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Papst im Eichsfeld Wenn Benedikt XVI. auf Luthers Spuren wandelt
Die Region Duderstadt Themen Papst im Eichsfeld Wenn Benedikt XVI. auf Luthers Spuren wandelt
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17:59 15.09.2011
Von Ilse Stein
Imposanter Hintergrund für die Papstmesse auf dem Erfurter Domplatz: der Dom und die Severikirche (r). Quelle: Thüringen-Tourismus
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So sehen denn auch die meisten Erfurter etwas ratlos dem Trubel rund um den Papstbesuch zu. Was sie aber nicht hindert, ihr gut organisiertes und ausgebautes Tourismus-Programm nun um die Variante „Auf den Spuren des Papstes“ zu erweitern. Wer also künftig Erfurt besucht, wird nicht nur all die Kirchen und Gedenkstätten Martin Luthers erleben oder die historische Synagoge mit ihrem sehenswerten Silberschatz besichtigen: Er wird auch in den Fußspuren von Benedikt dem XVI. wandeln können.

Der wiederum am 23. September auf Luthers Wegen schreiten wird, was man allgemein als einen großen Schritt im Sinne der Ökumene betrachtet wird. Wobei – wir können es auf einer kleinen Journalistenreise zwischen Erfurt und dem zweiten Papst-Besuchsort Etzelsbach erleben – die Erwartungen durchaus unterschiedlich sind. Während etwa unsere protestantischen Gesprächspartner manchmal gar auf eine Anerkennung ihrer Kirche durch den Papst hoffen, sehen es die Katholiken unter unserern Begleitern bereits als große Geste, dass er überhaupt hierher – nach Ostdeutschland, nach Erfurt und vor allem ins stets wegen seines unbeirrten Glaubens besonders geplagte Eichsfeld reist.

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Zunächst aber Erfurt: Hier im Augustinerkloster lebte Martin Luther von 1505 bis 1512 als Mönch der damals noch einheitlichen Kirche, ehe er 1517 mit seinem berühmten Thesenanschlag in Wittenberg im heutigen Sachsen-Anhalt zum Reformator wurde. Hier, genauer gesagt im Kapitelsaal des Klosters, wird sich das Oberhaupt der Katholischen Kirche am Freitag, 23. September mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche (EKD) treffen. Der Raum wird zurzeit noch restauriert. In der Kirche des Klosters, dort, wo Luther einst zum Mönch geweiht wurde, wird er einen ökumenischen Wortgottesdienst und eine Predigt halten. Ein Ort, den künftige Erfurt-Touristen natürlich ebenfalls gesehen haben müssen. Denn hier wird erneut, davon sind die Erfurter überzeugt, Kirchengeschichte geschrieben. Ebenso wie auf dem beeindruckenden Domplatz, den der Besucher eher von den alljährlichen Weihnachtsmärkten kennt. 27 900 Pilger werden auf dem streng abgesperrten Platz vor dem Dom und der Severikirche erwartet. Die Sicherheitsvorschriften, so lästert ein Organisator, glichen denen eines Warschauer-Pakt-Treffens.

Während in Erfurt also interessierte Pilger keine Chance mehr haben, den Papst live zu erleben, sieht das im eineinhalb Autostunden entfernten Etzelsbach anders aus. Hier ist Platz für bis zu 100 000 Menschen. Bei der Pressereise wird die Fahrzeit dorthin wird genutzt, den Journalisten, die aus ganz Deutschland angereist sind, zu erklären, was es denn mit dem Eichsfeld so auf sich habe. Kein leichtes Unterfangen. Da gilt es zu klären, dass die historischen Grenzen des Eichsfeldes verwirren: Das Obereichsfeld liegt nicht oben, also im Norden, das Untereichsfeld nicht unten. Denn die Bezeichnungen beziehen sich auf die Höhenlage. Dazu kommt, dass die gewachsene Kultur- und Religionseinheit Eichsfeld inzwischen auf drei Bundesländer verteilt ist: Niedersachsen, Thüringen und einen kleinen Teil Hessen. Das Eichsfeld war, mit kurzem protestantischen Zwischenspiel im 16. Jahrhundert, immer katholisch, weshalb es hier eine Vielzahl kunsthistorisch bedeutender Kirchenbauten gibt. Dazu regelmäßige Gottesdienste und Wallfahrten – selbst zu kirchenfeindlichen DDR-Zeiten.

Aus diesem Grund fühlen sich die Eichsfelder auch besonders geehrt, dass der Papst ihre Kirchentreue mit einem Besuch in Etzelsbach belohnt. Was zwar nicht der bedeutendste Wallfahrtsort im Eichsfeld ist – als solcher gilt der Hülfensberg. In der Kapelle ein Marienbild – eine Pieta, also mit einer plastischen Darstellung von Maria mit Jesu Leichnam in ihrem Schoß. Neben der kleinen Wallfahrtskirche liegt ein Riesenacker, von einem Bauern der Kirche für diese Wochen überlassen, auf denen gut 100 000 Menschen die Marienvesper mit dem Papst erleben können.

Die Sage (ähnliche gibt es auch für andere Wallfahrtsorte) erzählt, dass eines Tages ein Bauer die Äcker hier pflügen wollte. Da seien seine Pferde an einer bestimmten Stelle immer wieder auf die Knie gefallen. Der Bauer begann dort zu graben und entdeckte unter dem Ackerboden das Marienbild. Die Kapelle entsteht, und noch heute gibt es in Etzelsbach am 2. Sonntag nach dem 2. Juli „Pferdewallfahrten“, zu der durchschnittlich 7000 Wallfahrer kommen. Seit 1978 werden während dieser Wallfahrt auch Pferde gesegnet: beim Umritt um die Kapelle, nach der Wallfahrtsmesse und nach der Andacht.

Thüringen verdankt dem Papstbesuch also zwei neue touristische Attraktionen.

Informationen

Das protestantische Augustinerkloster Erfurt bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten an. Einfache Räume ohne Fernsehen, Radio oder Telefon. Hervorragende Lage mitten in der Stadt.Telefon: 0361/ 57660-0
www.augustinerkloster.de
Unterkunft in der Nähe von Etzelsbach: Hotel Alte Dorfschule, Hauptstr. 51, 37339 Berlingerode, Tel. 036071 9137-0
www.alte-dorfschule.net/
Mitten im thüringischen Eichsfeld: Waldhotel Restaurant Klostermühle, 37359 Effelder,
www.Waldhotel-Klostermuehle.de
Lektüre: Andreas Anhalt: Etzelsbach, Wallfahrtsort des Papstes, Mecke-Druck und Verlag Duderstadt, 2011, fünf Euro. Die Kirchen im Eichsfeld: Sonderausgabe zum Benedikt-Besuch, Mecke-Verlag Duderstadt, 16,95 Euro