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Wir im Eichsfeld Munteres Hin und Her über die grüne Grenze
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19:07 23.11.2010
Blick von der Roten Warte nach Ecklingerode: In den ersten Jahren bildete ein einfacher Stacheldrahtzaun die innerdeutsche Grenze.
Blick von der Roten Warte nach Ecklingerode: In den ersten Jahren bildete ein einfacher Stacheldrahtzaun die innerdeutsche Grenze. Quelle: Aus „Die Grenze im Eichsfeld“, Verlag Göttinger Tageblatt, 1991, ISBN 3-924 781-20-6.
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Dort, wo heute das Grüne Band verläuft, befand sich in den Jahren 1945 bis 1949 die grüne Grenze, die Demarkationslinie zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone. Während die folgenden Jahrzehnte des Grenzregimes vielen Menschen noch in Erinnerung oder für jüngere Generationen historisch aufbereitet sind, ist diese frühe Phase der Nachkriegszeit im kollektiven Gedächtnis der Deutschen nicht mehr so präsent.

Die Ausgangslage war die Aufteilung Deutschlands zwischen den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges. Im Südwesten hatten französische, im Südosten amerikanische Truppen den besiegten Gegner besetzt. Im Eichsfeld grenzten die britische Zone, im Nordwesten, und die russische Zone im Osten Deutschlands aneinander. Für deutsche Zivilisten war ein Überschreiten der Grenzlinie nach 1945 nicht erlaubt. Erst später wurden Passierscheine eingeführt, die spärlich ausgegeben wurden. Tatsächlich aber bot sich den Menschen im Ober- und Untereichsfeld in den ersten Nachkriegsjahren manche Möglichkeit, in die jeweils andere Zone besuchsweise oder auch für immer zu wechseln.

Die Grenzlinie war lediglich durch Markierungen an Bäumen gekennzeichnet, an den noch vorhandenen Wegen standen notdürftig zusammengezimmerte Schlagbäume. Bewacht wurden die Grenzverläufe von Soldaten, deren Kontrollgänge bekannt und einfach abzuwarten waren. Nicht selten konnte der Grenzgang auch mit Hilfe kleiner Geschenke an die Soldaten erkauft werden.

So herrschte auch im Eichsfeld in den ersten Jahren nach 1945 ein munteres Hin und Her, wobei insbesondere Ortskundige wenig Probleme hatten, die Seiten zu wechseln. Auch gab es nicht wenige Kenner der besten Schleichwege, die sich als Schleuser verdingten und dabei gutes Geld verdienten.
Im Duderstädter Bereich waren insbesondere der Pferde- und der Lindenberg bevorzugte Landschaftsteile, die eine einigermaßen sichere Passage zwischen den Zonen ermöglichten. Und ging es mal schief, brach die Welt auch nicht gleich zusammen. Die illegalen Grenzgänger wurden dann von den Soldaten festgehalten, zur Hierbeckschen Mühle (heute der große rote Kontrollturm am ehemaligen Grenzübergang) transportiert und dort in den Kellerräumen für ein oder zwei Nächte festgesetzt. Danach gab es eine Verwarnung und die Festgenommenen konnten wieder nach Hause gehen.

Über die noch bestehenden offiziellen Straßen waren in den Nachkriegsjahren andere, offizielle Transporte abzuwickeln: Flüchtlinge, Kriegsheimkehrer und Vertriebene zogen in langen Kolonnen nach Ost und West, je nachdem wo ihre Heimat lag. Sie mussten auf den Weg zu ihren Zielen begleitet werden.
Ihren weitgehend grünen Charakter verlor die Grenze zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone erstmals im Jahr 1949, als auf dem Gebiet der drei Westzonen die Bundesrepublik Deutschland und in der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik gegründet wurde. Die Überwachung der Grenzen übernahmen von da an die neuen deutschen Staaten, westdeutsche Grenz-Zöllner und die Volkspolizei der DDR. Von da an gestaltetet sich die Grenzüberwachung sehr viel exakter, gründlicher, preußischer als zuvor. Ein Passieren der Grenze war zwar immer noch möglich, aber doch sehr viel schwieriger und gefährlicher. Nur noch die professionell arbeitende Schleuser wagten sich weiter über die nicht mehr so grüne Grenze, und es gab manchen Zwischenfall bei denen die Bewacher gelegentlich auch von der Schusswaffe Gebrauch machten.

Mit der endgültigen und massiven Verfestigung der Grenze zwischen West und Ost wurde von Ostdeutscher Seite im Jahr 1952 begonnen, als entlang der Demarkationslinie ein zehn Meter breiter Kontrollstreifen angelegt und Stacheldrahtzäune installiert wurden. Über die Jahre hinweg wurde das Grenzbefestigungssystem von DDR-Seite aus zu einem perfiden und tödlichen System ausgebaut. Ähnliche Anlagen sind heutzutage nur noch in Nikosia auf Zypern und zwischen Nord- und Südkorea zu besichtigen.
Welche Entwicklung die innerdeutsche Grenze in den Folgejahren bis zum 9. November 1989 nahm, das kann ausführlich und anschaulich im neu konzipierten Grenzlandmuseum Eichsfeld besichtigt werden. Besonders Kinder und Jugendliche haben dort die Gelegenheit, einen Eindruck vom Leben im geteilten Deutschland zu gewinnen – eine Phase von 44 Jahren, die für die nachwachsenden Generationen nur noch ein Kapitel im Geschichtsbuch sind.

Von Sebastian Rübbert