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18:52 26.08.2011
Wehrdienstberater Eckermann: Ein Job zwischen Lebensberater, Torwächter und Personalbeschaffer.
Wehrdienstberater Eckermann: Ein Job zwischen Lebensberater, Torwächter und Personalbeschaffer. Quelle: Blank
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Peter Eckermann blättert durch die abgestoßene, fleckige Bewerbungsmappe des Kandidaten H., der ihm gegenübersitzt. Er runzelt missfallend die Stirn. Der zackige Stabsbootsmann mit dem kurzen Schnurrbart ist einer von vier Karriereberatern der Zweigstelle Göttingen und für die Bereiche Duderstadt und Bad Lauterberg zuständig. Alle zwei Wochen ist er, der selbst im nahen Breitenberg lebt, vor Ort im Duderstädter Stadthaus, in Zimmer 67, „als Service“. Für diesem Montag haben sich vier Interessenten gemeldet. Frauen sind diesmal nicht unter den Rekruten in spe, obwohl sie sonst rund 25 Prozent seiner Gesprächspartner ausmachen.

Abwechselnd macht Eckermann Stippvisite: in Duderstadt und Bad Lauterberg. Hin und wieder muss die Sprechstunde auch ausfallen, aus Mangel an Interessenten – wie es in den Wochen zuvor der Fall war. Eine Sache, die eigentlich weniger gut passt, denn die Bundeswehr hat ein Soll vorgegeben: 16 000 neue Soldaten werden jedes Jahr gebraucht, 16 000 neue Zeit- und Berufssoldaten, Offiziere, Unteroffiziere, Feldwebel und Mannschaftsdienstgrade. Und seit neuestem ist da auch noch Konkurrenz auf dem Armee-Markt: Seit der Aussetzung der Wehrpflicht gibt es den Freiwilligen Wehrdienst (FWD) – das macht die Sache nicht leichter, sagt Eckermann und lehnt sich in seinem Freischwinger zurück.

Denn warum soll man sich für mehr als 23 Monate (und im Extremfall bis zu 17 Jahre) verpflichten, wenn man erst einmal hineinschnuppern und schauen kann, was das für ein Verein ist? Eckermann kann das nachvollziehen, sagt er. Und auch für die 3400 Kandidaten, die zum 1. Oktober ihren FWD antreten, war es ein überzeugendes Argument.

Auf sie hat es Eckermann nicht abgesehen. Der Stabsbootsmann mit mehr als zwei Dutzend Dienstjahren hat solche im Visier, die länger dienen wollen als die maximal 23 Monate, die der seit Anfang Juli in Kraft getretene Dienst an der Waffe vorsieht. Er zählt auf junge Menschen, die einen krisensicheren Job suchen, studieren oder eine Berufsausbildung absolvieren wollen.

Doch mit dem heutigen Kandidaten H. ist Eckermann nicht zufrieden. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Das wird auch Herrn H. deutlich. Der Mittzwanziger mit sich lichtendem Haar war schon einmal zur Beratung da gewesen. Scheinbar war Eckermann überzeugend: Diesmal hat der Mittzwanziger seine Bewerbungsunterlagen dabei. Denn nach einer Tätigkeit als Koch will er wieder zurück, weil ihm die Kameradschaft und die Aussicht, im Ausland den Frieden zu schützen so gefallen, jedenfalls steht das in seinem Bogen. Vermutlich ist es eher das Einstiegsgehalt, das ihn reizt? Bei 1500 Euro netto geht es los.

Auf vier Jahre will sich H. verpflichten, beim Heer als Verpflegungssoldat. Doch seine Karten sind schlecht, wenn man das finstere Gesicht Eckermanns, des Torwächters zur Armee, betrachtet.

