die Wege sind geschottert, zum Teil auch asphaltiert.