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Wir im Eichsfeld Fastnachtstrubel, dicke Bauern und eine optische Täuschung
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19:04 23.11.2010
Am Rande des Höherbergs: Das Dorf liegt zwei Kilometer entfernt von der Wallfahrtskapelle, die von Windrädern umkreist ist.
Am Rande des Höherbergs: Das Dorf liegt zwei Kilometer entfernt von der Wallfahrtskapelle, die von Windrädern umkreist ist. Quelle: Pförtner
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Der Grund dürften die beiden Alters- und Pflegeheime sein, gemeinsam der größte Arbeitgeber im Dorf mit Personal aus mehreren Landkreisen, wie die Kennzeichen ausweisen. Um die Kirche, wo Manfred Bodmann und Rüdiger Pump für den Ortsrundgang bereitstehen, ist schon mehr Raum. Auch wenn das nicht immer so war, denn der Platz um das Gotteshaus war lange eng bis an das Gebäude bebaut. Heute befindet sich nebenan noch der größte Bauernhof des Ortes. Die Häuser, die drumherum entstanden, mussten weichen, wie sich der 74-jährige Bodmann erinnert. Ortsheimatpfleger Pump zückt aus einer Mappe ein Foto, mit dem er Bodmanns Erinnerung visuell untermauert. Auch das Innenleben der Kirche hat sich verändert – von den üppigen Wand- und Deckengemälden ist nichts mehr zu sehen. Einen kirchenhistorisch versierten Besucher auf Stippvisite bei Bodmann hatte der Anblick zu dem Ausspruch motiviert: „Ihr hattet wohl Geld.“ Und so war es. Das Dorf hatte einige „dicke Bauern“, sagt der gebürtige Wollbrandshäuser Bodmann und Pump nickt, während er seine laminierten Fotos sortiert. Der aus Schleswig-Holstein stammende Küchenmeister hat eine umfassende Bildsammlung des alten Gebäudesbestands angelegt.

An der Kirche startet auch die Prozession zum Höherberg berichtet Pump, der nach seinem Zuzug vor 15 Jahren zum Katholizismus konvertierte. „Von hier aus läuft der Zug durch die Stinkegasse“, sagt er und schreitet den Weg ab. Warum sie so heißt, ist „offenruchbar“. Er führt durch einen schmalen Gang zwischen zwei Höfen. Pump: „Wenn man hier einen tiefen Zug nimmt, ist man satt.“ Die große Wallfahrt am zweiten Sonntag im Juli sei mit „Maria in der Wiese“ in Germershausen die größte Veranstaltung dieser Art im Untereichsfeld. „Die Menschen kommen aus Bremen, Goslar, dem Harz“, beschreiben die zwei Wollbrandshäuser. Der Höherberg gehörte übrigens nie zum benachbarten Bodensee, meint Bodmann. „Das behaupten die nur.“

An einem Wegekreuz auf einer kleinen Straßeninsel im Ort holt Pump wieder ein laminiertes Bild hervor, Bodmann versieht es mit Geschichten. „Einmal im Jahr muss ich hier ran. Denn unter den Bäumen regnet es zweimal, sag ich immer.“ Das Holz fault, die Christusfigur samt Platte leidet. „Irgendeine Leiste ist immer kaputt.“
„Hier ist eine geschichts-
trächtige Stelle“, setzt Pump vor dem Dorfgemeinschaftshaus an. Der Ort war Dreschplatz, diente als Kittchen (auch „Franz-Josef-Stift“ genannt, nach Franz Kurth und Josef Bodmann, die wegen Diebstahls eines Fasses Bier einsaßen), hier stand das alte Spritzenhaus. Und nebenan, unter dem Schützenhaus, befindet sich ein Relikt der Vergangenheit, weiß Bodmann: ein Findling mit Hakenkreuz und Stahlhelm. Das magmatische Gestein hatte das Ehrenmal geziert, das wenige Meter weiter im Jahre 1934 eingeweiht worden war. 25 Stufen führten hinauf. Und als der Krieg verloren war, kugelte man den Stein hinunter und verbuddelte ihn.

Unter einem neueren Bau dürften keine derartigen Altlasten ruhen. Gleich hinter dem Ortsausgang haben die Dörfler ihr Blockheizkraftwerk errichtet, als Teil der Bioenergiegenossenschaft Wollbrandshausen-Krebeck. Seit drei Monaten werde er als einer der ersten im Ort versorgt, erklärt Pump. „Bislang wird die Bioenergie gut angenommen.“
Der Wagen der mobilen Sparkasse tuckert die Hauptstraße entlang in Richtung Kirche. Dabei steht doch eine Bank an der Abzweigung in Richtung Seeburg? „Nee, nee. Das ist nur vorgetäuscht. Ist seit Jahren geschlossen“, bringen beide grinsend Licht ins Dunkel der örtlichen Finanzlandschaft.

Kurz darauf saust mit Blaulicht ein Krankenwagen vorbei – diesmal ist nichts vorgetäuscht. Fast täglich kämen die Notfallmediziner in das Dorf. „Das bleibt nicht aus“, meint Pump. Es seien halt eine Menge ältere Menschen, die im Haus Elisabeth, dem ehemaligen Schulgebäude, untergebracht sind. Ab 1977 stand das Gebäude leer, 1982 wurde es zum Pflegeheim umgebaut. Und daneben existiert noch das Haus „Drei Linden“, das sich speziell Menschen mit Demenz widmet. Gelegentlich höre man auch schon einmal Vermisstenmeldungen im Radio.
Besonders lustig ist dieses Thema nicht. Für ein anderes prägendes Element im dörflichen Leben gilt das umso mehr. Vor über hundert Jahren wurde die Fastnacht im Dorfe zum ersten Mal gefeiert. Der Ursprung laut Bodmann: „Das Wetter war Mist, da wurde in der Kneipe das Ganze ins Leben gerufen.“

Der Unkundige solle „das Ganze“ nur um Himmels Willen nicht Karneval nennen, meint der Fastnachts- und Theatergruppen-Experte Bodmann: „Die Alten werden sauer, wenn man von Karneval spricht.“ Schließlich beruhe die Bezeichnung auf Tradition. Wie die Fastnacht so sei? „Fünf Tage voll“, murmelt er und verschluckt den Rest des Satzes. Voller Spaß, voller Heiterkeit oder doch in Hinblick auf flüssige Hemmungsabbauer? Es bleibt offen – wahrscheinlich von allem etwas. Von dem Ausnahmezustand weiß auch Pump ein Lied zu singen. „Fastnacht ist ein echtes Highlight.“ Zu dieser Zeit sollte man das Parken in Wollbrandshausen lieber meiden, sonst wird man „verdonnert“, muss einen Schnaps trinken und Strafe zahlen – wegen des Verstoßes gegen närrische Regeln. Aber auch das Durchfahren kann gefährlich sein: Es sollen durchaus schon Autos angehalten worden sein.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Wollbrandshausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 17. November. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.