„Guter Mann“, setzt der Stabsbootsmann an, dehnt das U bis es kurz vor dem Zerreißen steht, hebt den Kopf und blickt seinem Schützling kritisch in die wässrig-blauen Augen. „Was soll das hier?“ Herr H., ein Sorgenfall, rutscht in seinem engen Karohemd immer tiefer in den Stuhl. „Tauglichkeitsgrad B habe ich noch nie gesehen...hier fehlt ein Zeugnis....Und hier, das haben Sie doppelt eingetragen.“ Er schüttelt den Kopf. Herr H. wird es wohl nicht einmal bis zum Auswahlverfahren nach Hannover schaffen, wo angehende Zeitsoldaten auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor über ihre Eignung entschieden wird. Spätestens 15 Fehler in einem Absatz seines Lebenslaufes haben ihm das Genick gebrochen.

Als H. die Tür zu dem kargen Verwaltungszimmer im Duderstädter Stadthaus mit dem Dreieck Stuhl-Tisch-Aktenschrank, hinter sich geschlossen hat, wird Eckermann deutlich. „Wir müssen starke Nerven haben. Das tut weh, wenn man so viel Herzblut investiert hat und das so honoriert wird.“ Schon bei ihrem ersten Treffen habe er ihm konkret gesagt, wie die Bewerbung zu gestalten sei. Auch wenn dringend Leute gesucht werden: Allein das Auswahlverfahren im Zentrum für Nachwuchsgewinnung Hannover – eins von vieren in Deutschland –, mit seinen umfangreichen psychologischen und körperlichen Tests kostet rund 2400 Euro pro Bewerber. Die Inter essenten für die Laufbahnen Feldwebel, Unteroffizier und Mannschaften kommen in die Stadt an der Leine – die Offiziersanwärter haben ein eigens Auswahlzentrum in Köln, die Marine in Wilhelmshaven.

8000 junge Männer und Frauen aus allen fünf nördlichen Bundesländern wollen jährlich an dem eineinhalbtägigen Auswahlverfahren in Hannover teilnehmen – nur 6000 von ihnen dürfen den Test absolvieren. 2000 erfüllen die Standards der Bundeswehr nicht, wie der Leiter der Karriereberatung Norddeutschland, Oberstleutnant Peter Egger, erläutert. Eckermann formuliert es ganz ähnlich: „Wir suchen junge, dynamische Leute“, sagt er. Und schließlich muss in Zeiten des Umbruchs auch bei der Bundeswehr gespart werden.

Wenig geeignete Kandidaten sind nur ein Problem für den Wehrdienstberater, der von seiner Arbeitsstelle Göttingen aus die Provinz bereist. In Zeiten guter Arbeitsmarktzahlen geht auch das Interesse an der Bundeswehr zurück. In Duderstadt, erklärt Eckermann, gebe es weniger Nachfrage als im nahen Bad Lauterberg. „Man merkt die höhere Arbeitslosigkeit dort.“ Die gute Konjunktur, die Demografie, „und dann ein kritischer Bericht über Afghanistan, weil da wieder etwas passiert.“ Es ist ein hartes Brot. Die Finanzkrise hingegen war gut: „Die Leute wurden entlassen und kamen zu uns.“

„Allein im Bereich Techniker haben wir derzeit 500 offene Stellen“, erklärt er dem frischgebackenen Abiturienten, der als nächster herein kommt. Denn in seinem Wunsch-Ausbildungssegment Veranstaltungskaufmann kann ihm der Berater nun wirklich nichts bieten. Erst fühlt er vor, in lockerer Atmosphäre, „das ist ja kein Verkaufsgespräch hier“, sagt er zu dem sportlichen Gymnasiasten in schwarzer Strickjacke. Eine Stunde mit Peter Eckermann – da nn sollte er eine Ahnung davon haben, ob er zum Bund will oder nicht. Lob und Tadel sind seine Rechte und seine Linke – beide mit ausreichend Schlagkraft. Vor zehn Jahren hat der gelernte Schiffstechniker den Job erlernt – „ein Autoverkäuferlehrgang“, Eckermann grinst nur halb unterdrückt, und dann ging es ins Personalwesen. „Hätte ich auch nicht gedacht dass ich das mal mache“, doch die Gesundheit ließ es nicht anders zu.

