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Duderstadt Und in den Paneelen das Aroma von Jahrzehnten
Die Region Duderstadt Und in den Paneelen das Aroma von Jahrzehnten
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19:12 07.07.2011
Gefangen in der Provinz: Staatsschauspieler Bruscon (Paul Wenning) auf der Bühne des Ratskellers.
Gefangen in der Provinz: Staatsschauspieler Bruscon (Paul Wenning) auf der Bühne des Ratskellers. Quelle: Tietzek
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Dietmar „Hecke“ Heckerott hofft auf ein gutes Geschäft, denn Sommerzeit ist Sauregurkenzeit für den Wirt des Elferratskellers. Der 51-Jährige steht etwas missmutig am Rande des Tanzsaals, in dem das Deutsche Theater das Stück des Grantlers, Schriftstellers und Dramatikers Thomas Bernhard aufführen will, und zieht die Stirn über der eckigen Brille in Falten. Dass der Kartenvorverkauf schleppend gelaufen ist, kommt ihm da nicht recht. Sein Blick wandert prüfend durch den Raum mit der kleinen Bühne, den zehn Tischen mit Papierdecken und je zehn rustikalen Stühlen, dem Parkett und den hölzernen Deckenrosetten. Aus den Paneelen dampft das Aroma von Schweiß, Rauch und Bier aus Jahrzehnten.

Sonst probt hier die Band der Narren oder Gardemädchen aller Altersklassen – der Mingeröder Carnevals-Verein hat das Gasthaus im Zentrum des Dorfes gepachtet. Im Winter und Frühjahr kommt Bewegung in den Tanzsaal. „Wenn Karneval ist“, sagt Heckerott und seine Miene hellt sich auf, „dann geht es hier ab“, sagt er mit einem breiten Grinsen in seiner an Worten ökonomischen, jovialen Art. Zuviel zu reden, ist bei der Arbeit am Zapfhahn auch wieder hinderlich. Die Verantwortlichen des Deutschen Theaters mit 160 Mitarbeitern und Millionenetat begrüßte er so: „Kommt rein, ihr Lieben.“ Sie haben sich trotzdem für den Saal entschieden – oder vielleicht gerade deshalb. „Perfekt“, fand es Hauptdarsteller Paul Wenning: ein urig-abgerockter Saal, wie man ihn gesucht habe. Perfekt für die Komödie, die für ein Bernhard-Stück nah dran sei am Schwank.

Dass es beim Auftritt des Theaters abgeht wie beim Karneval, scheint Heckerott nicht zu erwarten. Aber trotzdem, „ist eine tolle Sache. Muss ja auch mal andere Gäste kriegen“, argumentiert der Vollblut-Gastwirt in Teilzeit, der seit 23 Jahren in der Küche des Göttinger Klinikums arbeitet und seit 2008 am Abend gemeinsam mit seiner Frau den Ratskeller betreibt. Er selbst verspürt keinen ausgeprägten Bezug zum Theater. Aber vielleicht hilft die Aktion dem Gasthof, in dem die Mingeröder seit 1735 dem Trunke und der Geselligkeit frönen. Die verbliebenen Schenken auf dem Land sind selten auf Rosen gebettet.

Etwas skeptisch sei man im Dorf, denkt Heckerott. „Der Auftritt ist schon ein Thema. Aber der Eintritt: Elf Euro sind ein Wort“, sagt er. „Bei unserer Theatertruppe sind es fünf.“ In der benachbarten Schlachterei, der einzigen Vorverkaufsstelle im Ort, formuliert es Verkäuferin Susanne Schwedhelm zwischen Blutwurst und Gehacktem so: „Bei unseren Jungs ist es ausverkauft. Die sind zum Krachen, ich gehe da seit Jahren hin. Wenn die auf die Bühne kommen, liege ich schon das erste Mal unter dem Tisch“ – lachend, versteht sich. Die Beteiligten kenne man halt. Kommen wird sie trotzdem – schließlich organisiert ihre Tante den Auftritt.

