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Wir im Eichsfeld Das Untereichsfeld: Ein Meer von Bootsfahrern
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12:45 16.11.2010
Wassersport: Die Segler am Seeburger See veranstaltet jährlich mehrere Regatten auf dem größten Gewässer Südniedersachsens.
Wassersport: Die Segler am Seeburger See veranstaltet jährlich mehrere Regatten auf dem größten Gewässer Südniedersachsens. Quelle: SPF
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Denn wer Meerwasser, Fische und Yachten auf dem Wasserwege erreichen will, könnte höchstens den Weg von der Rhume über Leine und Weser in die Nordsee nehmen. Dabei wäre er – schwimmend – eine ganze Weile unterwegs, schiffbar ist die Rhume erst ab Elversberg, kurz hinter Katlenburg.

Ein Wasserweg, der in früheren Zeiten genutzt wurde, wie der ehemalige Northeimer Stadtarchivar Hartmut von Hindte aus Lindau weiß. Und das mit Auswirkungen bis heute: Der niedersächsische Landtag ist quasi auf südniedersächsischem Holz gegründet. Aus dem Mandelbecker Forst nahe Katlenburg stammt das Holz, mit dem man im 18. Jahrhundert den Theaterneubau in der Residenzstadt Hannover errichtete. Transportiert wurde es über die Wasser der Rhume. Das Theater steht inzwischen nicht mehr, an seiner Stelle errichtete man den Landtag.

Dennoch: Die Bezüge des Eichsfelds zu Schifffahrt und Meer sind geografisch nur mittelbar herzustellen. Doch die eine oder andere maritime Überraschung schlummert auch in hiesigen Gefilden. Was liegt als erster Anlaufpunkt einer Spurensuche näher als der Seeburger See, mit einer Fläche von fast 90 Hektar und einem Volumen von 1,8 Millionen Kubikmetern das größte stehende Gewässer Südniedersachsens.

„Die Saison, die ist seit Ende Oktober vorbei“, erklärt der 46-jährige Matthias Kohlhase von der Segler-Vereinigung Seeburger See. Der Stegwart müht sich mit der unhandlichen Holztüre der Vereinsscheune, in der einigen der vereinseigene Boote den Winter über gelagert werden. Mit rund 180 Mitgliedern sind die Segler neben dem Wildwasser-orientierten Wassersportclub Gieboldehausen die größte Gruppe, die sich mit Booten auseinandersetzt. Drei bis vier Regatten mit überregionaler Beteiligung pro Jahr veranstaltet der Verein.

Kohlhase selbst ist über den Urlaub am Meer zum Segeln gekommen, erzählt der Seeburger, der vor 25 Jahren in den Ort gezogen ist. „Ich habe immer auf den See geschaut, da wollte ich auch.“ Zwar sei es wesentlich intensiver, den Sport auf dem „großen Teich“ auszuüben, „wo man stundenlang in eine Richtung fahren kann“. Doch an diesem stürmischen Herbsttag wirkt auch der Wind am Ufer des Gewässers schon wie eine Steife Brise. Schon die Kinder können im Verein mit eigenen Booten das Handwerk lernen, in verschiedenen Bootsklassen geh es dann hoch bis zur 505er-Bootsklasse, einer Zweimann-Jolle mit Trapez, Spinnaker und einer Segelfläche von 16,3 Quadratmetern.

Mehr als 10 000 Euro könne man für ein solches Boot schon hinlegen. Sogar einen Chefreparateur hat der Verein. Der Diemardener Dirk Hirschfeld hat sich selbstständig gemacht, Kunststoffreparaturen aller Art sind sein Gebiet. Damit ist er prädestiniert – denn die Segelboote sind bis auf wenige Ausnahmen alle aus „Plastik“. Quasi die gesamte Seeburger Flotte hat er bereits überholt: Löcher stopfen, Beschläge neu anbringen, Umbauten umsetzen. Es sei sehr überraschend, wie verbreitet Segel- und auch Motorboote in der Region seien, meint Hirschfeld. „Fahren sie mal im Winter durch die Gegend und schauen in die Garagen. Es gibt immer mehr Menschen, die einen solchen Sport als Ausgleich betreiben.“ Hirschfeld ist auch das Bindeglied zum einzigen Anlaufpunkt in der Region, der wirklich mit größeren Booten, mit Yachten, zu tun hat. Denn auch sie sind zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Kunststoff, der hin und wieder geflickt werden muss.

22 amerikanische Motorboote der Marke „Chaparral“ befinden sich in der Halle von Tibus-Boote in Rhumspringe. Das Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Schickert-Werke, später das Kohlekraftwerk der Preußen Elektra AG, ist 100 Meter lang und 30 Meter breit. Klaus-Dieter Schallehn, Geschäftsinhaber, widmet sich seit mehr als 30 Jahren solchen Schiffen, vom kleinen Sportboot bis hin zur 13-Meter-Yacht, in Versionen von 30 000 bis 800 000 Euro. „Es ist erstaunlich, wie viele Bootsfahrer es im Eichsfeld gibt“, sagt er.

Allerdings bewegen sich die einheimischen Käufer der „Männerspielzeuge“ vornehmlich in der Kategorie der kleineren Sportboote. Auf Weser oder Fulda seien sie beispielsweise unterwegs, seit man auf der Odertalsperre aus Gewässerschutzgründen nicht mehr fahren darf. „Bootsfahren ist mehrdimensional, wie Fliegen“, erklärt er die Faszination des „einzigen Hobbys für die ganze Familie“. Warum sich das Unternehmen im Untereichsfeld niedergelassen hat, sei leicht zu erklären. „Wir liegen hier in der Mitte von Deutschland.“ Da störe es nicht, dass das Meer weit entfernt liege.

Daran stört sich auch Peter Palmai nicht. Der Duderstädter Schiffsingenieur handelt mit Ersatzteilen für die großen Kähne. Teile für Schiffsmotoren sind sein Metier. Eine echte Nische, die er sich seit 1989 gesucht hat. 13 Jahre lang ist Palmai selbst zur See gefahren und doch immer wieder in seine Heimat zurückgekehrt. „Ich bin Duderstädter, es hat mich immer wieder hierher zurückgezogen.“

Von Erik Westermann