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Wir im Eichsfeld Eichsfelder sind Teil des wandernden Gottesvolks
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12:24 04.11.2010
„Pilgern spielt im religiösen Leben wichtige Rolle“: Im Untereichsfeld ist die Kapelle auf dem Höherberg Ziel von Wallfahrten.
„Pilgern spielt im religiösen Leben wichtige Rolle“: Im Untereichsfeld ist die Kapelle auf dem Höherberg Ziel von Wallfahrten. Quelle: Blank
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„Christen machen sich auf den Weg, weil Sorgen sie belasten, oder weil sie voller Dank über Gottes Eingreifen sind“, erzählt er. Die Wallfahrer erleben unterwegs, dass letztlich ihr ganzes Leben ein Pilgern hin zu Gott ist. Sie erfahren Gemeinschaft, beschreibt Kaminski die Faszination des Wallfahrens. Der Hilkeröder Pilger Matthias Völkel ergänzt: „Auf dem Weg reduziert sich alles auf die Fragen, wo bekomme ich heute Abend etwas zu essen, wo werde ich schlafen.“

Der Berufssoldat im Ruhestand ging im vergangenen Jahr zu Fuß die mehr als 3000 Kilometer von Hilkerode nach Santiago de Compostela in Nordspanien. „Alle Alltagssorgen, die einem sonst beschäftigen, erscheinen mit einem Mal als unwichtig“, so Völkel. Der Kopf werde frei. Der Hilkeröder sah die Natur um sich in ihrer ganzen Schönheit. Er dachte darüber nach, wer er ist und wo er steht. „Es hat sich etwas geändert“, meint er im Rückblick.

Völkels Tipp für Pilger: „Gehen Sie von Zuhause los.“ Dann ist seiner Beobachtung nach das Gefühl am stärksten, alles hinter sich zurückzulassen. Auch zur Großen Wallfahrt nach Germershausen pilgert er zu Fuß. Das hält Pfarrer Kaminski für eine gute Anregung. „Auf den Höherberg kommen immer mehr Menschen mit dem Auto“, hat er beobachtet. Nach dem Gottesdienst steigen die Menschen wieder in ihre Wagen und fahren in langer Kolonne den Berg herunter. Das Erlebnis der Gemeinschaft, das zur Ruhe Kommen gehe dadurch verloren, bedauert Kaminski.

Die veränderten Pilgersitten sind auch Werner Grobecker aus Gieboldehausen aufgefallen. Nächstes Jahr wird er zum 40. Mal ins fränkische Vierzehnheiligen wallfahren. Einst gingen die Eichsfelder zu Fuß dorthin. Auch der Hilkeröder Völkel ist die Strecke über den Thüringer Rennsteig bis Coburg und dann ins Frankenland bereits gelaufen. Grobeckers Generation, die nach dem Krieg zur Welt kam, nahm bereits den Sonderzug ab Duderstadt. Geschlafen wurde anfangs noch in Massenquartieren auf Stroh. Zum Waschen gab es nur kaltes Wasser. Mit Hochachtung erinnert sich Grobecker an den Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen, der die Pilger immer an drei Wallfahrtstagen begleitete. Einmal mussten sie bei strömendem Regen vom Bahnhof nach Vierzehnheiligen laufen. Jemand wollte dem Bischof ein Taxi rufen, doch der Hirte winkte ab. Er werde seine Herde nicht allein zurücklassen, erklärte er. „Heute kommen die Bischöfe meist nur noch für einen Tag“, bedauert Grobecker.

In den ersten Jahren zogen die Christen noch 14 Mal um den Gnadenaltar. 14 rot-weiß gekleidete Kinder hatte dort 1446 Schäfer Hermann Leicht in einer Vision gesehen. Der Schäfer erfuhr, dass sie die 14 heiligen Nothelfer waren. Sie wollten an diesem Ort „gnädiglich rasten“. So entstand der Wallfahrtsort Vierzehnheiligen. „Damals durften wir nach den Umkreisungen in die Gruft unter dem Altar, wo einst die Erscheinung gewesen war“, erzählt Grobecker. Die Pilger berührten mit dem Taschentuch den Boden und die Füße der Heiligenfiguren. Das Tuch wurde anschließend in hohen Ehren gehalten.

Grobecker berichtet von der entspannten Stimmung, die unter den Eichsfelder Vierzehnheiligen-Pilgern herrsche. Man treffe viele Menschen. Die Geselligkeit bei dem einen oder anderen Nothelfertrunk aus der örtlichen Brauerei komme nicht zu kurz. Von der besonderen Stimmung auf Wallfahrten weiß auch Pfarrer Kaminski zu berichten. „Die Menschen sind offen“, erzählt er. Oft würden sich tiefgründige Gesprächen ergeben. Menschen nutzten das Sakrament der Beichte.

Die Eichsfelder in der Fremde nutzen die Wallfahrten, um mal wieder in die Heimat zu kommen. Sie haben aber auch eigene Pilgertraditionen begründet. So wallfahren sie seit 1924 alljährlich am Dreifaltigkeitssonntag, dem Sonntag vor Pfingsten, zum Bild der „Schmerzhaften Mutter“ in der Marienkirche von Bochum-Stiepel. Das Kunstwerk entstand zu Beginn des 15. Jahrhunderts und überstand die Wirren der Reformationszeit. Als es 1920 wieder aufgehängt wurde, kamen die ersten Pilger und bald auch die Eichsfelder.

Von Michael Caspar