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Duderstadt Uraltes Würzmittel kommt zu neuen Ehren
Die Region Duderstadt Uraltes Würzmittel kommt zu neuen Ehren
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06:17 21.03.2012
Würzmittel mit langer Geschichte: Senf gibt es in zahlreichen Schärfegraden und verschiedenen Geschmacksrichtungen.
Würzmittel mit langer Geschichte: Senf gibt es in zahlreichen Schärfegraden und verschiedenen Geschmacksrichtungen. Quelle: Thiele
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Eichsfeld

Doch die scharfe Paste – vor Jahrtausenden ein unverzichtbares und gesundes Würzmittel – wird, gemessen an seiner Vielfalt, mittlerweile viel zu selten zum Kochen eingesetzt. Die Landfrauenvereine Rhumetal und Bodensee aus dem Eichsfeld wollen das gemeinsam mit vielen Mitstreiterinnen aus Niedersachsen ändern, und Senf zu neuen Ehren verhelfen.

„Frauen aus beiden Vereinen beteiligen sich an einem Kochwettbewerb des Niedersächsischen Landfrauenverbandes sowie des Landfrauenverbandes Weser-Ems, die von der Einbecker Senfmühle unterstützt werden. Ziel ist, unsere traditionelle Landküche wieder zu beleben und andere zum Ausprobieren anzuregen“, erklärt die Vorsitzende des Kreislandfrauenverbandes Duderstadt, Michaela Diedrich aus Rhumspringe. Neben den Rezepten kommen aber auch die Köchinnen zu Ehren, denn die besten Rezepte werden später in einem Kochbuch veröffentlicht.

„Wir wollen uns ja nicht blamieren“

Beim Probekochen wollen die Eichsfelderinnen an Herd und Zunge testen, was später als Beitrag zum Wettbewerb eingereicht werden soll. „Wir wollen uns ja nicht blamieren“, betont Diedrich, die ihre Küche für das „Experiment Senf“ zur Verfügung gestellt hat. Gemeinsam mit Mechthild Pape und Kathrin Merten (beide Lütgenhausen) vertritt Diedrich den Verband Rhumetal beim Kochwettbewerb. Die drei Frauen werkeln emsig in Diedrichs Küche, schälen Kartoffeln, schneiden Gurken und rühren Senf in eine Quarkmasse. „Senf ist ja nicht gleich Senf“, weiß Pape, die nicht nur den Unterschied zwischen scharfer und süßer Paste kennt. „Mittlerweile gibt es unzählige Sorten. Mit Kräutern, Chili, Trauben oder Feigen, sogar speziell für Käse“, zählt Merten nur einige auf.

In Rhumsprige entstehen an diesem Nachmittag eine Senf-Topfencreme auf verschiedenen Brotsorten als Vorspeise.  Das Hauptgericht besteht aus Fischfilet mit Senf und Tomatenüberzug und einem Gurkensalat mit Senf-Dressing. Zum Einsatz kommen dabei Trauben- und Feigensenf sowie scharfer Senf für den Fisch. Knapp eine Stunde würzen, schälen und kochen die drei Frauen, dann stehen die Gerichte auf dem Tisch und verbreiten einen leckeren Duft. Die Teller werden angerichtet, die erste Gabel zum Mund geführt. „Lecker“, befinden die Köchinnen einhellig, „das können wir getrost für den Wettbewerb einreichen.“

Turbulent ist es beim Probekochen der Landfrauen des Vereins Bodensee – doch von Hektik keine Spur. Fünf Frauen stehen in der Küche der Vorsitzenden Anni Brandfaß: Marita Bornemann, Birgit Trümper, Helga Henniges, Wilbürgis Niesmann und Beatrix Heine sind die Damen, die Brandfaß nicht lange davon überzeugen musste, am Wettbewerb teilzunehmen.

