Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wir im Eichsfeld Wipperpiraten, eine Milchbank und ein rundes Dorf
Die Region Duderstadt Themen Wir im Eichsfeld Wipperpiraten, eine Milchbank und ein rundes Dorf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:37 04.11.2010
Kirche ohne Glockenturm: Die Glocken sind in einem Gebäude gleich neben der Kirche untergebracht, wie es früher vielerorts üblich war.
Kirche ohne Glockenturm: Die Glocken sind in einem Gebäude gleich neben der Kirche untergebracht, wie es früher vielerorts üblich war. Quelle: Tietzek
Anzeige

Zwölf Festangestellte hatte der Hof einmal – die Saisonkräfte nicht eingerechnet. Jeder am Tisch hat in der Jugend dort geholfen: die 59-jährige Rosel Anker, die 71-jährige Rita Schwedhelm und natürlich der Pächter des Hofes, Conrad Ebert (45).

„Flachsrupfen, das habe ich gemacht“, sagt Schwedhelm, die burschikose, humorvolle Vorsitzende der Frauengemeinschaft. „Ich dachte: Oh Maria, das Feld hört nie auf.“ Ihre Augen sind kaum zu sehen unter dem breiten Lächeln. Anker verdiente sich Taschengeld dazu: „Du sollst nicht mit den Füßen auf die Rüben treten“, hatte der Mann, der die Arbeit überwachte, gesagt. Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Land, daran, wie die Arbeit das Gemeinschaftsgefühl stärkte, sagt Ebert.

Einen Fernseher gab es hier erst in den 60er-Jahren. Aber dass die Menschen sich, wenn die Zeit dazu blieb, auch anders zu beschäftigen wussten, wird auf dem Rundgang durch das Dorf deutlich. „Hier haben wir immer Federball gespielt“, meint Schwedhelm schalkhaft. Bei einer Partie „kam eine alte Jungfer herbeigelaufen.“ Die Dame echauffierte sich: „Du hast ja eine Hose an, das werd ich deiner Oma vertellen.“ Denn eigentlich hätten die Mädchen Röcke tragen müssen. Und beim Skat sind die Frauen – teils bis heute – nur eingeschränkt willkommen.

An der Straßenecke befand sich vor roten Ziegeln die Milchbank, an der die Kannen abgestellt wurden. Damals saßen gelangweilte Mädchen auf der Bank und musterten die Passanten oder tauschten sich in einer Federball-Pause aus, oder alte Männer schauten in Ruhe dem Treiben um sie herum zu. Die drei stehen im Halbkreis vor der Stelle, an der sich die Bank befand, und lachen. Heute steht sich dort ein Schild: „Desingerode 2 km“. Von der Milchbank keine Spur.

Ein paar Meter weiter hatte Schwedhelm ihr Lebensmittelgeschäft, 30 Jahre lang, von 1951 bis 1981. Ein Schaufenster in alte Zeiten, als die Bauern noch mit der Schubkarre bei ihr vorfuhren, um die Einkäufe nach Hause zu transportieren. Heute ist das Geschäft ein Wohnhaus, vor dem ein großer roter Fleck auf dem Straßenbelag klebt. Kein Mord sei hier passiert, meint Anker, es war nur ein Farbpott, der sich verselbstständigt hat.

Zwar liegt das Dorf etwas abgelegen, aber die Busanbindung, sagen die drei, sei gut. Wie zum Beweis hält ein gelber alter Schulbus und drei Kinder steigen aus, ihren wartenden Müttern in die Arme. Dass es keine Geschäfte mehr gibt, außer der Bäckerei, löst bei den Bewohnern trotz der guten Anbindung keine Begeisterungsstürme aus. Genauso wenig, wie die Busfahrer begeistert sind, wenn der einzige Milchbauer seine Kühe morgens und abends durch den Ort treibt. „Das gibt es ja sonst auch fast nicht mehr“, meint Ebert. „Wir können uns ja noch glücklich schätzen, dass es hier noch Kühe zum Anfassen gibt.“

Das kleine Dorf bemüht sich – wie die meisten Orte – nach Kräften, Dinge anzustoßen, betont Anker, die im Bürgerbüro arbeitet. Die ehemalige Dorfschule wurde zum Bürgerhaus ausgebaut, der angrenzende Schulgarten um die Kirche herum von einem Urwald in einen Miniaturpark verwandelt. Dahinter fließt die Wipper, sie teilt Werxhausen in Ober- und Unterdorf und dient mit den angrenzenden Wiesen und Wegen als Abkürzung von einer Seite zur anderen. Die Fläche, auf der das Altdorf steht, ist eben, da ist kein Berg, kein Hindernis, meint Anker. Erst eines der Neubaugebiete – das im Struttal – liegt höher.

In den Wiesen befand sich früher auch der Feuerlöschteich, wo man Schlittschuh lief und an dem man spielte, wie Schwedhelm zum Besten gibt. „Und wenn man hineinfiel, gab es gleich zweimal Ärger: vom Lehrer und zuhause.“ Ihre Augen werden wieder ganz klein. Immer wieder bleibt die Gruppe stehen, redet und schwelgt in Anekdoten, Schwänken, Schnurren. Wie die vom Hochwasser: Da paddelten die Jungs in Schlachtemollen auf dem Bach, erinnert sich Anker. Heute plätschert das Rinnsal der Wipper knöchelhoch dahin. „Das kenne ich auch noch“, wirft Schwedhelm ein. „Das war früher immer so, da war der Bach noch breiter.“ Oder die Geschichte vom sogenannten Hexenteich: „Generationen von Jungen haben sich dort die Beine gebrochen oder Kaulquappen gefangen“, kommentiert Anker. Der Teich liegt weit draußen, „mir war es immer ein wenig zu unheimlich dort“. Ebert schmunzelt, als könne er sich an eigene Erlebnisse gut erinnern.

Es ist – wie so oft – das Engagement Einzelner, das die dörfliche Gemeinschaft am Leben hält. Schon ihre Kirche hatten die Werxhäuser selbst errichtet, das allerdings liegt bereits 270 Jahre zurück. „Stellen sie sich das mal vor“, meint Ebert, „sie bauen eine Kirche und dürfen keine Messe abhalten“. Damals hatten die Werxhäuser gehofft, mit eigener Kirche würden sie regelmäßiger als Filialgemeinde betreut. Doch darauf mussten sie noch Jahrzehnte warten.

Heutzutage ist das Lanz-Bulldog-Treffen das größte Fest im Dorf – alle zwei Jahre kommen tausende Gäste und der ganze Ort packt mit an. Anders wäre der Ansturm kaum zu bewältigen. Dabei fing das Treffen klein an, beschreibt Ebert: „Wir schoben ein paar Trecker raus, Menschen hielten an.“ Die Idee war geboren.

Weitere Infos und Bilder zu Werxhausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 3. November. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.