Bis zur Aufführung sind es noch wenige Stunden. Kisten mit Requisiten werden die schmale Treppe hinaufgetragen, durch die knarzende Diele mit vergilbten Fotos in geschnitzten Rahmen – die Ahnengalerie des Männergesangvereins seit seiner Gründung 1879. An der Fensterseite des Saales bringen Techniker Geweihe an, damit es noch mehr nach dem „Schwarzen Hirsch“ im 280-Seelen-Dorf Utzbach aussieht, dem Gasthaus im Stück, das Mitte der 80er-Jahre uraufgeführt wurde.

Die Geschichte ist schnell umrissen: Im Hirschen macht der einstige Staatsschauspieler Bruscon auf seiner Reise durch die Provinz Halt, dort will er mit seiner asthmatischen Frau und den talentfreien Kindern das selbstverfasste vermeintliche Meisterwerk „Das Rad der Geschichte“ aufführen – doch dazu kommt es letztlich nicht. Ein Dorf, in dem es nichts Genießbares gibt als Frittatensuppe, wie der Selbstdarsteller Bruscon, gespielt von Wenning, zu betonen nicht müde wird. Die Provinz ist der Ort, an dem er noch Zuschauer findet, und er hasst sie dafür – eine Reflexion über den Stellenwert von Kultur, Borniertheit und Überlegenheitsgefühl, Stadt und Land. Während der Aufbau im Gange ist, kommt ein angereister Theaterfreund aus Göttingen herein und inspiziert den Saal. „Tolles Ambiente. Die Geweihe dort, wie passend.“

Die Kultur soll raus „in die Fläche“, Mingerode wird zu Utzbach. Der 1400-Einwohner-Ort in dem so viel los ist, wie die Bewohner betonen, mutiert zum Nest. Was sie im Eichsfeld erwartet, wissen die Schauspieler nicht genau. „Die feiern gerne“, war zuvor eine Vermutung. Die zweite Assoziation: „Wurst“.
Während aufgebaut wird, kloppt Wirt Heckerott mit seinem Vorgänger und zwei anderen Spezies Karten im ansonsten verwaisten Schankraum. Guckt sich einer von ihnen das Stück an? „Nee, sind alles Kulturbanausen“, sagt Hecke, schaut zu seinen Mitspielern, lacht herzhaft, beugt sich vor und wirft eine Münze in den Pott. Seine Laune hat sich gebessert. Als er hörte, dass während der Aufführung nicht bedient werden darf, war er wenig begeistert.

Die Feuerwehrleute spielen sich selbst, dementsprechend kurz ist ihre Einweisung im Tanzsaal. „Schürt ruhig ein bisschen Panik“, sagt die junge Regisseurin Sarah Schermuly, die mit 15 Mitarbeitern und Schauspielern angereist ist, zu Ortsbrandmeister Siegfried Mecke und seinem zweiten Jugendwart André Schwedhelm, den einzigen Darstellern aus Mingerode. Einen Satz müssen sie am Schluss rufen. Ihre Rollen werden in jedem Ort mit Einheimischen besetzt. Bei einem vorherigen Auftritt waren die Brandschützer nicht sehr überzeugend. Deshalb die Anweisung an sie: „Laut rufen und ängstlich wirken.“ Beide nicken. „Eigentlich hätte ich eine Sitzung gehabt“, meint Mecke. „Aber zugesagt ist zugesagt.“ Vorsichtshalber hat er der Verwandtschaft mitgeteilt, die Vorstellung sei ausverkauft. Was glatt gelogen war.

Kurz darauf sitzen alle Parteien in der Schankstube: Das Paar aus Göttingen, das den „Theatermacher“ bereits mehrfach gesehen hat. Die Schauspieler und Techniker mit Blick auf den Flachbildfernseher, in dem Fußballerinnen dem runden Leder hinterher hetzen. Die verbliebenen zwei aus der Skatrunde. An der Theke die Feuerwehrleute und ihr inzwischen eingetroffener Kollege Martin Fuhrmann. Sie machen sich über ihr Essen her: Pommes, Curry-Pommes und Jäger-Pommes.