Wie vielseitig Senf sein kann

Es geht los. Obst und Gemüse, Fisch, Hackfleisch, Käse, Brötchen und Vieles mehr sind schnell auf den Arbeitsflächen verteilt, Schneidebretter, Messer, Becken, Töpfe und Auflaufformen stehen schon bereit. Und natürlich wieder Senf, von Chili- über Traubensenf bis hin zur feinscharfen Variante. Jedes Gericht soll seine eigene Note bekommen. Kochen die Frauen denn häufig mit Senf? „Klar“, nickt die Runde sofort. Senf sei eine tolle Möglichkeit, verschiedenste Gerichte schnell gut zu würzen. Wie vielseitig Senf sein kann, zeigen die Rezepte, die jetzt zubereitet werden und die allesamt eingeschickt werden, um beim Wettbewerb zu punkten: Matjesrouladen, Spieße mit Gemüse und Minifrikadellen, Pizzabrötchen, Wirsing in Senf-Sahne-Soße, Obstsalat mit Nüssen und Käse, Kiwi-Gurkensalat und sogar ein Dessert – alles mit Senf. Auch das Dessert? „Wir wollten unbedingt auch ein Dessert dabei haben“, erklärt Bornemann.

Während die anderen Gerichte aus der täglichen Küche der Damen stammen, kreierte Brandfaß das süße Rezept eigens für den Wettbewerb. Ihr schwebte etwas Fruchtiges vor, und da habe sie „einfach mal rumprobiert“, lacht sie. Ergebnis: Eine Apfelcreme mit Senfnote, die „toll zu einem Zwetschgenkompott passt“. Die anderen nicken, das Rezept habe sie sofort überzeugt.

Vorher gibt es noch ein Glas Sekt

Haben sie denn Chancen, mit einer ihrer Ideen im Buch der Gewinnerrezepte zu landen? Bescheidene Stille. „Ja...“, bricht Brandfaß leise das Schweigen.  „Doch schon“, stimmt die Runde dann überhaupt nicht mehr zurückhaltend zu. Vor allem das Wirsinggemüse und die Matjesrouladen, die wie Rinderrouladen vorbereitet und anschließend im Ofen mit Käse überbacken werden, hätten großes Potenzial, finden Bornemann und Henniges.

So schnell die Gruppe loslegte, so schnell ist sie plötzlich beim Anrichten, erste Teile werden schnell schon mal abgewaschen. Das Menü ist fertig, und von Unordnung in der Küche keine Spur. Stress? „Wir hatten das ja gut vorbereitet“, so Brandfaß. Im Esszimmer wartet schon der gedeckte Tisch, um die Leckereien nun auch zu probieren. Vorher gibt es noch ein Glas Sekt. „Auf uns und das tolle Essen.“ Dann lassen die Damen es sich schmecken. „Und wenn es nun mit dem Wettbewerb nichts wird“, finden sie, „hatten wir immerhin einen tollen Nachmittag“.

Von Anne Eckermann und Christina Stender

Senf: Vor 3000 Jahren schon geschätzt

Senf war schon vor mehr als 3000 Jahren in China als Gewürz hoch geschätzt. Über Kleinasien gelangte die scharfe Würzpaste nach Griechenland, wo sie im 4. Jahrhundert vor Christus auch  als Heilmittel bekannt war. Das erste überlieferte Rezept zur Senfzubereitung verfasste der Römer Columella im 1. Jahrhundert nach Christus. Im 8. Jahrhundert dann wird Senf in einer Schrift Karls des Großen zum ersten Mal in Mitteleuropa erwähnt und wurde – von arabischen Pflanzungen in Spanien aus verbreitet – an den europäischen Tafeln bald zu einem unverzichtbaren Gewürz. So ernannte Papst Johannes XXII. beispielsweise einen seiner Neffen zum „Grand moutardier du pape“ – also zum „Großen päpstlichen Senfbewahrer“. Vor der breiten Verfügbarkeit von Pfeffer und später auch Chili waren Senf und Meerrettich die einzigen scharfen Gewürze, die europäischen Köchen zur Verfügung standen – entsprechend weit waren sie verbreitet. asg