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Wir im Eichsfeld Ansichten sind so vielfältig wie die Betrachter
Die Region Duderstadt Themen Wir im Eichsfeld Ansichten sind so vielfältig wie die Betrachter
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12:09 11.11.2010
Positives Image für das Eichsfeld: Mit dem Schloss in Gieboldehausen wirbt der Heimatverband Eichsfeld.
Positives Image für das Eichsfeld: Mit dem Schloss in Gieboldehausen wirbt der Heimatverband Eichsfeld. Quelle: Mischke
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Im Gasthaus „Zur Tanne“ in Duderstadt übernachtete der Dichterfürst auf seiner Reise nach Mühlhausen. Hier hat ihm die Aussicht aus dem Fenster seiner Unterkunft nicht behagt. Der Friedhof neben der Unterkirche störte „sein empfindliches Gemüt“. Und sonst den Frauen zugetan, schrieb er 1801 über die Eichsfelderinnen: „... das weibliche Geschlecht von hässlichem Gesicht, keine Farbe im Gesicht“.

Solche Ansichten scheinen sich geboten zu haben, wenn man im späten 18. Jahrhundert durch das ländlich geprägte Eichsfeld reiste. Hier herrschte Armut in den bäuerlichen Großfamilien, und über schlammige Lehmstraßen spülte vermutlich so manches Unappetitliche. Ein anderer berühmter Dichter, Theodor Storm, war von 1856 bis 1864 Kreisrichter in Heiligenstadt. Er schrieb über das Eichsfeld: „Ich weiß nicht, dass ich von der zauberhaften Schönheit eines Erdenfleckens so innerlichst berührt worden wäre.“ Und Lob in höchsten Tönen ist auch im Eichsfeldlied von Heimatdichter Hermann Iseke zu hören, das er 1901 veröffentlichte: „Hast du mein Eichsfeld nicht geseh’n – Mit seinen burggekrönten Höh’n – Und kreuzfidelen Sassen – Dein Rühmen magst du lassen“, so ein Auszug aus der fünfstrophigen Hymne.

Trotz aller Heimatliebe kämpft die Region mit Problemen, deren Ursprünge zum Teil mit der Lage und Geschichte zusammenhängen. Da man ab Mitte des 20. Jahrhunderts für 40 Jahre Zonenrandgebiet war, fehlte es lange Zeit an Verkehrsanbindungen. Von jungen Menschen ist oft zu hören: „Hier ist doch nichts los“, und damit meinen sie nicht nur das – im Vergleich zu Ballungsgebieten – eingeschränkte Kultur- und Freizeitangebot.

Ausbildungsplätze und Jobangebote gibt es nicht im Übermaß, und so ist die demografische Entwicklung im ländlichen Eichsfeld bedenklich. Um dem entgegen zu wirken, schließen sich immer mehr Verbände, Organisationen und Initiativen zusammen, erarbeiten gemeinsam Strategien gegen eine alternde, schrumpfende Gesellschaft. Die Duderstädter Initiative „Masterplan 2020“ und das Projekt „Dorf 2020“ für Hilkerode und Breitenberg sind dafür zwei prominente Beispiele.

Die Ansichten über eine Region sind so vielfältig wie ihre Betrachter und die jeweiligen Epochen. Mit professionellen Marketing-Strategien bemüht sich heute der Heimat- und Verkehrsverband Eichsfeld (HVE), potenziellen Besuchern ein möglichst attraktives Bild vom Eichsfeld zu vermitteln. Dabei setzt man auch auf die Zusammenarbeit mit überregionalen Organisationen wie der Deutschen-Tourismus-Zentrale. „Die Leute stoßen zunächst über Print-Medien oder über Fernsehberichte auf das Eichsfeld, dann erst suchen sie im Internet genauere Informationen“, weiß Jens Kuhr als Geschäftsführer des HVE. Über ansprechende Web-Seiten, aber auch über Broschüren – mit spezifischen Themen wie „Burgen“ oder „Wandern“ - sollen Gäste in die Region gelockt werden.

„Allerdings sind die Besucher nur zufrieden, wenn sie das bekommen, was ihnen über die Werbung versprochen wurde“, betont Kuhr. So arbeite man mit Gastronomen, Verbänden und Unternehmen zusammen, um genau das vorteilhaft zu präsentieren, womit das Eichsfeld punkten könne: Natur, Kultur, Architektur und Geschichte. Kuhr hebt hier besonders die Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze und dem heutigen Grünen Band hervor, aber auch die Verbindung mit Genuss. „Dabei ist nicht nur die kulinarische Seite gemeint – mit Kälberblase, Käse und Kartoffelschnaps – sondern auch Musikgenuss, Architektur und Ästethik allgemein“, so der Tourismus-Fachmann. Heute ließen sich die Besucher nicht mehr in Kategorien einteilen wie „Wanderer“ oder „Städtereisender“, sondern die Gäste suchten die Verbindung von attraktiven Erlebnissen.

„Wer eine Radtour unternimmt, freut sich, wenn er unterwegs noch Gelegenheit hat, ein interessantes Bauwerk zu besichtigen“, nennt Kuhr ein Beispiel. „Nach oben ist noch viel offen“, weiß er und verweist auf Zielgruppen wie Familien mit Kindern und Kurzurlauber. Ideen für Touristen, aber auch für einheimische Genießer, gebe es reichlich, nun arbeite man an der Umsetzung und Finanzierung. Hätte Goethe heute nochmal die Gelegenheit, in das Eichsfeld zu reisen und Stätten wie die Heinz-Sielmann-Stiftung, den Worbiser Bärenpark, das Grenzlandmuseum und das Grüne Band oder den Seeburger See und den Naturpark Falkenhagen zu besuchen – vermutlich würde er seine Ansichten heute anders formulieren. Bis auf den Nebel im Herbst hat sich schon einiges geändert.

Von Claudia Nachtwey