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Wir im Eichsfeld Die Fast-schon-Stadt und die Zeit, als alles ruhig war
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12:13 11.11.2010
Kein Verkehr: Vom Euzenberg aus sind die 16 000 Fahrzeuge, die täglich durch Westerode fahren, nicht zu sehen.
Kein Verkehr: Vom Euzenberg aus sind die 16 000 Fahrzeuge, die täglich durch Westerode fahren, nicht zu sehen. Quelle: Blank
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Eigentlich ist man schon lange ein „Vorort von Duderstadt“, sagt ihr Begleiter Ewald Diedrich. Das Schild an der Ortsgrenze zeigt: Zwei Kilometer bis in die Brehmestadt. Inzwischen dürfte das stark übertrieben sein, das Gewerbe hat sich auf gar nicht so leisen Sohlen bis vor die Tore von Westerode geschlichen. Aufgrund der Nähe zur Stadt unterschied man sich. Nachtwey: „Hier lief einiges anders, als in den Dörfern. Hier wurde kein Platt gesprochen, und eigentlich gehörte man bereits zu Duderstadt.“
Trotzdem war Westerode landwirtschaftlich geprägt und ist es in größerem Maße als andere Orte noch heute. Es gab 16 Landwirte, acht sind verblieben. Dazu kommen einige Gewerbebetriebe, von denen sich manche aufgrund der Anbindung im Ort niedergelassen haben dürften.

„Dort verlief die Bahn“, sagt Diedrich und zeigt auf das bebaute Gelände rechts und links der Bundesstraße 446. Links befindet sich das große Gelände des Baustoffhandels, rechts die Autoreparatur. Die Bahnlinie querte die Straße, die Schranken ließen die Autos warten, der Bahnwärter wohnte direkt neben der Strecke, erklärt der Ex-Brandmeister. „Kann man sich gar nicht mehr vorstellen.“ Bis in die 1980er-Jahre sei die Bundesbahn gefahren. „Rechts war die Bahnhofsstraße“, dort schlängelt sich heute ein halb überwachsender Weg in die Büsche.

Der Verkehr auf Schienen prägte das Dorf. Unweit von Diedrichs Haus im Neubaugebiet lief die Gartetalbahn. „Der Hügel“, er weist auf einen Sandberg am Straßenrand und das fehlende Gegenstück auf der anderen Seite, „darauf lag die Brücke, über die sie fuhr.“ Denn Westerode hatte zwei Bahnhöfe: ab Ende des 19. Jahrhunderts den der Reichs-, später Bundesbahn, ab 1907 den der Gartetalbahn. Diese Schmalspurbahn führte von Duderstadt nach Göttingen. „In 158 Minuten kam man hin und zurück“, weiß der 78-Jährige. Seine 64-jährige Begleiterin ergänzt mit geschlechterspezifisch unterschiedlicher Wahrnehmung: „Im Waggon stand: Blumen pflücken während der Fahrt verboten.“ 1934 wurden die Schienen abgebaut.

Unweit der Bahnquerung an der Hauptstraße spielte Diedrich in seiner Jugend Fußball. „Der alte Zimmerplatz war unser erstes Fußballfeld.“ Kein Sportzentrum, wie es der Ort heute aufweist, mit Angelteich, Schützenhaus und Rasenflächen. Obwohl er das Zentrum in der Blumenau „eine richtig runde Sache“ findet. „Richtig schön.“ Und richtig angenommen werde es auch. Nur einen Wermutstropfen sehen Nachtwey und Diedrich. Der weite Weg dorthin, da müsse man für die Feiern fast schon mit dem Auto fahren. Das war anders, als die Schützen ihre Bahn und ihre Feste im Gasthaus Kellner hatten. „Was haben wir da gefeiert“, erinnert sich der Mann mit dem weißen Haar und drückt seine Begleiterin an sich, während er an der Brücke über die Nathe steht. „Unser Fluss“, sagt er lachend. An dessen Ufer steht die Hindenburgeiche, die bis zum Kriegsende einen Nachbarn hatte. Doch die Hitlereiche habe man „sofort umgehauen“.

Heute wird Westerode von der Durchgangsstraße dominiert. Die Besiedlung entlang des Verkehrsweges ist oft nur ein Haus tief. „Die Umgehung...“, sagt Diedrich, während er mit Nachtwey an seiner Seite die Bundesstraße entlang auf die Mehrzweckhalle zuläuft. Der Rest des Satzes wird von Otto- und Diesel-Motoren verschluckt. Was er sagen wollte: „Die Umgehung, da warten alle drauf.“ Die klingelnden Radfahrer hinter den beiden sind erst zu hören, als sie den Fußgängern fast in die Hacken fahren. Auf dem Asphalt selbst fährt niemand Rad.

Alle Wege führen durch Westerode: Über die Nebenstrecke von Göttingen, über den Roringer Berg, alle preschen durch das 750-Einwohner-Dorf. Die Lastkraftwagen, die Autos, die Motorräder, Trecker, Schlepper, Busse. Summa summarum 16 000 Fahrzeuge pro Tag. Schon wenige Meter abseits des Hauptverkehrs sitzt ein älteres Paar auf einer Bank in der Sonne und genießt die relative Ruhe.

In Stoßzeiten wird das Überqueren des „Highways“ zu einem kleinen Abenteuer. Schließlich ist es geschafft, Diedrich und Nachtwey stehen vor dem Pfarrheim. Neben der Mehrzweckhalle ist es ein Zentrum des dörflichen Lebens; und mit der Wohnung im ersten Stock auch neuer Lebensort von Wolfgang Damm, dem ehemaligen Propst der Stadt. Eine Tatsache, auf die sie mehr als stolz sind.

Gegenüber erhebt sich St. Johannes Baptist. Nachtwey und Diedrich schauen sich im Inneren musternd um. „Wirklich eine schöne Kirche, das sagen alle, die herkommen“, meint Diedrich. Nachtwey, stimmt ihm zu. Die Türe ist geöffnet, die Geräusche der Straße dringen nur leicht gefiltert herein.
Für die beiden ist die katholische Kirche der Dorfmittelpunkt. Eulen lebten im Turm, vielleicht gaben sie den Bewohnern ihren Spitznamen, mutmaßt Diedrich. „In den Kriegsjahren war alles dunkel. Wenn jemand schwarz schlachtete, hörte man die Eulen piepen.“ Doch im Zuge der späteren Renovierungsarbeiten und mit dem zunehmenden Straßenlärm verschwanden die Eulen, obwohl man bei den Erneuerungsarbeiten ein kleines Loch für sie gelassen hatte. Oben in der Kuppel, erinnert sich Diedrich, ist man bei der Restaurierung gleich zweimal auf Dokumente gestoßen, die dort abgelegt worden waren und die von 1900 und 1950 stammen. Diedrich: „Alles, was so passiert ist im Dorf, wer welches Amt hatte und dergleichen.“

Lange ist sie her, diese Zeit. Eine Zeit, in der es „kein Telefon gab, kein Fernsehen, keinen Verkehr. Alles war so ruhig.“ Beim letzten Fund haben sie neue Unterlagen dazu gelegt. Vielleicht geraten die Papiere wieder in Vergessenheit. In 50 Jahren öffnen die Westeröder das Behältnis und legen neue Berichte hinzu. Berichte von der Ruhe, die im Ort mit der Umgehung dann vermutlich wieder eingekehrt ist.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Westerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 10. November. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.