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Duderstadt Vor 15 Jahren erster Gig, jetzt erster Live-Clip
Die Region Duderstadt Vor 15 Jahren erster Gig, jetzt erster Live-Clip
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18:56 09.08.2011
Nicht im Mainstream, aber erfolgreich: Die heutige Formation von The Atmosfear um Frontman Olle Holzschneider (2.von links).
Nicht im Mainstream, aber erfolgreich: Die heutige Formation von The Atmosfear um Frontman Olle Holzschneider (2.von links). Quelle: EF
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Wir haben jetzt das fünfte Album auf dem Markt“, sagt Olle – Oliver Holzschneider. „Das ist nicht so viel in 15 Jahren, liegt aber an Umstrukturierungen innerhalb der Band. Immer wenn es gut läuft, kommen irgendwo Probleme, einer steigt aus und wir müssen uns neu sortieren“, schildert der Frontman seine Erfahrungen. Selbst eine Europatour wurde wegen eines Austritts schon abgeblasen. Selbstgemachte Musik abseits des Mainstream – das wird selten mit Erfolg in Verbindung gebracht. Doch The Atmosfear beweist: Auch mit Musik für ein kleines, aber anspruchsvolles Publikum kann eine Band über Jahre Bestand haben. Und das trotz Wurzeln in einer ländlichen Region, statt in einer Großstadt mit entsprechender Szene.

Bevor der gebürtige Duderstädter Mitte der 90er-Jahre The Atmosfear aus der Taufe hob, war er Sänger bei der Eichsfelder Band Silly Season. Singen kann er also auch, aber das macht er heute selten. Umso mehr growlen und grunten. Gutturale Laute aus tiefster Kehle sind seine Spezialität. „Metal hat mich fasziniert, seit ich zwölf war. Bei Silly Season wollte ich schon in eine härtere Richtung, aber das passte nicht zum Rest der Band. Als wir dann in der ersten Formation von The Atmosfear das erste Album mit eigenen Songs rausbrachten, waren wir total überrascht von den guten Kritiken in Metal-Magazinen weltweit“, erinnert sich Olle an die Anfänge.

Zwar habe es auch in den 90ern nur eine bescheidene Metal-Szene in Duderstadt gegeben, aber beim ersten Auftritt in der Musikwerkstatt 1995 kamen Fans aus der ganzen Umgebung. „Das ist bis heute so. Die Musik mag nicht jeder, und so verteilt sich die Szene in einem sehr großen Radius und nimmt weite Anfahrten in Kauf. Für unsere Live-Gigs fahren wir durch Deutschland, Holland, Dänemark und Tschechien“, erklärt er.

Heute beklagen die einheimischen Bands mangelnde Auftrittsmöglichkeiten im Eichsfeld. „Das war schon immer so“, bestätigt Olle. „Früher gab es auch nur das Jufi (Jugendfreizeitheim, Anm. der Red.) und die Werkstatt. Heute bietet das Jufi gute Möglichkeiten, die aber bis auf den Metal-Winter kaum genutzt werden. Für Gigs im Jufi mussten wir damals von der Technik bis zur Security alles selbst auffahren. Das United Forces Festival, das jedes Jahr in Osterode stattfindet, hatte seinen Ursprung in Duderstadt“, erzählt der Frontman. Allerdings sieht er in Duderstadt auch gewisse „Kleinstadtvorteile“. „Ich kann jungen Bands nur raten, alle ihre Beziehungen zu nutzen. Mein Aussehen erschreckt vielleicht manche Leute. Aber ich hatte durch meinen Zivildienst bei der Lebenshilfe einen guten Draht zu katholischen Einrichtungen und bin auch in Duderstadt zur Schule gegangen. So haben uns bei unseren Konzerten hauptsächlich das Eichsfeld-Gymnasium und die katholische Kirche mit Equipment und Technik unterstützt, oder die Sparkasse als Sponsor, weil man uns kannte“, sagt Olle.
Der Austausch sei heute jedoch ein anderer geworden. Es fehle an nicht-digitalen Treffpunkten für Musiker. Zu Atmosfear-Anfängen habe ein reger Kontakt zu anderen Bands bestanden, wo Tipps und Erfahrungen – oder Mikros und Kabeltrommeln – weitergereicht wurden. „Es gab Anlaufpunkte, wo sich alle aus der Musikerszene trafen. Dazu zählten die Musikwerkstatt, die Kneipe Titanic und der Copy-Shop von Hansi Peter, der alle mit Flyern und Plakaten versorgte. Heute trifft man nur noch jemanden, wenn man sich verabredet. Der Rest läuft über Facebook“, klagt der Musiker, der inzwischen mit Frau und Tochter in Göttingen wohnt.

Auch das Business sei härter geworden. „Kontakte und Bookings wurden früher oft unter den Bands klargemacht. Heute kommerzialisiert sich alles, ohne Agenturen läuft nichts, und von den Veranstaltern wird ein großer Teil des Risikos auf die Bands abgeladen“, vergleicht er. Andererseits sei es einfacher geworden, eine Zielgruppe zu erreichen, auch wenn die Musikrichtung nicht dem Mainstream entspricht. „Ein professioneller Live-Clip bei You Tube ist schon aufregend. Ob das gut wird, hängt ja nicht nur von uns ab. Wir müssen uns nicht nur bei technischen Fragen auf viele andere Leute verlassen“, sagt Olle.

Gefilmt wird mit acht Kameras beim Live-Gig in Göttingen in der „Schlachtnacht“, die am 26. und 27. August im Juzi läuft. Hier werden auch die Songs aus dem aktuellen Album „The World is Grey“ zu hören sein. Die heutigen Atmosfear-Musiker sind neben Olle Andy Wendtland, Lars Henkel, Frank Schumacher und Sascha Mordtmann, aber auch Ex-Mitglied Marco Göbel ist noch im Hintergrund dabei – zuständig für Technik, Dateien, Booklet und Homepage. Ihre Wurzeln haben alle Bandmitglieder in der Region zwischen Eichsfeld, Südharz und Göttingen.

Von Claudia Nachtwey