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Duderstadt „Viele Meinungen bedeuten Reichtum“
Die Region Duderstadt „Viele Meinungen bedeuten Reichtum“
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18:57 13.03.2012
Gute Ideen umsetzen: Politischer und kultureller Austausch unter Jugendlichen fördert Verständnis.
Gute Ideen umsetzen: Politischer und kultureller Austausch unter Jugendlichen fördert Verständnis. Quelle: Foto und Montage Thiele
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Eichsfeld

„Frauenrechte, Waffenhandel, Presse- und Meinungsfreiheit oder die russischen Wahlen – das sind alles interessante Themen, für die sich ein Einsatz lohnt“, findet die 16-Jährige Wüstefeld. Sie wurde auserwählt, als Delegierte zum European Youth Parliament (EYP) nach Istanbul zu reisen, wo sie mit anderen jungen Menschen aus Europa internationale Themen bearbeiten wird. Allerdings vertritt Julia nicht ihr deutsches Heimatland, sondern Finnland, wo sie seit ihrem dritten Lebensjahr mit ihrer Familie lebt. Julias Eltern kommen aus Mingerode. Dort wohnt noch ihre Oma, und auch die übrige Verwandtschaft verteilt sich im Untereichsfeld. Diese Wurzeln pflegt die Schülerin mit mehreren Besuchen im Jahr. Zur Zeit verbringt sie hier die finnischen „Skiferien“.

„Meine Familie war schon immer politisch informiert und hat das in Gesprächen an mich weitergegeben“, beschreibt Julia Gründe für ihr frühes Interesse am Weltgeschehen. Eines Tages stellten Mitglieder des Jugendparlaments ihre ehrenamtliche Arbeit an Julias Schule vor, und einige Schüler entschlossen sich mitzumachen. „Das beginnt zunächst auf der regionalen Ebene, aber wer Interesse hat, kann schnell weiterkommen, erst auf die nationale Ebene und schließlich im internationalen Rahmen“, beschreibt die deutsche Finnin ihren Werdegang. Grundvor-aussetzung sei allerdings gutes Englisch für die gesamte Kommunikation im EYP.

Entwicklung der Persönlichkeit

Aber was können Jugendliche in der europäischen Politik ausrichten? „Immerhin war eine Resolution des Jugendparlaments so gut, dass sie im Europäischen Parlament vorgetragen wurde. Ob wir wirklich etwas bewirken können, weiß ich nicht, aber die Mitgliedschaft im EYP trägt auf jeden Fall zur internationalen Verständigung unter Gleichaltrigen und zur Persönlichkeitsentwicklung bei“, sagt Julia.

Bei den Treffen des Jugendparlaments steht zunächst das Teambuilding auf dem Programm, wo sich die Jugendlichen in zwölf Komitees zu aktuellen Themen aufteilen. Hier werden Fragen erörtert und Problemlösungen festgehalten. Dann verfasst jedes Komitee eine Resolution, die am nächsten Tag in der General Assembly, der parlamentarischen Vollversammlung, in einer Rede vorgetragen wird. Anschließend dürfen in einer offenen Debatte alle Beteiligten die Resolutionen attackieren, zerpflücken, Schwächen suchen, diskutieren und verteidigen.

„Das ist sehr interessant, weil wir hier lernen, dass man alles von mehreren Seiten betrachten kann. Für die persönliche Meinung spielen die eigenen Voraussetzungen, das Umfeld, der Kulturkreis und die jeweilige Mentalität eine Rolle“, erklärt Julia. Durch das Erfahren anderer Sichtweisen würde sie ihre Meinung manchmal revidieren – oder eben um so deutlicher vertreten, wenn sie voll und ganz zu ihrer These steht.

Nervös vor erster Rede

„Natürlich war ich das erste Mal nervös, als ich eine Rede vor all den Menschen halten sollte, aber solche Aufgaben schulen die eigene Sicherheit und tragen viel zur Persönlichkeitsentwicklung bei“, nennt Julia die Vorteile. Außerdem würde es riesigen Spaß machen, auf den Foren verschiedene Leute aus ganz Europa kennenzulernen. „Es wird immer gesagt, wir sind die Zukunft. Durch die Arbeit im Jugendparlament durchschaue ich internationale Zusammenhänge, und ich werde andere Positionen auch besser verstehen, wenn ich älter bin.

Das kann sich in jedem Beruf positiv auswirken“, sagt sie. Nach Bankenkrisen, Staatspleiten und Rettungsschirmen wird die europäische Vereinigung vielerorts in Frage gestellt, aber Julia steht dazu: „Gute Ideen lassen sich besser in einer großen Union umsetzen. Viele Meinungen bedeuten Reichtum, man sieht alle Seiten und findet Kompromisse, die für alle tragbar sind. Daraus erwächst Toleranz und Verständnis füreinander.“

Beruflich hat Julia nicht den Weg in die Politik geplant. Sie will Ärztin werden. Aber sie weiß, dass politisches und soziales Interesse ein Teil ihres Lebens bleiben wird.

Europäisches Jugendparlament

Das Europäische Jugendparlament ist in Deutschland ein eingetragener Verein, der dem europäischen Dachverband European Youth Parliament (EYP) angehört. Seit 1990 gibt er Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren eine Plattform zur Meinungsäußerung zu europäischen Themen. Das EYP wird ehrenamtlich von Schülern und Studenten getragen, hat aber kein politisches Mandat. Jugendliche sollen im politischen und kulturellen Austausch Visionen von der Gegenwart und Zukunft des Kontinents formulieren. Die Formate der Veranstaltungen sind Parlamentssimulationen mit Sitzungen, Ausschussarbeit und einer parlamentarischen Vollversammlung, wo die erarbeiteten Resolutionen von den Jugendlichen vorgetragen werden. Bei den internationalen Jugendkonferenzen entscheidet ein Auswahlverfahren, wer daran teilnimmt. Ziel ist, Politik und Demokratie erlebbar  zu machen und eine gemeinsame europäische Identität zu entwickeln.

Von Claudia Nachtwey