Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wir im Eichsfeld Zwischen den Stühlen, mit sehr vielen Brötchen
Die Region Duderstadt Themen Wir im Eichsfeld Zwischen den Stühlen, mit sehr vielen Brötchen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 24.11.2010
Ein langgezogenes Dorf: Wollershausens Kern um Kirche und Schloss im rechten Bildteil ist von Bäumen weitgehend verdeckt.
Ein langgezogenes Dorf: Wollershausens Kern um Kirche und Schloss im rechten Bildteil ist von Bäumen weitgehend verdeckt. Quelle: Thiele
Anzeige

“ Er lächelt. Knöpfel stimmt ihm zu. „Darauf legen wir wert. Und das ist gar nicht bös’ gemeint. Wir haben nichts gegen die Eichsfelder.“ Aber es ist nun einmal so, dass die Wollershäuser und ihre Nachbarn aus Lütgenhausen sich in zweierlei Hinsicht fundamental vom Untereichsfeld abheben. Zum einen konfessionell, denn das Dorf ist weitgehend evangelisch geprägt. „Da war die Rhume die Grenze“, erklärt Koch. Zum anderen auch politisch. Denn bis zur Gebietsreform 1973 lag das Dorf im Landkreis Osterode. Eigentlich geht es inzwischen mehr ums Prinzip und die Wahrung eines Kerns von Identität. Denn schon lange war man in Wollershausen nach Duderstadt orientiert, besuchte – wie die beiden – dort die weiterführende Schule, ging Einkaufen. Irgendwie saß das Dorf zwischen den Stühlen, schildert Koch: Zum Eichsfeld gehörte man nicht, „für die Pöhlder allerdings schon“. Und das, obwohl sich Pöhlde, ebenfalls evangelisch und nur wenige Kilometer entfernt, bis 1973 im gleichen Landkreis befand.

Die beiden designierten Ortsführer hocken an einem großen Tisch im Büro der Gemeinde im Dorfgemeinschaftshaus, während sie vor Geschichten über die Vergangenheit und Gegenwart des Ortes übersprudeln. Was die landsmannschaftliche und konfessionelle Zugehörigkeit angeht, da gehen sie d’accord. Nur manchmal wirken die beiden älteren Herren wie entfernte Verwandte von Waldorf und Stettler – den pfiffigen, eigensinnigen Figuren aus der Muppet-Show – wenn sie sich nicht einig werden, in welchem Jahr sich ein spezielles Ereignis zugetragen hat, oder wie die genauen Umstände waren. Beide kennen sich aus: Koch, 71-jähriger Ex-Lehrer und Finanzbeamter, der eine Examensarbeit zur Geschichte des Dorfes verfasst hat; neben ihm der 70-jährige Landwirt und ehemalige Universitätsmitarbeiter Knöpfel, dessen Vater den Gutshof ab Mitte der 30er-Jahre verwaltete und dem heute ein Teil der Wirtschaftsgebäude des einstigen Adelssitzes gehört.

Das Dorfgemeinschaftshaus, in dem sie ihre Führung vorbereiten, liegt an einem schmalen Weg, der sich den Berg hinauf windet. Kein Ortsfremder würde am Ende der Straße, die von Joggern und Spaziergängern frequentiert wird, eine kleine Siedlung vermuten. Die entstand nach 1952: Zu dieser Zeit wurde der Grund und Boden des Rittergutes verteilt. Es entstanden neue Hofstellen. „Mitten im Feld, denn da waren die Ländereien“, erklärt Knöpfel. Den Teil der neuen Siedlung, der sich am weitesten oben befindet, nennt man „Kreuzbergsiedlung“, erklärt er, nach der Anordnung in Kreuzform. Diese Häuser liegen fast so weit entfernt wie der Ortsteil Elbingen, der sich vor den Toren von Gieboldehausen befindet. Dorthin seien auch die meisten Bewohner orientiert, „schulisch wie kirchlich“, schildert Knöpfel. „Nur ein Elbinger Organist der hiesigen Kirche, „der wollte unbedingt in Wollershausen begraben werden“.

Am Sportplatz vorbei geht es hinunter ins Dorf, dort, wo sich der große, ehemalige Komplex derer von Minnigerode befindet. „Übrigens eine andere Linie als die in Gieboldehausen“, erklärt Koch und zieht sich Jacket und Schal enger um den Körper. Das Mädchenheim, das 1947 in das inzwischen verwaiste Wasserschloss einzog, war früher präsent im Ort, meint Knöpfel, der nebenan wohnt. „Da büxten die Mädchen immer mal wieder aus. Als man 14 oder 15 war, interessierte einen das natürlich.“ Zwischenzeitlich war der Betrieb ganz eingestellt. Jetzt leben nur einige Familien in den Wirtschaftsgebäuden, im Neubau sind Mutter-Kind-Gruppen. „Heute bekommt man kaum etwas mit“, meint Knöpfel, während er die Brücke mustert. Den Status als eigenständige Gemeinde hatte man damals nur wegen der Heimbewohner behalten dürfen: Aufgrund der 80 Bewohnerinnen und Betreuer kam man über die Grenze von 500 Einwohnern. Mit der katholischen Einrichtung nahm auch die Zahl der Katholiken im Dorf zu. „Vorher waren es höchstens zehn“, erinnert sich Knöpfel.

Hinter ihm befanden sich einst Schafstall und Scheunen, Kuh- und Pferdeställe. Noch heute plätschert Wasser aus einem kleinen steinernen Brunnen mit Trog, der von einer 100 Meter entfernten Quelle gespeist wird. „Da hat sich auch der Pastor sein Wasser geholt.“ Der Wind streicht durch das Schilf im Wassergraben, still liegt der Schlosspark da.
Auch die evangelische Kirche in ihrer heutigen Form geht auf das Hause von Minnigerode zurück. Daran erinnern zwei Denkmale im Innenraum des weiß-roten Gotteshauses. An den Wänden unter der Kassettendecke, die den Altar überspannt, befindet sich ein Epitaph; gegenüber hängt das Bild eines Adelssprosses. Die alte Familiengruft an der Kirchenrückseite ist inzwischen leer. „Nur auf der linken Seite waren die Lütgenhäuser“, erklärt Koch die Sitzordnung bei Gottesdiensten, anhand derer sich nachbarschaftliche Spannungen verdeutlichten. Eine Zeit lang kam auch Streit auf um die Frage, welcher der Weihnachtsbäume in St. Marien schöner sei: Der Lütgen- oder der Wollershäuser. „Inzwischen gibt es nur noch einen.“

Auf dem Weg zur Mühle kommt Knöpfel auf die Infrastruktur zu sprechen. „Mit Brötchen sind wir überversorgt“, meint er und lächelt fein. Mehrere mobile Bäcker steuern das Dorf an. „Ansonsten sieht es eher mau aus.“ Die Mühle erzeugt mit dem Wasser der Rhume inzwischen Strom, berichten die beiden, als sie auf der Wiese neben den Turbinen stehen. Koch zeigt in Richtung der Bäume am anderen Ende der freien Fläche. „Und dort beginnt schon das Eichsfeld.“

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Wollershausen finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 24. November. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.