Bei dem Abiturienten beginnt der Breitenberger wieder bei Alpha. Viele der Erstberatenen haben wenig Ahnung von dem, was sie erwartet. Zum Beispiel die Dienstgrade: „Stell dir das vor wie ne Leiter. Unten stehen Schütze, Flieger und Matrose. Dann schaukelt man sich langsam hoch.“ Der Abiturient nickt beflissen. Dann klöppelt er auf der Werbetrommel: „Oft höre ich von den Leuten: Ich will eine abwechslungsreiche Tätigkeit mit einer physischen Komponente. Das trifft genau zu.“ Als er später den Bewerbungsbogen probehalber erklärt, kommt er zur Frage der Motivation. „Lass mal deiner poetischen Ader freien Lauf. Schreib fünf Sätze, warum du Soldat werden willst. Das geht.“ Der junge Mann ist sichtlich interessiert. Er bekommt eine Reihe von Hochglanzbroschüren zur Information. Inzwischen existieren gar Service-Hotlines für Bewerber. „Früher hieß es: Warum rufen die wieder an, die nerven“, sagt Eckermann später. Heute ist die Bundeswehr ein ganz normaler Arbeitgeber – jedenfalls, was die Notwendigkeit für sich zu werben angeht.

Wehrdienstberater und Mitarbeiter des Zentrums für Nachwuchsgewinnung NORD steht auf seiner schnörkellosen Visitenkarte. Eigentlich müsste dort etwas anderes stehen. Denn „das ist immer auch ein Stückchen Lebensberatung hier“, sagt Eckermann und schlägt die Beine übereinander. Manche bringen auch ihre Eltern mit. Und gelegentlich müssen schon einmal Tränen getrocknet werden, wenn die junge Dame, die unbedingt Sanitäterin werden will, mit einem Meter neunundfünfzig schlicht einen Zentimeter zu klein für den Job ist. Andere wieder sind zu dünn, gerade die Mädchen. Anderen sagt er Sätze wie: „Du musst endlich in die Strümpfe kommen. Da haben auch deine Eltern ein Interesse dran. Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Wer sich heute bewirbt, kann frühestens 2012 mit seiner Einstellung rechnen.

Manchen jungen Menschen muss er erst an die Realität heran führen. „Da lief gestern ein Film wie Top Gun auf im Fernsehen, dann wollen sie alle Piloten werden. Die Leute muss man erst mal wieder runterholen“, sagt der 51-Jährige und lehnt sich wieder entspannt zurück, nachdem der dritte Interessent des Tages den Raum verlassen hat. Kampfschwimmer wollte der Schüler mit dem Hauch von Kindheit im Gesicht werden, eine Reportage habe er gesehen. Da hat Eckermann ihn ein wenig zurechtgestutzt, trotz der breiten Schultern des Jungen und dessen sportlicher Statur. „Gehen Sie künftig erst mal leistungsmäßig schwimmen. Nicht planschen, morgens um 5 Uhr müssen Sie Bahnen ziehen. Und dann schicke ich Sie mal nach Eckernförde, zur Kampfschwimmerstaffel für ein paar Tage.“

Die große Fensterfront im Beratungszimmer gibt den Blick auf den benachbarten Friedhof frei. Keiner der Kandidaten an diesem Montagmorgen schaut hinaus, aber doch steht das Thema, die reale Gefahr, als Soldat im Einsatz zu sterben, immer unausgesprochen im Raum. „Wie ist das mit den Auslandseinätzen“, fragt der junge Gymnasiast irgendwann verdruckst. Eckermann geht in die Offensive: „Da stehen sie in der vordersten Reihe. Aber ob Kampfschwimmer überhaupt das Richtige ist, wenn Sie schon so kritisch fragen?“ Sichtlich peinlich ist dem knapp 18-Jährigen das, er senkt die Augen. „Soll ich fragen, meine Mutter macht sich Sorgen.“

Wer einen Termin für die nächste Karriereberatung der Bundeswehr in Duderstadt, Stadthaus, Zimmer 67, vereinbaren möchte, wendet sich an die Wehrdienstberatung Göttingen, Telefon 05 51 / 5 07 46 09.

Von Erik Westermann