Später im Saal ist das Stimmengewirr immens. Rund 100 Zuschauer: Kein schlechter Schnitt, findet Sebastian Wüstefeld, aber im Vergleich ein Pappenstiel. „Drei Abende mit je 200 Zuschauern“ waren es beim letzten Mal, als er mit seiner Hobby-Theatergruppe einen Schwank auf die Bühnenbretter brachte. Da sei kein Platz mehr frei gewesen. Seit 16 Jahren ist der gebürtige Mingeröder beim Laientheater. Ein Teil seiner Truppe sitzt an einem der mit Blümchen geschmückten Tische, der Rest konnte nicht kommen. Wüstefeld, im Brotberuf Physiotherapeut, freut sich auf die Vorführung der professionellen Kollegen. „Spannend zu schauen, wie andere es machen“, sagt der 35-Jährige, der zu Proben schon eine Anreise von 170 Kilometern in Kauf nahm – wochenlang.

Der Vorhang teilt sich nicht, Bruscon poltert gleich durch die Zuschauerreihen, aus Lautsprechern kommt Schweinegrunzen. Er schimpft und schwitzt und schüttet in absurder Überspitzung kübelweise Häme über dem Kaff aus. „Utzbach wie Butzbach“, ist sein Mantra der Verachtung. „Als ob die Zeit stehen geblieben wäre... Absolute Kulturlosigkeit. Trostlos.“ Er räsoniert in einem Quasi-Monolog über Schweinegestank und Blutwursttag – zum Amüsement der Zuschauer. „Hier wurde doch seit Jahrzehnten kein Theater gespielt“, provoziert ein „Ey!“ von den Tischen; Schadenfreude wallt auf, wenn Bruscon über „verbohrte Feuerwehrleute“ schimpft oder Frau und Kinder schikaniert.

Währenddessen steht Heckerott am Tresen, zapft hin und wieder ein Bier und sieht in der Küche nach dem Rechten. Muss ja.

Nach einer Stunde, kurz vor Ende, kurz bevor Bruscon sein Stück im Stück zur Aufführung bringen will, öffnet sich die Tür. Unter lautem Rufen und in fast überzeugender Panik schießen die Feuerwehrleute herein. „Es brennt, der Pfarrhof brennt.“ Im Johlen des Publikums gehen sie fast unter. Abgang Feuerwehr, dann Stille. Bruscon hebt an. „Leer ist der Saal, vollkommen leer. Als ob ich es geahnt hätte.“ Eine verdutzte Sekunde, dann zehnminütiger Applaus, der noch anschwillt, sobald die Brandschützer, unter professionellen Verbeugungen, in Sicht kommen.
Das Urteil am Tisch der Laientheatergruppe fällt wohlwollend aus. „Am besten war, mittendrin zu sein.“ „Schönes, modernes Stück.“ Dass das Dorfleben durch den Kakao gezogen wurde: kein Problem. „Ach was, Schweineställe und so, das gibt es hier nun einmal.“ Nur Wüstefeld fühlte sich hin und wieder an der Ehre gepackt. „Da wollte ich schon rufen: ‚Dann probier doch mal Eichsfelder Mettwurst‘ oder so etwas.“ Gab es Inspiration für die eigenen Stücke? Nein, nicht so recht. „Wir spielen ja immer drei Akte und zweieinhalb Stunden, und etwas derber und bodenständiger ist es auch. Das ist auf dem Eichsfeld so: Die Leute hier müssen gekitzelt werden.“

Der Saal leert sich zügig, nur im Schankraum herrscht Betrieb. Am Stammtisch sitzen einige Herren vom Männergesangverein. Gesungen wird im ältesten Verein des Dorfes mangels Masse nicht mehr. Doch jeden ersten Freitag im Monat kommt man zum Bier zusammen. Die Laienspielgruppe bespricht am Nachbartisch das Gesehene. Ihre Kollegen vom DT haben Essen bestellt. Keine Frittatensuppe. Sondern zehn Portionen Schnitzel und Pommes. Hecke balanciert eine Ladung auf dem Arm herein. „Ist mehr los als sonst.“ Er sieht zufrieden aus.
Die Tour geht weiter: 27. August, Gasthaus Plumbohm, Barterode; 3. September, Bürgerhaus Seulingen. Karten gibt es beim DT, Telefon 0551 / 49 69 11.

Von Erik Westermann